Schwingen
Mehr Charme wider den Gigantismus im Schwingsport

Will der Eidgenössische Schwingerverband (ESV) auch künftig die Kontrolle über seinen Sport behalten, ist er herausgefordert. Dessen ist man sich im Klaren.

Michael Schenk
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Matthias Sempach kassiert gut.

Matthias Sempach kassiert gut.

KEYSTONE

Schon bisher war die Vergabe von Eidgenössischen Schwing- und Älplerfesten (ESAF) eine ziemlich heilige Kuh. Eine Kuh, die aufgrund des gewaltig boomenden Nationalspiels künftig noch sakraler werden wird. All jene, die fortan über die Vergabe von ESAF entscheiden, müssen sich bewusst sein, dass dies künftig das tonangebende Instrument der Zunft ist. Die entscheidende Macht, um zu verhindern, dass Identität und der Charme des urchigen Nationalsports nicht auf dem Altar der wertelosen Profitmaximierung geopfert wird. «Wenn das Fest vergeben ist, soll das lokale OK aber auch weiterhin, seine Freiheiten haben», sagt Verbands-Geschäftsführer Rolf Gasser. «Alles vorschreiben geht nicht», so der Berner.

Balance zwischen Tradition und Fortschritt

Das Pflichtenheft für Ausrichter von ESAFs dürfte freilich bald angepasst werden. Eine Expertengruppe – nur aus Mannen der Hosenlupf-Zunft bestehend – soll sich in den nächsten Monaten darum kümmern, dass Tradition und Fortschritt in der Balance bleiben. Eine Studie des Instituts für Tourismuswirtschaft der Hochschule Luzern hat die Entwicklung der «Eidgenössischen» von 2001 bis 2013 analysiert. Eine Studie freilich, die wegen der «kreativen Buchführung» einiger früherer ESAF-OKs sowie einer zu wenig repräsentativen Umfrage Verzerrungen und nicht vergleichbare Daten enthält.

Ein paar Zahlen indes verdeutlichen das extreme Wachstum unmissverständlich: Noch 2004 in Luzern operierte man mit einem Umsatz von rund 8 Millionen – 2013 waren es deren 26. Entsprechend spielen Sponsoren heute eine viel, viel mächtigere Rolle. 2001 in Nyon fasste die Arena 27 000 Leute, 2013 waren es 52 000. Die Zahl von ESAF-Besuchern ohne Arena-Ticket stieg im Verlauf der Untersuchungsperiode von 100 000 auf 175 000. Um Ursachen und Auswirkungen dieser explosiven Entwicklung zu ergründen, wurde besagte Studie unter anderem durchgeführt.

Ein Luxusproblem

Als Ökonom jubiliert Jürg Stettler, Leiter der Studie: «Es läuft ja alles super bei euch Schwingern», sagt der Berner mit leicht ironischem Unterton. Ganz nach dem Motto: Wenn ihr mehr Charme wollt, halbiert einfach die Arena-Grösse und verdreifacht die Ticketpreise – die Leute kommen ja eh. Indes, Stettler weiss natürlich, worum es geht. Wir haben ein Luxusproblem», bringt es ESV-Obmann Paul Vogel auf den Punkt.

Und: «Auch ein solches kann gravierende Folgen haben, wenn man es nicht ernst nimmt.» Die kritische Grösse sei erreicht, stellt der Luzerner fest. So sieht es auch ESV-Gschäftsführer Rolf Gasser: «Die Arena mit rund 50 000 Plätzen wird nicht mehr grösser werden.» Jetzt gehe es darum, dass der ESV Sorge trage, dass das Drum und Dran und Ringsherum nicht aus dem Ruder laufe. «Nicht, dass da bald nur noch Hardrocker für die Musik sorgen», so Gasser.

Die Ergebnisse der Expertengruppe dürften im ersten Quartal 2015 vorliegen. Auf das ESAF 2016 in Estavayer hin werden sie keine Auswirkungen haben. 2019 in Zug jedoch ist mit Anpassungen zu rechnen. Sicher scheint, dass spätestens ab dann ein Ticket gekauft werden muss, um das Festgelände nur betreten zu dürfen. Ein Steuerungsinstrument, um die Massen zu kontrollieren. Die Studie der Luzerner zeigt, dass das Volk bereit ist, für so ein Ticket zu bezahlen. Und zwar 10 bis 20 Franken.