Wenn Wladimir Klitschko heute am späten Abend (22.10 Uhr/live RTL) im deutschen Oberhausen gegen den Samoa-Australier Alex Leapai antritt, ist es bereits seine 16. Titelverteidigung als Weltmeister und sein 64. Profikampf insgesamt.

Vieles dürfte dem 38-Jährigen bekannt vorkommen: Wie immer ist er grösser als sein Gegner und hat die längere Reichweite und wie immer ist er turmhoher Favorit. Selbst die Pöbeleinlage von Ex-Weltmeister Shannon Briggs (USA) an der Pressekonferenz vor dem Kampf rief bei Klitschko nur ein ironisches Lächeln hervor.

Kontinuität herrscht auch in der Ringecke, wo Wladimir von Bruder Witali angefeuert wird. Und doch ist dieser Kampf besonders: Es ist das erste Mal, dass Wladimir nach dem Beginn der politischen Unruhen in der Ukraine antritt, die in der wohl schärfsten Krise des Landes mündeten. Unbeteiligt sind die Klitschkos an den Ereignissen nicht.

Drehte sich beim Bruderpaar in den 90er- und 00er-Jahren alles nur ums Boxen – zumeist fernab der Heimat – hat sich Witali inzwischen in der Politik ein zweites Standbein aufgebaut: 2012 zog er mit seiner Partei Udar in das ukrainische Parlament ein, während der Demonstrationen auf dem Kiewer Maidan-Platz war er einer der Oppositionsführer, auch Wladimir wurde mehrfach dort gesehen.

Der Kampf ums Bürgermeisteramt

Seine Ambitionen auf das Amt des Präsidenten hat der ältere Klitschko zugunsten von Petro Poroschenko begraben, doch nun will der 42-jährige Witali Bürgermeister von Kiew werden. Gestern gab er die Bewerbungsunterlagen ab. Jeder Kandidat werde einen Entwicklungsplan für Kiew vorlegen, «doch das Wichtigste ist ein Team, das Verantwortung in schwerer Zeit übernehmen kann, um die von den Menschen schon lange erwarteten Reformen umzusetzen», sagte er.

«Schwere Zeit» ist wohl fast noch ein Euphemismus für die aktuelle Krise. Das Land ist genauso zerrissen wie die Fangemeinde der Klitschkos. Ist Witali in der Hauptstadt Kiew populär und kommt in Umfragen auf über 50 Prozent der Wählerstimmen, so gilt er vielen Ostukrainern inzwischen als Feindbild und wird als «debiler Boxer» verunglimpft, der in der Politik nichts zu suchen habe. In der Millionenstadt Charkiw mussten ihn seine Leibwächter bei einem Auftritt im März vor fliegenden Eiern abschirmen.

Der Hass richtet sich auch gegen Wladimir: «Ich hoffe, Leapai haut ihm das Riechorgan blank – und seinem Bruder auch», schrieb eine Nutzerin auf einem ostukrainischen Internet-Forum über das bevorstehende Box-Event. Solche Häme findet sich zuhauf – auch in Russland, wo die Klitschkos früher ebenfalls eine grosse Fangemeinde hatten.

Nach dem Anschluss der Krim an Russland hatte Wladimir Klitschko in einer Videobotschaft Namensvetter Wladimir Putin vor der Wiederholung der Fehler der Vergangenheit gewarnt. Auch wenn die Ukraine und Russland Brüder seien, habe Moskau kein Recht sich einzumischen, sagte er. Witali sei zwar sein älterer Bruder. «Aber das heisst nicht, dass ich auf ihn höre, wenn er mir sagt: ‹Du musst das tun, was ich für richtig halte›», fügte er hinzu.

Das russische Fernsehen reagierte mit einem Boykott auf Klitschkos Herausforderung an Putin. Der Kampf wird nicht übertragen – das erste Mal seit zehn Jahren.

«Was für einen Hintergrund diese Entscheidung hat, weiss ich nicht. Aber es ist nicht schwierig zu erraten, dass es mit den politischen Ereignissen in der Ukraine zusammenhängt. Ich denke, dass das russische Fernsehen viel verliert. Sie werden nicht sehen, wie ich Leapai schlage», sagte Klitschko.

Die Chancen dafür stehen besser als für einen Sieg der Vernunft in der Ukraine.