Luci's Flick-Flack

Lucas Fischer hat ausgeturnt – was nun?

Lucas Fischer fühlt sich zum ersten Mal in seinem Leben frei.

Lucas Fischer fühlt sich zum ersten Mal in seinem Leben frei.

Lucas Fischer holte 2013 EM-Silber am Barren. Der 25-Jährige musste seine Karriere vor gut einem Monat aus Verletzungsgründen beenden. Während der Kunstturn-WM schreibt er für «Die Nordwestschweiz» täglich eine Kolumne.

Was passiert eigentlich mit einem Turner, der von heute auf morgen seine Karriere beenden muss? Genau in dieser Phase befinde ich mich. Und ich kann Ihnen versichern: Einfach ist das nicht!

Seit ich fünf Jahre alt bin, weiss ich, was ich zu tun habe. Der Tagesablauf ist klar geregelt und strukturiert. Von 30 Trainingsstunden pro Woche plötzlich auf null, das fühlt sich komisch an. Irgendetwas stimmt nicht. Das Leben ändert sich auf einen Schlag komplett. Ich weiss nicht genau, was ich mit mir anfangen soll. Ich fühle mich verloren.

Jetzt plötzlich soll ich einfach mit meinem Leben klarkommen, auf eigenen Beinen stehen, mir einen Job suchen, mich als Normalbürger in die Gesellschaft einfügen? Mein Gott, wie geht denn das? Ich merke, dass ich keinen Plan vom Leben habe.

Es fühlt sich an, als würde mir der Boden unter den Füssen weggezogen. Der Sport hat bisher mein Leben bestimmt. Er war meine grosse Liebe. Es hat mich fasziniert, mich auf künstlerische Art auf höchstem Niveau zu bewegen. Das hat mich motiviert. Und jetzt soll das alles vorbei sein – nach 20 Jahren harter, entschlossener und schmerzhafter Arbeit?

Das Leben geht weiter

So ist es, und das Leben geht weiter. Fragt sich bloss, wie? Ich muss sehr vieles lernen. Lernen, mein Leben in die Hand zu nehmen. Lernen, den Alltag auf eine andere Art zu leben. Lernen, «normal» zu sein! Ich habe so viel Zeit wie noch nie – aber was mache ich damit?

Verreisen möchte ich nicht, weil es mir vorkommen würde, als liefe ich vor meinen Problemen davon. In die Turnhalle gehen, um zu trainieren, kann ich noch nicht. Zuerst muss ich alles verarbeiten. Stattdessen gehe ich nach draussen, um zu joggen, um meinen Kopf durchzulüften, um meine Gedanken abstellen zu können. Dabei spüre ich etwas, das ich vergessen hatte.

Etwas, was das Leben so wunderbar macht: die Natur um mich herum, die Tiere, die Luft. Ich entdecke die Welt auf eine neue Art. Das fühlt sich schön an!

Aber da ist noch ein Gefühl. Ein Gefühl, das ich nicht kenne. Ein Gefühl, das mir Angst macht. Und sich gleichzeitig anfühlt, als ob ich fliegen könnte. Dieses Gefühl bezeichnet man – so glaube ich jedenfalls – als Freiheit. Keine Verpflichtungen, keine Trainings mit Schmerzen, keine Wettkämpfe, auf die ich mich vorbereiten muss. Und keiner, der mir sagt, was ich zu tun und zu lassen habe.

Zum ersten Mal in meinem Leben fühle ich mich frei!

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