Jo-Wilfried Tsonga wie unter einer Dampfwalze

Es war ein bitterer Abend für Jo-Wilfried Tsonga. In 88 Minuten fegte Roger Federer den Franzosen im Halbfinal des Australian Open 6:2, 6:3, 6:2 vom Feld.

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Roger Federer

Roger Federer

Keystone

Jörg Allmeroth, Melbourne

Als Tsonga ein letztes Mal auf dem Pausenstuhl Platz nahm, kurz vor dem Ende dieses Tennisdramas, da sah er so verzweifelt aus, als wolle er gleich aus der Rod-Laver-Arena flüchten. Wild schüttelte der Franzose den Kopf, machte sich heftige Vorwürfe, führte Selbstgespräche und liess sich dann auf einmal zurück an die Lehne plumpsen – ein angezählter Mann, ein Nervenbündel, ein Boxer in den Seilen. Federers Triumph im Schnelldurchgang gegen den Weltranglisten-Zehnten aus Le Mans war – um im Bild zu bleiben – ein langgestreckter, demütigender Knock-out für den saft- und kraftlosen Herausforderer.

Auf der Höhe seiner Kunst wirkte Maestro Federer wie ein Spieler aus einer anderen Gewichtsklasse – Superschwergewicht gegen Mittelgewicht stand da auf dem blau gestrichenen Tennisfeld, Champions League gegen Bundesliga-Mittelfeld. «Ich fühlte mich, als würde ich von einer Dampfwalze überrollt», sagte Tsonga geknickt, der nach zwei harten Fünf-Satz-Schlachten zuvor jede Explosivität, Drahtigkeit und Dynamik vermissen liess – und ein allzu leichtes Opfer für den zupackenden Schweizer war, der fast schon traditionell in den entscheidenden Turnierrunden ein bis zwei Gänge höher schaltete. Nun kann nur noch der lässige Schotte Andy Murray den Superstar auf dem Weg zum 16. Major-Titel stoppen: «Er trägt die grosse Last auf den Schultern, nach 150000 Jahren oder so einen Titel für die Briten zu holen», ulkte Federer, «aber es wird sicher ein Match, das viel härter, viel anspruchsvoller wird.» Murray gehört zu den wenigen Kollegen, die über eine positive Bilanz gegen den Basler Artisten verfügen: Sechs der zehn Duelle hat der 22-Jährige gewonnen, allerdings ging der einzige grosse Vergleich im US-Open-Final 2008 an Federer.

Beim Blick in die Statistiken des Grand-Slam-Spielers Federer verschlug es einem nochmals den Atem: Denn mit dem Sieg im 23. Grand-Slam-Halbfinal hintereinander landete der 28-Jährige nun im 22. Endspiel bei einem der vier kostbarsten Tennistermine der Saison. Kein anderer Spieler vor ihm hat jemals so viele Endspiele erreicht. Und er kann schaffen, was in den letzten 30 Jahren lediglich neun andere schafften: als Vater ein Major zu gewinnen. Federer ist nicht nur der Mann für die magischen Momente, die künstlerischen Feingriffe – er ist vor allem ein Meister der Konstanz, einer, der sich seit 2003 keine wirklich ernsthafte Krise geleistet hat. 268 Wochen lang führt er, mit einer Unterbrechung, schon die Weltrangliste an. Auch seine neue Rolle als Familienvater hat nichts daran geändert.

Es war schlichtweg beängstigend, wie überlegen Federer seine Qualitäten gegen Tsonga ausspielte und den Top-Ten-Mann zum Statisten degradierte, zum hoch bezahlten Zuschauer dieser Nummer-1-Show. «Das war Federer in seiner ganzen Einmaligkeit», sagte Experte Jim Courier, «ein grosser Meister am Werk.» Der Thrill, dem Besten der Besten in seiner Prachtentfaltung zuzuschauen, machte sogar die Langeweile des Halbfinals wett, das immer nur in eine Richtung lief – für Federer. Schon nach einer Stunde hatte der Maestro die beiden ersten Sätze rauschhaft für sich entschieden, und wer auf ein Comeback Tsongas gehofft hatte, sah sich schwer getäuscht. Die One-Man-Nummer Federers ging bis zum Matchball weiter – in einem Spiel, in dem Tsonga keinen einzigen Breakball nutzen konnte. Warum? Weil er keinen einzigen hatte.