Antidoping
Manipulation von Flaschen zur Dopingprobe: Glaubwürdigkeit wird zerstört

Eine Lösung für die Olympischen Spiele ist machbar, aber der Schaden ist da und kann bald noch grösser werden.

Rainer Sommerhalder
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Die zwei Flaschen von Berlinger zur A- und B-Probe von Urin. Gian Ehrenzeller/Key

Die zwei Flaschen von Berlinger zur A- und B-Probe von Urin. Gian Ehrenzeller/Key

KEYSTONE

Wenn die ARD-Dopingredaktion mit Hajo Seppelt eine neue Enthüllung ankündigt, ist die Nervosität in der Sportwelt gross. Derart gross, dass sich selbst die Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) genötigt sieht, Überstunden zu machen. Eine am arbeitsfreien Sonntag eiligst verschickte Medienmitteilung gibt das bestehende Problem mit den Kontrollflaschen der Dopingkontrollen – in Watte verpackt – zu.

Die Wada hätte genügend Zeit gehabt, über die elementaren Schwierigkeiten mit dem neuen Verschluss zu informieren. Das Dopinglabor in Köln gab seine Erkenntnisse, dass sich versiegelte Dopingproben öffnen lassen, bereits am 19. Januar an die oberste Anti-Doping-Behörde weiter. Noch früher hatte Köln die eigenen Beobachtungen an die Hersteller der Flaschen, den Toggenburger Familienbetrieb Berlinger (siehe Box), übermittelt. Erst als von dort keine Reaktion kam, wandte man sich an die Wada.

Doping-Sicherheitslücken

Berlinger will vor Olympia neuen Flaschendeckel liefern

Seit Jahren wirbt der Schweizer Familienbetrieb Berlinger aus dem Toggenburg damit, weltweit die sichersten Flächschen für die Dopingkontrolle herzustellen. Man liefere ein «beispielloses Level an Sicherheit», sagt Firmenchefin Andrea Berlinger stolz im Firmenvideo. Nun liegt das Fläschli-Versprechen in Scherben: Wie eine Recherche der «Republik», der britischen «Sunday Times», der ARD und des schwedischen Fernsehens SVT zeigt, halten die Fläschen dem Sicherheitscheck nicht stand: Sie seien einfach zu fälschen und könnten teilweise entgegen dem Versprechen problemlos geöffnet werden, so die Recherche. Der Weltmarktführer für Doping-Kits hat ein mächtiges Problem – und das kurz bevor in Südkorea die Olympischen Spiele starten.

Die Toggenburger Firma in sechster Generation erzielt etwa einen
Drittel des Umsatzes mit dem Doping-Kit-Geschäft. Kommt es hart auf hart, leidet nicht nur das Image, sondern auch der Umsatz massiv. Doch im Toggenburg übt man sich in Zweckoptimismus: Man habe bereits vor etwa zehn Tagen Meldungen aus verschiedenen Labors erhalten, dass es beim Umgang mit dem Flaschenverschluss Probleme gebe, sagt Sprecher Hans Klaus zur «Nordwestschweiz».

Man habe die Mechanik des Deckels nun verbessert und wolle noch diese Woche entsprechende Testergebnisse der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) zukommen lassen. Diese müsse dann entscheiden, ob die Doping-Kits von Berlinger in Pyeongchang zum Einsatz kommen oder nicht. Bleibt abzuwarten, ob die Fläschchen grünes Licht bekommen – und sich der Scherbenhaufen
damit kitten lässt.

von Laurina Waltersperger

Der Schaden ist angerichtet, denn die Manipulationssicherheit der Proben ist die Basis der gesamten Doping-Kontrolltätigkeit. Erst vor wenigen Tagen informierte das Internationale Olympische Komitee (IOC) stolz darüber, dass man im Vorfeld der Olympischen Winterspiele von Pyeongchang über 14 000 Dopingtests durchführen liess – so viele wie noch nie. Davon dürften knapp die Hälfte in den neuen Behältern von Berlinger lagern. Gemäss Matthias Kamber, Chef von Antidoping Schweiz, werden diese seit Ende Oktober eingesetzt. Wie weit es darunter Dopingfälle gibt, wurde bisher nicht kommuniziert. Aber die Erkenntnisse der ARD-Recherche vom Sonntag öffnen nun Juristen Tür und Tor, um solche mit Hinweis auf eine mögliche Manipulation anzuzweifeln.

Die Wertlosigkeit von Tausenden von Dopingproben ist das eine, die einmal mehr zerstörte Glaubwürdigkeit der grossen Sportorganisationen das andere. Diese reagierten zum wiederholten Male erst, als sie von investigativen Journalisten dazu gezwungen wurden. Fragt sich also: Ist damit nun auch die Rechtmässigkeit der Dopingkontrollen von Pyeongchang infrage gestellt? Matthias Kamber sagt, dass sich dieses Problem lösen lasse. Etwa, indem man die Flaschen in zusätzlich verschliessbare Behälter stecke, sie mit einem weiteren Siegel versehe oder den Zugriff darauf genau definiere. Kamber kritisiert die generell fehlenden finanziellen Mittel im Bereich Doping-Forschung und Entwicklung. «In der Schweiz mussten wir die jährlichen Ausgaben in diesem Bereich von 400 000 auf 60 000 Franken reduzieren. Dabei wäre es ein Einfaches, mehr Geld in die Sicherheitsmassnahmen bei Dopingproben zu investieren.»

Gut möglich, dass das Thema «Manipulation von Dopingproben» bald noch grössere Wellen wirft. Dann nämlich, wenn der Sportgerichtshof CAS in Lausanne spätestens morgen Donnerstag bekannt gibt, ob die lebenslange Sperre gegen 42 russische Sportler rechtens ist. Sollte das CAS das Urteil des IOC umstossen und dessen Beweisführung zur Manipulation damit nicht anerkennen, wäre das Chaos acht Tage vor Beginn der Olympischen Spiele komplett.