Man könnte sich hier auch das EM-Camp einer Fussball-Nationalmannschaft vorstellen. Zu Beginn der Tour de Suisse logieren die Radprofis von IAM Cycling in Weggis am Vierwaldstättersee, in ruhiger, malerischer Umgebung – unweit vom Platz, auf dem sich die brasilianischen Fussballer einst auf die WM 2006 in Deutschland vorbereitet haben. Einen Tag vor der Rundfahrt, die heute mit einem Prologzeitfahren in Baar startet, reihen sich Profis des Schweizer Teams auf der Gartenterrasse zum Medientermin auf. Nebenan lässt sich mit Weltmeister Peter Sagan einer der grossen Stars der Szene vor dem See von einem Fernsehteam interviewen, die Sonne brennt vom Himmel, die Fahrer sind leicht gekleidet.

Nur einer trägt ein Jäckchen. Mathias Frank, der davon abgesehen nicht besonders heraussticht, obwohl er der Leader des Teams ist. Zeigen will er dies in erster Linie auf der Strasse. Dass er sich sein ruhiges Naturell auch in seinem dritten Jahr als Aushängeschild bei IAM bewahrt hat und das Rampenlicht nicht sucht, will er nicht verhehlen. Inzwischen ist er aber daran gewöhnt, dass das öffentliche Interesse an ihm gewachsen ist – gerade bei der Tour de Suisse, wo er 2013 mehrere Tage im Leadertrikot unterwegs war und ein Jahr später als Zweiter den Gesamtsieg nur knapp verpasste. Obwohl seine Tochter während der Rundfahrt unter notfallmässigen Umständen zur Welt kam und er zwischen den Etappen mehr Zeit im Spital als im Bett verbrachte.

Und nun erscheint Frank, 29-jährig, im Jäckchen zum Medientermin. Nicht nur, weil er kaum ein Gramm zu viel auf den Rippen trägt, sondern wegen einer Erkältung. Den ganzen Winter hindurch ist er gesund geblieben, doch ausgerechnet jetzt hat es ihn erwischt. Ausgerechnet vor der Tour de Suisse, die er nur zu gern einmal gewinnen möchte. Wenn nicht jetzt, dann in einem anderen Jahr. Wobei seine Form diesmal eigentlich ausgezeichnet sein sollte. Das hat ihm sein Körpergefühl gesagt, im Training, und vor Wochenfrist bei der Luxemburg-Rundfahrt. Bevor er nach Hause kam, ins neu erbaute Familienheim am Sempachersee, und krank wurde. So wie die inzwischen zweijährige Tochter, die vor kurzem einen kleinen Bruder bekommen hat, der seinerseits den Eltern kaum Schlaf gönnt.

Erholt in die Berge?

«Es ist sicher nicht optimal, so in die Tour de Suisse zu starten», sagt Frank, der froh ist, dass die grossen Bergetappen erst in der zweiten Wochenhälfte anstehen. Dann allerdings gleich in einer geballten Ladung, mit drei Bergankünften in Folge vor dem nicht minder anspruchsvollen Finalwochenende in Graubünden. Was einem starken Kletterer wie ihm eigentlich in Karten spielen würde. Erst recht, zumal die ganz grossen Tour-de-France-Favoriten nicht am Start sind. Aber eben: Zuerst muss Frank noch diese Erkältung wegbringen muss im Lauf der ersten Tage, für welche die Wetterprognosen wenig Gutes verheissen.

An seinem Ziel ändert die Erkältung aber nichts. «Ich will das Beste herausholen», sagt Frank. Den Kopf schon vor dem Start hängen zu lassen, würde ihm ohnehin nicht einfallen. Nicht nach der Tour de Suisse 2014, jene mit der Geburt der Tochter, wo er letztlich trotz ungünstiger Vorzeichen ein Top-Resultat herausfuhr. Und nicht nach der Tour de France 2015, während der er mehrere Krisen überstand und am Ende doch im feinen 8. Rang landete. Und erst recht nicht vor der kommenden Tour de France, wo sich noch eine Chance bietet, zu zeigen, dass ihn das Körpergefühl nicht getäuscht hat. Als es ihm sagte, die Form sei ausgezeichnet.