Der Schock sass tief. Sang- und klanglos gingen die Schweizer Handballer im Februar in der WM-Qualifikation gegen Holland unter. Mit insgesamt 16 Toren Differenz unterlagen die Eidgenossen in den beiden Partien. Die einst so stolze Handballnation, 1993 noch WM-Vierter, war nach einer langen Talfahrt an einem neuen Tiefpunkt angekommen.

Höchste Zeit, den Tatsachen ins Gesicht zu sehen, endlich ein brauchbares Konzept zu entwickeln. Vor zehn Jahren spielten die Schweizer letztmals im Konzert der Grossen mit, bei der Europameisterschaft. Qualifiziert als Gastgeber. Seither fehlte die Mannschaft bei je fünf Europa- und Weltmeisterschaften. Und bei der WM im nächsten Jahr muss sie ja nach der Holland-Pleite ebenfalls zuschauen.

Drei Trainer versuchten in den vergangenen zehn Jahren, die Schweizer auf Vordermann zu bringen. Gescheitert sind sie alle. Der smarte Serbe Dragan Djukic, der ehemalige Weltklassespieler Goran Perkovac und zuletzt der deutsche Handball-Professor Rolf Brack. Gescheitert sind sie vor allem auch an den Strukturen. Mit den Schweizer Feierabendhandballern ist international kein Blumentopf mehr zu gewinnen.

Ein einziger Schweizer, Andy Schmid, verdient sein Geld als Vollprofi im Ausland, in der Bundesliga. Der grosse Rest pendelt zwischen Beruf, Studium und Sport in der Nationalliga A.
Doch damit soll nun Schluss sein. Brack musste gehen, am Mittwoch beginnt offiziell die Amtszeit von Michael Suter, der allerdings schon seit seiner Berufung Anfang März viel Zeit in seine nächste Aufgabe investiert.

Der ehemalige Nationalspieler etablierte in den vergangenen Jahren die Schweizer Junioren in der erweiterten europäischen Spitze. Und dorthin will er langfristig auch die Nationalmannschaft wieder hinführen.

Kein Feuerwehmann

Schon die Dauer der Vertrages, vier Jahre bis 2020, zeigt, dass Suter nicht den Feuerwehrmann spielen soll. «Es muss viel Basis-Arbeit geleistet werden, das habe ich jetzt schon bei den ersten Gesprächen gemerkt», sagt der 40-Jährige. Er gehe diese Aufgabe an, wie seine anderen Projekte: «Ich durfte seit 2011 die Suisse Handball Academy aufbauen, zuvor wars 2004 der Juniorenapparat der Schaffhauser Kadetten, 2007 kamen die U-Nationalmannschaften dazu, wo doch einiges brach lag. Und nun steht Suter vor seiner nächsten Herausforderung – einer Herkulesaufgabe.

Als der Handballverband anklopfte, war für Suter klar, dass er diese Aufgabe übernehmen werde: «Wenn man für die Nationalmannschaft berufen wird, auch als Spieler, dann ist das eine grosse Ehre und eine sehr motivierende Aufgabe.» Selbstverständlich habe er das mit seinem Umfeld besprochen, auch mit seinem jetzigen Arbeitgeber.

Suter betreute bisher neben den U19- und U21-Nationalteams auch die Espoirs der Kadetten in der Nationalliga B. Diese Aufgaben gibt er ab, leitet aber weiter die Suisse Handball Academy in Schaffhausen.



«Wir stehen weit unten», sagt Suter. Holland ist ja keine Topnation. «Von daher dürfen wir nicht kurzfristig denken, sondern mittel- ja langfristig ist gefragt.» Deshalb auch die Vertragsdauer. «Doch dürfen wir nicht naiv sein, und glauben, wir können drei Jahre lang keine gute Arbeit abliefern und dann funktioniert alles, wir müssen von Anfang an eine positive Tendenz spüren.»

Das hänge schon stark mit dem Auftritt der Mannschaft zusammen. «Dort sind meine Ansprüche sehr hoch», betont Suter. Alle sollen es spüren, auch die Zuschauer, dass da Potenzial drin ist: «Wir vom Team, das Umfeld, aber auch die ganze Schweizer Handball-Nation soll an das Projekt glauben.»

«Die Schweizer wollen in allen Sporarten eine gute Nationalmannschaft», sagt Suter. Nur sei vielen nicht bewusst, was es in der heutigen Zeit dazu brauche. Der Aufwand sei nicht mehr derselbe, wie vor 15 Jahren: «Man muss professionell arbeiten.» Das sei in gewissen Vereinen in der Schweiz der Fall, im Ausland sei das überall in den höchsten Ligen so: «In den ausländischen Nationalteams spielen selbstverständlich nur Profis.»

Die Schweiz habe es dagegen mit Halbprofessionalität versucht: Beruf/Studium dazu Verein und wenn es passe auch noch Nationalmannschaft. «Mit dieser Ausrichtung hat eine Nationalmannschaft gar nie eine Chance», betont Suter.

Sein Konzept sei aber gut angekommen, jeder habe Verständnis gezeigt, auch Spieler, die jetzt nicht mehr zum Aufgebot gehörten. «Sie sind aber alle bereit auszuhelfen, wenn Not am Mann ist», sagt Suter. Doch es mache keinen Sinn, solche Spieler zu den Stützpunkttrainings aufzubieten, wenn sie später keine tragende Rolle spielen sollen.

Für diese Rollen sind nun hauptsächlich junge Spieler vorgesehen, Suter hat für seinen ersten Lehrgang, der am Freitag beginnt, allein elf Spieler mit den Jahrgängen zwischen 1994 und 1996 aufgeboten. «Das ist wohl das jüngste Nationalteam, das je aufgeboten wurde», sagt er.

Dazu kommen der 34-jährige Routinier Manuel Liniger und natürlich Andy Schmid. «Mit ihm werde ich eine Lösung finden, er wird bei den Qualifikationsspielen dabei sein», sagt Suter. Die EM-Qualifikation beginnt im November in Slowenien, dann kommt Titelverteidiger Deutschland.

«Die Jungen kennen meine Vorgehensweise, haben auch gelernt, erfolgreich zu sein», weiss Suter: «Sie wissen, wie man klar bessere Gegner schlägt.» Natürlich gelte es realistisch zu sein: «Aber wir wollen jedem Gegner das Leben so schwer machen, wie es momentan möglich ist.»

Ohne Athletik geht heute gar nichts mehr. «Der Jahrgang 1996 bringt Grösse und auch Gewicht mit», sagt Suter. In dieser Hinsicht arbeite er extrem hart. «Es ist ganz entscheidend, dass wir körperlich mithalten können, diese Komponente ist wichtig.» Der Verband wird dafür mit zwei jungen Athletiktrainern arbeiten.

«Das ist wichtig, das will ich professionell haben.» Die Spieler seien motiviert, scheuten den Aufwand nicht: «Manche muss man sogar bremsen.» Das Krafttraining habe sich sehr entwickelt, sei viel funktioneller geworden, das helfe auch, Verletzungen zu verhindern.
Dazu komme das Spielerische, die Taktik und schlaues Spiel. «Aufbauen müssen wir immer auf einer guten Abwehr», betont Suter. «Wir werden nie so die Breite haben, dass wir andere regelmässig ausspielen können.»

Training kostet Zeit und Energie

Das ganze Training, einschliesslich der vielen Stützpunktrainings, aber brauche Zeit und Energie. Das funktioniere nicht nach einem langen Arbeitstag. Zwei halbe Arbeitstage, möglicherweise drei, das sei machbar, sei vielleicht noch eine gute Abwechslung. «Mehr liegt aber nicht drin», erklärt Suter. Zweimal richtiges Training pro Tag müsse unbedingt sein. Kraft mit Ziel und Vorgabe oder eine Stunde lang individuelle Training in einer kleinen Gruppe und am Abend dann das Mannschaftstraining. So stellt sich Suter den Alltag des Handballprofis vor.

Einen ersten Eindruck werde er nun in den zwei Juniwochen mit Trainings und Matches gewinnen. Dann kenne er die grössten Baustellen besser. Er wolle auch gewisse Spieler auf neuen Positionen einsetzten, habe ein paar Ideen. «Vielleicht staunt dann die Handballwelt», sagt er.

«Aber jetzt beginnen wir mal mit der Arbeit, dann schauen wir weiter» sagt Suter. Gespräche habe er genug geführt. Ideen gebe es auch: So plant der Verband unter anderem, Verträge mit den jungen Spielern abzuschliessen. «Doch darüber reden wir in einem Jahr». Es gebe möglicherweise noch Veränderungen im Kader.

«Wir brauchen jetzt die Unterstützung des ganzen Handball-Landes», fordert Suter. Aber da sei er zuversichtlich, er habe nur positive Reaktionen auf seine Wahl gehabt. Nun gehe es um die Umsetzung, wo alle diesen langen, schwierigen Weg beharrlich und über Jahre mitgehen sollen. so wie Suter seine Aufgaben anpackt, sollen alle denken: Spieler, Trainer, Verband, Vereine und nicht zuletzt die Fans.