Springreiten
Paul Estermann: Mit dem Herz bereits in Rio

Paul Estermann startet am CSI Basel und flirtet bereits mit Olympia 2016. Doch auf dem internationalen Pferdemarkt wird um die Tiere gebuhlt und gefeilscht. Nicht selten erhalten die Pferde kurzfristig einen neuen Besitzer.

Mira Güntert
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Zukunftshoffnung: Paul Estermann posiert mit seinem Pferd Lord Pepsi.

Zukunftshoffnung: Paul Estermann posiert mit seinem Pferd Lord Pepsi.

KEYSTONE

Die Sonne im drückenden Hochsommer prallt auf den Platz, sämtliche Augen sind auf ihn gerichtet: Mehr als einen Fehler darf sich Paul Estermann jetzt nicht erlauben, sonst wars das mit dem Schweizer Olympia-Traum. Doch der nervenstarke Luzerner lässt sich nicht beirren, führt seine Stute Castlefield Eclipse ohne Abwurf durch den Parcours.

Das Happy End der Europameisterschaft in Aachen ist aber mit dem Ticket nach Rio noch nicht fertig geschrieben: Dank späteren Patzern der Briten und Franzosen rutschen die Reiter in den roten Jackets auf den Bronzeplatz vor.

Momentan ist Paul Estermann nicht im Dienste seiner Equipe unterwegs. Er konzentriert sich auf sich und seine drei Pferde «Milly», wie er seine EM-Heldin liebevoll nennt, und die jungen Wallache Lord Pepsi und Castlefield Hunter. Mit seinen drei Vierbeinern geht der 52-Jährige im Januar in Basel an den Start.

Er sagt sogar: «Ich will in allen 5-Sterne-Prüfungen ein Pferd einsetzen.» Sagt es, ohne dabei ein langes Gesicht zu machen. Denn es geht um viel. Für Estermann und alle weiteren potenziellen Rio-Kandidaten zieht sich der Vorhang auf, um sich dem Equipenchef zu präsentieren. Auch in Basel will Andy Kistler die Augen offen halten, sodass er für den folgenden August auf die richtigen Pferde setzt.

Kaufen und verkaufen

Ob überhaupt alle Pferde, die aktuell von Schweizer Athleten geritten werden, für Olympia selektioniert werden können, ist noch unklar. Es ist bekannt, dass häufig im Jahr vor Olympischen Spielen auf erfolgreiche Pferde ein regelrechter Run besteht. Auf dem internationalen Pferdemarkt wird um die Tiere gebuhlt und gefeilscht. Nicht selten erhalten die Pferde dann einen neuen Besitzer.

Andy Kistler stuft die Situation der Schweizer nicht ganz so prekär ein. Wie es das olympische Reglement vorschreibt, müssen alle Pferde, die im August in Rio starten wollen, bis spätestens am 15. Januar einen eingetragenen Schweizer Besitzer vorweisen.

Dass dies weiterhin der Fall bleibt, hat Kistler mit fast allen Besitzern das Gespräch gesucht. Diese sind durchaus positiv ausgefallen. Kistler sagt: «Sie haben mir mündlich ihre Pferde zugesichert.» Trotzdem möchte er dies bis in ein paar Monaten schwarz auf weiss haben, «sodass nicht noch ein Pferd im letzten Moment verkauft wird.» Kistler hoffe, dass es nicht bloss naiverweise sei, doch «naiverweise denke ich, dass auch Besitzer ihr Pferd bei Olympia sehen wollen».

Edelmetall soll her

Doch, was soll bei Olympia überhaupt erreicht werden? Kistler klärt auf: «Wir hatten das Kader-Meeting bereits. Einstimmig, wobei sich fast alle geäussert haben, kamen wir zum Entschluss: Das ganz grosse Ziel ist eine Team-Medaille.»

Wenn man den Blick aber noch nicht so weit wagt, hat Paul Estermann bestimmt noch andere Ziele. Zum Beispiel, in Basel endlich die schwerste Kategorie, den Grand Prix, gewinnen zu können. Dies blieb ihm, trotz bereits sechs Teilnahmen, bis heute verwehrt. Vielleicht folgt ja 2016 der erste Coup?

Abwegig wäre dieser Gedanke keineswegs, denn «Milly» fühle sich in Basel immer sehr wohl. Estermann erklärt: «Der Abreiteplatz ist hier relativ ruhig.» Das ist nicht selbstverständlich. Beim national vergleichbaren Turnier von Zürich zum Beispiel habe er manchmal Mühe, da der Abreiteplatz von Publikum umgeben sei und es nicht ganz einfach sei, sich so optimal vorzubereiten. Damit will Estermann nicht Zürich kritisieren, sondern Basel loben. In seinen Worten: «Der ganze Anlass ist ein Highlight, er ist super organisiert.»

Klappts beim zweiten Anlauf?

Eine Frage brennt natürlich noch unter den Nägeln bzw. unter den Hufen. Hand aufs Herz, wie gut schätzt der Luzerner, der bereits 2012 in London mit dem Schweizer Team auf den undankbaren vierten Platz ritt, seine Chancen auf ein Olympia-Ticket ein?

«Ich glaube, wenn ich einen guten Aufbau mache, sehe ich reelle Chancen, nochmals mitmachen zu können. Ich gebe auf jeden Fall alles dafür.» Wen sieht er sonst noch im Team? «Ganz klar Steve Guerdat. Aber es ist bei allen abhängig von einem guten Pferd. Pferd und Reiter müssen gesund sein, es ist nicht so, dass bereits jemand ein Freibillett hätte.»