Rory McIlroy, Nordirlands Wunderkind aus dem Städtchen Holywood bei Belfast, mittlerweile 29 Jahre alt, hat seine bislang vier Triumphe an Majorturnieren gut verteilt. Zweimal gewann er die US PGA Championship, je einmal das US Open und das British Open. Es fehlt also einzig der Titel am berühmtesten und prestigeträchtigsten Turnier, dem US Masters im Augusta National Golf Club im Bundesstaat Georgia.

Den Karriere-Grand-Slam müsste McIlroy eigentlich schon lange im Sack haben. Am US Masters 2011, als er erst 21 Jahre alt war, spielte er an den ersten drei Tagen schier in einer eigenen Klasse, was ihm für die Schlussrunde eine Reserve von vier und mehr Schlägen auf die Konkurrenz eintrug. Auf den letzten 18 Löchern erlebte McIlroy jedoch ein Desaster. Er benötigte 80 Schläge, deutlich mehr als alle 48 übrigen Finalisten, und fiel in den 15. Rang zurück. Zerknirscht musste er dem südafrikanischen Sieger Charl Schwartzel gratulieren, der seither nichts Bedeutendes mehr gewonnen hat. McIlroys resultatmässiger Kollaps wurde in der Golföffentlichkeit mit jenem von 1996 verglichen, als der australische "Weisse Hai" Greg Norman in Augusta sechs Schläge Vorsprung auf den Engländer Nick Faldo mit auf die Schlussrunde nahm. Zuletzt siegte Faldo um fünf Schläge.

Nach diesem für einen sensiblen Golfer traumatischen Erlebnis ist McIlroy in Augusta noch fünfmal unter die ersten zehn gekommen, aber nie mehr ganz nahe an den Sieg heran.

Nicklaus und Woods vorab

Geht es um den Karriere-Grand-Slam, kommen Jack Nicklaus und Tiger Woods weit voran. Nicklaus, mit 18 grossen Titeln dekoriert, und der 14-fache Majorturnier-Gewinner Woods haben die vier Majors (in der jährlichen Reihenfolge US Masters, US Open, British Open, US PGA Championship) je mindestens dreimal gewonnen. Sie besitzen also gleichsam den dreifachen Karriere-Grand-Slam. Woods brachte es bis im Juli 2000 sogar fertig, seinen ersten Grand Slam mit nur vier Siegen zu komplettieren.

Mit einem Triumph in dieser Woche würde Rory McIlroy zu den Grössten aller Zeiten aufsteigen. Ausser Nicklaus und Woods weisen nur der Südafrikaner Gary Player und die längst verstorbenen Amerikaner Ben Hogan und Gene Sarazen den Karriere-Grand-Slam vor. Von den noch auf den grossen Tours aktiven Golfern fehlt wie McIlroy auch den Amerikanern Phil Mickelson und Jordan Spieth nur noch je ein Puzzle-Stein. Das Masters jedoch haben beide schon gewonnen. Mickelson muss den Sieg am US Open nachholen, während Spieth an der US PGA Championship gewinnen müsste. Von den Dominatoren der letzten Jahre ist Jordan Spieth in diesem Jahr am wenigsten gut in Form.

Rory McIlroy muss sich gleichwohl auf eine sehr starke Konkurrenz gefasst machen. Der englische Olympiasieger Justin Rose und der Amerikaner Dustin Johnson - beide gewannen schon das US Open - sind als Nummer 1 und 2 der Weltrangliste in einer guten Verfassung. Der Amerikaner Brooks Koepka, hinter McIlroy die Weltnummer 4, hat sich in den letzten Jahren geradezu als Spezialist für die Majors hervorgetan. Er gewann zweimal das US Open und letzten Sommer das British Open, während er daneben auf dem amerikanischen Circuit nur ein "normales" Turnier für sich entscheiden konnte

Woods im Jahr der letzten Chance?

Tiger Woods wird in dieser Woche auch mit seinen 43 Jahren zum Kreis der Favoriten zählen. Er kann sich auch an Jack Nicklaus orientieren, der das US Masters 1986 mit 46 Jahren gewann. Aber kann Woods überhaupt noch einmal ein Majorturnier gewinnen? Den letzten seiner 14 Majortitel holte er am US Open 2008, vor fast elf Jahren.

Es gibt indessen ein ungeschriebenes Gesetz, das besagt, dass ein Golfer nach einem grossen Sieg nicht mehr als elf Jahre verstreichen lassen darf, wenn er ein weiteres Mal gewinnen will. Demnach müsste Woods in diesem Jahr unbedingt zuschlagen.

In der Nachkriegszeit gab es drei Golfer, die nach einem Unterbruch von elf Jahren an einem Major triumphierten. Es waren lauter Amerikaner: Julius Boros am US Open 1963, Hale Irwin am US Open 1990 und zuletzt Ben Crenshaw am US Masters 1995. Alle drei waren bei ihren neuerlichen Siegen im Herbst ihrer Karrieren. Irwin war 45 Jahre alt, Boros und Crenshaw waren - genau wie Tiger Woods jetzt - 43 Jahre alt.