Formel 1
Michael Schumacher: Vom roten Renngott zum grauen Star

Das Palmarès ist eindrücklich: sieben Weltmeistertitel, 91 Siege, 154 Podestplätze, 76 schnellste Runden und 23947 Kilometer in Führung. Doch seit 22 Rennen wartet Michael Schumacher auf einen Podestplatz.

Marco Oswald, Melbourne
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Das Palmarès ist eindrücklich: sieben Weltmeistertitel, 91 Siege, 154 Podestplätze, 76 schnellste Runden und 23947 Kilometer in Führung. Michael Schumachers Rekordstatistik datiert vom 22. Oktober 2006. Da fuhr er für Ferrari in Brasilien sein letztes Rennen – und wurde Vierter.

Vier Jahre und fünf Monate später sieht die Statistik genau gleich aus. Obwohl 19 Rennen dazugekommen sind. Schumis glorreiche FerrariZeiten sind Geschichte – alles nur noch Statistik. Im Haifischbecken Formel 1 zählt nur die Gegenwart. Darum wankt das Denkmal Schumacher. Nach einer verkorksten Comeback-Saison 2010 steht des Altmeisters Ruf auf der Kippe. Noch so ein durchwachsenes Jahr – dann ist der Lack endgültig ab.

Aus dem roten Renngott von einst ist ein grauer Star geworden. Das Einzige, was derzeit noch glänzt, ist Schumachers Sonnenbrille und der Stern auf der Frontnase seines Mercedes GP. Im Fahrerlager taucht der Silberpfeil-Pilot nur noch selten auf. Auch in Melbourne. Bei Interviewanfragen winkt die noble Medienstelle ab – es könnte ja heikle Fragen geben. Und die Managerin lässt ohnehin niemanden an den 42-Jährigen ran – ausser das zahlende Team von RTL. So verwundert es nicht, dass sich die Journalisten und Fotografen auf Vettel, Alonso, Hamilton und Button stürzen, die anderen vier Weltmeister im Feld. Die geben bereitwillig Auskunft.

Häme und Spott

Für viele Experten ist Schumachers Zeit abgelaufen – mit Häme und Spott hält niemand zurück. Nicht wenige sagen: «Im Erfolg sonnte er sich und war für alles und jeden Spass zu haben. Und jetzt, wo es nicht mehr läuft, schottet er sich ab. Wie früher, nach Kollisionen und Skandalen, als er sein wahres Gesicht zeigte.» Besonders hart ins Gericht geht mit Schumacher die «Gazzetta dello Sport». Kürzlich schrieb das Blatt: «Schumacher wirkt wie der falsche Zwillingsbruder von jenem Michael, der einmal alles gewann.» Die vernichtende Aussage der italienischen Sportbibel erstaunt nicht: Schumi ist 14 Jahre lang für die Scuderia gefahren – und hat Ferrari einmal ewige Treue geschworen. Und jetzt fährt er für Erzrivale Mercedes. Das haben ihm die Italiener nie verziehen.

Doch jetzt soll alles anders, alles besser werden. Schumacher will 2011 zurück auf die Erfolgsstrasse. Der graue Star träumt wieder vom Podest – seinem ersten seit 22 Rennen: Sieg beim GP von China 2006. Superhirn Ross Brawn ist zuversichtlich – und auch das Mercedes-Lager sieht Silberstreifen am Horizont. Gleich von einem Sieg beim ersten Rennen will aber niemand sprechen. Auch gestern nicht, in Melbournes Spätsommer. Bei Nieselregen und kühlen Temperaturen um die
15 Grad.

Schumacher hat im Albert Park von Melbourne vier Mal gewonnen, morgen fährt er seinen 277. Grand-Prix. 18 schwere Unfälle hat er in seiner Formel-1-Karriere überlebt. Den letzten beim Saisonfinale in Abu Dhabi 2010, als das linke Vorderrad von Adrian Sutil (Force India) Schumis Helm nur um Zentimeter verfehlte. Der Altmeister, der von den Silberpfeilen pro Jahr rund 20 Millionen kassiert, nimmt für sein Comeback ein hohes Risiko. Und glaubt, dieses Jahr gut aufgestellt zu sein. Schumi ist überzeugt, dass ihm die Bridgestone-Reifen im Vorjahr Probleme gemacht haben – vom neuen Pirelli-Gummi erhofft er sich 2011 mehr. Zudem gab er diese Woche auch erstmals zu, dass ihm wohl im Vorjahr die dreijährige Rennpause mehr Rückstand eingebracht hat, als ihm lieb war.

Geld und Familie reichen nicht

Geschätzte 800 Millionen Euro hat der Weltsportler der Jahre 2002 und 2004 auf seinem Konto. Hat zu Hause Frau und zwei Kinder und wohnt in einem Luxusanwesen in Gland, direkt am Genfersee. Die Autoeinstellhalle gleicht einem Museum – und tanken kann er auf dem eigenen Grundstück. Kurz: Schumi hat alles zum Glücklichsein – doch das genügt dem Adrenalin-Junkie offenbar nicht. Er reizt das Risiko immer wieder und noch weiter aus – oft bis zum Letzten. So auch 2009, als er im spanischen Cartagena mit seiner Honda 1000 CBS Fireblade brutal von der Piste flog. Erst sechs Monate später wurde bekannt, wie schwer er sich beim Sturz wirklich verletzte – als er sein Ferrari-Comeback für den verletzten Felipe Massa beim GP von Europa in Valencia kurzfristig absagen musste.

Dieses Jahr muss Schumacher, um überhaupt vorne mitzufahren, erst einmal seinen Teamkollegen schlagen. Von Nico Rosberg wurde er 2010 gedemütigt. Der Rekordchampion hatte gegen den Wiesbadener mit Wohnsitz Monte Carlo nicht den Hauch einer Chance. Noch so ein Jahr und Hinterherfahrer Schumi dürften die Argumente für eine mögliche anhaltende Erfolgslosigkeit ausgehen. Bleibt zu hoffen, dass der Rekordchampion das Risiko nicht zu stark strapaziert. Denn nicht immer sind in der Formel 1 schwere Unfälle selbst verschuldet. Oder wie sagte einst Niki Lauda, seit 1. August 1976 beim Feuerdrama auf dem Nürburgring schwer gezeichnet: «Erst wenn du überlebst, hast du in der Formel 1 auch wirklich gewonnen.»