Mourinho und der Zauberer

Mourinho und der Zauberer

Inter-Trainer José Mourinho.

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Inter-Trainer José Mourinho.

José Mourinho nimmt sich in Mailand ein Beispiel am früheren Meistertrainer Helenio Herrera. Vor allem die Beredsamkeit verbindet die beiden Coachs.

Lukas Plaschy, Rom

Als Inter-Präsident Massimo Moratti im Sommer 2008 den Portugiesen José Mourinho als neuen Trainer von Inter Mailand verpflichtet hatte, erinnerte er sich wohl auch an die Trainerlegende Helenio Herrera. In den 1960ern nämlich wurden die Mailänder, präsidiert von Massimos Vater Angelo und mit dem Argentinier auf der Trainerbank, dreimal italienischer Meister. Vor allem aber gewannen die Nerazzurri je zweimal den Europacup der Landesmeister sowie den Intercontinentalcup (1964 und 1965). «La Grande Inter» nannte man die Elf um Spielergrössen wie Sandro Mazzola, Giacinto Facchetti und Luis Suarez. Die entscheidende Rolle spielte aber Herrera, genannt «Il Mago» (der Zauberer).

Er perfektionierte den «Schweizer Riegel» von Karl Rappan und läutete damit die Geburtsstunde des «Catenaccio» ein. Doch Herrera war mehr als nur ein Defensivfanatiker. Er war einer der ersten Trainer, welcher die bis dahin im Spitzenfussball wenig praktizierte psychologische Komponente salonfähig machte. Daher rührte auch Herreras zweiter Spitzname, abgeleitet aus seinen Initialen, «HH», Spanisch für «Habla, habla», «sprich, sprich».

Auch José Mourinho redet oft und viel. Am liebsten öffentlich und über sich selbst. Die Pressekonferenzen des fünfsprachigen «Enfant terrible» der Trainergilde arten meist zu einer One-Man-Show aus. Wehe, wer es wagt, den stolzen Portugiesen anzugreifen. Nicht nur allzu kritische Journalisten geraten in seine Schusslinie. Der ehemalige Sportlehrer aus Setubal, der in seiner Spielerkarriere nie in der höchsten Liga aktiv war, knöpft sich am liebsten seine Berufskollegen vor. Von Claudio Ranieri («eine Heulsuse»), über Luciano Spalletti («mediengeil») bis hin zu Carlo Ancelotti («gewinnt keine Trophäen»); bei den Auftritten des selbst ernannten «Special One» kriegt jeder sein Fett weg.

Beliebtheitspunkte ergattert sich der Mann mit dem 14 Millionen Euro schweren Jahresgehalt damit natürlich nicht. Sogar Motorradweltmeister Valentino Rossi, ein erklärter «Interista», meinte, dass Mourinho nur für die eigenen Tifosi sympathisch sei. Um sein schlechtes Image fürchtet sich der 46-jährige Selbstdarsteller wenig. «Ja, ich bin ein Angeber», erklärte der Coach vor kurzem freimütig im klubeigenen TV-Kanal.

Diese schonungslose Offenheit verblüfft und fasziniert gleichzeitig in einem Land, in dem Schein und Fassade nicht nur im Fussball eine zentrale Rolle einnehmen. «Mourinho sagt, was er denkt, und das ist in Italien ungewöhnlich», brachte es der ehemalige italienische Nationaltrainer Arrigo Sacchi auf den Punkt. Bloss aus Freimütigkeit agiert Mourinho jedoch nicht. Vielmehr lenkt sein Aktionismus das öffentliche Interesse gezielt auf seine Person und nimmt damit den Druck von der Mannschaft.

Im täglichen Training mit seiner Equipe soll sich Mourinho dagegen überraschend lustig zeigen. Dies erklärt zumindest der nicht gerade als pflegeleicht bekannte Samuel Eto'o. «Noch nie habe ich in meiner Karriere so viel gelacht wie unter Mourinho», meinte der Kameruner, der im Sommer unter viel Getöse im Tausch mit Zlatan Ibrahimovic vom heutigen Gegner Barcelona zu Inter gewechselt hatte. Die Zuschauer dürfen sich somit heute im Nou Camp auf ein erheiterndes Fussballspiel freuen. Mourinhos Pressekonferenz bleibt schliesslich den Journalisten vorbehalten.

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