Bern

Nur das Auto machte schlapp

Niklaus Zeindler: Er hatte während seiner Fahrt nie Motivationsprobleme. zvg

Rad

Niklaus Zeindler: Er hatte während seiner Fahrt nie Motivationsprobleme. zvg

Der Münsinger Niklaus Zeindler sass beim Ausdauerwettkampf Tortour 51 Stunden und 52 Minuten nonstopp auf dem Rad. Kurz zuvor war er im Training schwer gestürzt – weil er eingeschlafen war.

Matthias Engel

Plötzlich wurde ihm schwarz vor Augen. Genau 24 Stunden war er nun wach. Tagsüber hatte der Lehrer an der Berufsschule Interlaken unterrichtet. Nach Feierabend war er aufs Velo gestiegen und zu einer Drei-Pässe-Fahrt über Grimsel, Furka und Susten gestartet. Nun befand er sich auf der Susten-Abfahrt - und schaffte es tatsächlich nicht mehr wach zu bleiben. Schlafend fuhr er auf eine Kurve zu.

Als Niklaus Zeindler wieder zu sich kam, lag er samt seinem Rad am Boden. Er hatte ein blaues Auge und Schürfungen im Gesicht. Der Helm, der kaputt war, hatte ihn vor schlimmeren Verletzungen bewahrt. Der glimpflich verlaufene Sturz brachte den Münsinger Extremsportler zum Nachdenken.

Schliesslich hatte er sich vorgenommen, ein paar Tage später am Ausdauerwettkampf Tortour teilzunehmen, einem 1000 Kilometer-Radrennen quer durch die Schweiz, dessen ganze Distanz an einem Stück absolviert wird. «An der Teilnahme hielt ich natürlich fest, aber ich wurde mir bewusst, dass ich das Rennen ohne kurze Schlafpausen nicht durchstehen würde», sagt Zeindler.

Der Grenze entlang

Am Freitag, 21. August, nahm Zeindler um 5.55 Uhr das erstmals durchgeführte Nonstop-Rennen in Angriff. Das Rennen startete und endete in Neuhausen. Nach dem Passieren des Rheintales begann für die Teilnehmer der Anstieg über den Flüelapass nach Zernez, durch das Engadin via Samedan, St. Moritz und Silvaplana über den Julierpass bis nach Sils im Domleschg.

Weiter nach Disentis und über den Oberalppass nach Andermatt. Von dort über den Gotthard und den Nufenenpass Richtung Oberwallis. Via Genfersee und Neuenburgersee gings entlang der Schweizer Grenze zurück nach Neuhausen am Rheinfall.

Nicht auf sich alleine gestellt

Nebst Zeinder wagten sich 23 weitere Männer und 4 Frauen auf die 1070 Kilometer lange Strecke. Hinzu kamen einige Dreier- und Sechserteams, welche das Rennpensum mit seinen 15 000 Höhemetern untereinander aufteilten.

Doch auch Zeindler war natürlich nicht auf sich allein gestellt. «Freunde fuhren in einem Begleitfahrzeug mit. Sie überwachten meinen Gesundheitszustand, gaben über Funk Rennanweisungen und zwangen mich jede Stunde, etwas zu essen.» Zu 90 Prozent nahm er Flüssignahrung zu sich, doch ab und zu biss er mit Genuss auch in einen Apfel und einen Landjäger.

Auto machte schlapp

Schlapp machte schliesslich nicht Zeindler, sondern das Begleitauto. Wegen einem kaputten Keilriehmen blieb das Auto schon nach wenigen Stunden stehen. Damit Zeindler nicht zu lange aufgehalten wurde, setzte er die Fahrt nach kurzer Zwangspause an der Seite eines offiziellen Fahrzeugs fort. Das eigentliche Begleitfahrzeug nahm nach geglückter Reparatur die Verfolgung auf.

Just nach 24 Stunden wurde Zeindler wie bereits im Training wieder schläfrig. «Ich stieg vom Rad und legte mich eine halbe Stunde hin. Danach fühlte ich mich wieder frisch», sagt er. Insgesamt 75 Minuten Schlaf gönnte sich der Münsinger während der Tortour. Ansonsten unterbrach er sein Rennen nur für einen kurzen Halt an den 20 Checkpoints.

Motivationsprobleme hatte Zeindler auch nach 50 Stunden immer noch keine. «Ich fühlte mich gut, ich hatte einzig leichte Kniebeschwerden. Und der Hintern schmerzte natürlich.» Nach 53 Stunden und 52 Minuten fuhr er in Neuhausen im Ziel ein, als Dreizehnter von fünfzehn Männern, welche die Strecke erfolgreich absolviert hatten.

Nächstes Ziel: Amerika

Die 13 Männer sowie die einzige ins Ziel gelangte Frau haben sich damit für das Race Across America qualifiziert. Für Zeindler eine schöne Anerkennung - die Startberechtigung hat er sich schon an einem früheren Ausdauerrennen gesichert. «Im Dezember 2010 bin ich in den USA am Start», sagt er. Das Race Across America sei das längste und härteste Radrennen der Welt. Die Strecke führt 4862 Kilometer durch Wüsten und Berge, spätestens nach 12 Tagen und 5 Stunden muss man im Ziel sein.

«Das ist die grösste Herausforderung, der ich mich je gestellt habe», erklärt Zeindler. Er plane den Start schon heute, rund 70 000 Franken muss er aufwenden. Deshalb konzentriert er sich in den kommenden Monaten auf die Sponsorensuche, mit dem Ausdauertraining will er erst wieder im Frühling beginnen. «Nun will ich mich mal ausruhen.»

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