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«Noppa» Joos: Achttausender überlebt, im Alltag verunglückt

Norbert Joos posiert auf dem Gipfel des 8126 m hohen Nanga Parbat im Westhimmalaya, den er am 10. Juni 1982 bestiegen hat

Norbert Joos posiert auf dem Gipfel des 8126 m hohen Nanga Parbat im Westhimmalaya, den er am 10. Juni 1982 bestiegen hat

Norbert «Noppa» Joos galt als einer der besten und sichersten Bergsteiger der Welt. Am 10. Juli 2016 stürzte der Bündner nahe seiner Heimat, am Bernina, in den Tod.

Norbert Joos pendelte beinahe zeitlebens zwischen Welten. Als Extrembergsteiger setzte sich der Bündner in den Bergen wiederholt Gefahren aus, während er als Bergführer versuchte, diese für seine Kunden zu minimieren. Dass er am 10. Juli 2016 seinen Tod nicht alleine beim Versuch einen Achttausender zu besteigen fand, sondern am heimischen Piz Bernina als Tourführer einer Dreierseilschaft abstürzte, ist ebenso tragisch wie bezeichnend für den in der Szene hoch angesehenen Alpinisten.

Joos war keiner, der am Berg zusätzliche Risiken einging. "Ich kann umdrehen, wenn es gefährlich wird", hatte er 2008 gegenüber Radio SRF gesagt. Darum sei er im Gegensatz zu anderen vielleicht noch am Leben. Diese Aussage - nach Extremsportler-Grundwortschatz klingend - war bei Joos nicht einfach Worthülse. Sechs Mal hatte sich der Schweizer in seiner Karriere aufgemacht, den Mount Everest ohne Sauerstoff zu besteigen - mit 8848 Metern der höchste Berg der Welt. Jedes Mal drehte er früher oder später um. Obschon er ihn als "technisch nicht wahnsinnig schwierig" begriff, blieb der Everest der einzige der 14 Achttausender, den Joos nie erklimmen würde.

Als Joos acht Jahre nach seinem letzten Everest-Anlauf an seinem Heimberg, dem Piz Bernina, 55-jährig den Tod fand, hatte er sich in der Bergsteiger-Szene seinen Namen längst gemacht. Im Alter von 12 Jahren knackte er am Seil seines Vaters den ersten Viertausender: das Matterhorn. Noch vor seinem 20. Geburtstag hatte er sämtliche anspruchsvollen Anstiege in der Schweiz bewältigt, fand alsbald neue Herausforderungen an den höchsten Gipfeln der Welt.

An der Seite seines 2011 tödlich verunfallten Landsmannes Erhard Loretan überschritt Joos 1984 in Nepal als erster die Annapurna von Süden nach Norden. Sechs Tage benötigten die beiden Schweizer Alpin-Pioniere, um die über zwei 8000 Meter hohe Spitzen führende Gebirgskette über den nie zuvor begangenen Ostgrat zu besteigen. Selbst Szene-Grössen wie Reinhold Messner, der es als erster Mensch auf alle Achttausender schaffte, rang das Unterfangen der beiden Schweizer Respekt ab.

Klassischer Mitreisserunfall

"Noppa", wie Joos von allen genannt wurde, habe immer um das Risiko gewusst, sagen Weggefährten. "Er konnte Gefahren immer gut einschätzen - ausser beim Autofahren", wird der Pfarrer zehn Tage nach Joos' Absturz anlässlich seiner Beerdigung sagen. Es ist eine Aussage, wie sie auch hätte von Joos selber stammen können. Schwierige Momente mit einem Spruch auflockern, das soll auch der Churer am Berg beherrscht haben.

Die Umstände, die vor vier Jahren zum Absturz des 55-Jährigen und seiner beiden Begleiter geführt hat, einer Italienerin und eines Italieners, sind weitgehend bekannt. Die Seilschaft war schon auf dem Abstieg, als am Spallagrat um die Mittagszeit der Fehltritt eines Berggängers dem kompletten Trio zum Verhängnis wurde. Von einem "klassischen Mitreisserunfall" schrieb die NZZ, der dem Bergführer das Leben gekostet haben soll, während die beiden Begleiter den 160-Meter-Sturz schwer verletzt überlebten.

Kritisch und reflektiert

Obschon Joos ab 1993 Inhaber eines Bergsportgeschäfts in Chur war, begegnete er der zunehmenden Kommerzialisierung des Alpinismus nicht unkritisch. "Einen Everest kann man sich nicht erkaufen", hatte er einst in Bezug auf den Massentourismus rund um den höchsten Berg der Welt gesagt. Als 2014 bei einem Lawinenniedergang am Everest 16 Sherpas ums Leben kamen, äusserte er erneut Kritik am exzessiven Alpin-Tourismus, der letztlich zulasten "der Falschen" betrieben werde.

Joos war sich zwar bewusst, dass auch er als Bergführer den Wünschen der Gäste nachzukommen hatte, aber es gab für ihn Tabus. Touren, die ihm selbst alles abverlangten, werde er nicht mit Menschen machen, die am Berg auf ihn angewiesen seien, sagte er fast zwanzig Jahren vor seinem Tod gegenüber 10vor10. Lehren, die er aus einer Dhaulagiri-Expedition (8167 m) im Mai 1995 gezogen hatte, als ein Teilnehmer einer zwölfköpfigen Gruppe den Abstieg nicht mehr schaffte und starb. "Der Berg ist nicht auf dem Gipfel fertig", gehörte fortan ebenso in Joos' Lehrbuch für Bergsteiger. Am Sonntag, 10. Juli 2016, erreichte die Seilschaft um Joos am Bernina den Gipfel, aber nicht mehr das Ziel.

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