Zwei Tennisprofis auf Friedensmission
Mit Tennisbällen gegen Kanonen

Sie müssten Todfeinde sein, glaubt man der Propaganda ihrer Länder. Doch der Pakistani Aisam-Ul-Haq Qureshi und der Inder Rohan Bopanna spannen zusammen - und haben auch noch Erfolg.

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Zwei Tennisprofis auf Friedensmission

Zwei Tennisprofis auf Friedensmission

Jörg Allmeroth, New York

Als der Moslem Aisam-Ul-Haq Qureshi und der Hindu Rohan Bopanna in den ersten Tagen des US Open auf einem Aussenplatz ihre Trainingseinheit gerade beendet hatten, kam ein Vietnam-Veteran auf das Duo zu.

Der alte Mann war von Washington nach Flushing Meadows gefahren. Warum, verriet er mit kurzen Worten: «Ich wollte euch beide spielen sehen. Und gratulieren zu eurer wunderbaren Partnerschaft.» Es sei ein Moment gewesen, so Qureshi, «in dem wir beide unsere Tränen nicht zurückhalten konnten: Unsere Mission kriegt eine ganz neue Dynamik.»

Erfolg hilft ihrer Friedensbotschaft

Längst stehen der Pakistani Al Qureshi und der Inder Bopanna nicht nur für das unwahrscheinlichste Tennisdoppel. Die Allianz zweier Spieler aus verfeindeten, waffenstarrend hochgerüsteten Nachbarnationen hat sportlich ein neues Level erreicht. Von niemandem erwartet, zogen der elegante Qureshi und der jugendlich-stürmische Bopanna in den Doppelfinal gegen Bob und Mike Bryan ein.

«Wir können unsere Botschaft am besten verbreiten, wenn wir erfolgreich sind. Das macht uns noch stärker», sagt Bopanna, wie sein Mitstreiter 30 Jahre alt. Gegen alle Vorurteile und Konventionen hatten sich die beiden vor dieser Saison zusammengefunden, ohne sich um die politische Grosswetterlage zu scheren – gemeinsam und mit einer gemeinsamen Sprache liess sich das Tourleben viel besser ertragen. Bald wurden aus Partnern dicke Kumpels.

Als im Sommer die ersten Zeitungsberichte über die beiden unaufgeregten, keinesfalls aufdringlichen Tennis-Missionare erschienen, war die Resonanz sofort ungewöhnlich intensiv. «Über die Spielergewerkschaft bekamen wir Hunderte aufmunternder Mails zugleitet. Immer mit dem Tenor: Was ihr da macht, ist einmalig», sagt Qureshi, ein Mann, über den Journalisten aus seinem Heimatland sagen, er werde nach dem Tennis sicher eine Diplomatenkarriere ansteuern.

Auch in Wimbledon und nun beim US Open bekamen die stillen Helden im Schatten der grossen Stars eine Menge Zuspruch, in London breiteten sie einmal ein Banner mit dem Schriftzug «Stop War, start Tennis» aus: «Und das Schönste ist: Wenn wir auf einem Platz spielen, werden wir gemeinsam von Indern und Pakistani angefeuert. Niemand kann noch sagen, welcher Fan aus welchem Land kommt», sagt Bopanna.

Botschafter auf der Tribüne

Im Glutofen des Louis-Armstrong-Stadions erhielt der indo-pakistanische «Tennis-Express» die höheren politischen Weihen – gegen die Argentinier gegen Eduardo Schwank/Horacio Zeballos sassen der indische und der pakistanische UNO-Botschafter einträchtig nebeneinander auf der Tribüne und bejubelten den Endspieleinzug der an Nummer 16 gesetzten Profis.

Es könnte ein Fingerzeig gewesen sein, dass das lange für utopisch gehaltene Projekt eines Matchs am einzigen Grenzübergang der Länder Realität wird. «Das ist ein ganz, ganz grosser Schritt für uns», sagte Qureshi, nachdem es mit den Botschaftern noch zu einem Plausch gekommen war.

Wenn es nach den beiden geht, wird baldmöglichst an der Kontrollstelle Wagah ein Netz aufgespannt. Dann soll eine Trainingseinheit mit Kindern aus beiden Ländern stattfinden, wobei Qureshi, der Pakistani, auf indischem Boden stehen soll. Und Bopanna, der Inder, auf pakistanischem Terrain. «Es war einmal ein Traum, eine Vorstellung, an die wir selbst nicht ganz glaubten. Nun kann es wirklich wahr werden», sagt Bopanna.

Es gibt Gerüchte, dass sich die UNO in das komplizierte Vorhaben eingeschaltet habe – auf die Idee gebracht durch die Medienaufmerksamkeit für das «Friedensdoppel», das sagt: Wir wollen Grenzen und Gräben überwinden und Mauern im Kopf einreissen. Und wenn wir nur drei, vier Prozent der Menschen überzeugen können, wie normal man als Inder und Pakistani zusammenleben kann, haben wir schon viel erreicht.»

Qureshi erklärt, der New Yorker Coup komme gerade rechtzeitig in einem Moment, «da mein Land am Boden liegt». Er meint die Flutkatastrophe in Pakistan, die letzten Terroranschläge, aber auch einen Cricket-Skandal, der den Nationalsport Nummer 1 schwer beschädigt hat. «Die Menschen brauchen gute Nachrichten», meint Qureshi, «wenn wir siegen, ist es wenigstens eine kleine Aufmunterung bei all dem Elend.»