Schon Jeremias Gotthelf war voller Bewunderung für die Sportart mit ihren Wurzeln im Emmental: «Draussen trafen auf einer weiten Matte die Partien zusammen und ordneten sich zum Spiele, das hundertmal schöner und tausendmal nationaler ist, als das fratzenhafte Komödiespielen, das den Leib nicht übt.» So führt der Emmentaler Pfarrer und Schriftsteller den Tag des Hornuss-Spiels zwischen zwei Dorfgemeinschaften in seinem Roman «Uli der Knecht» ein.

170 Jahre später treffen sich dieses und am kommenden Wochenende 260 Gesellschaften – so werden die Mannschaften im Jargon genannt. Sie messen sich am 36. Eidgenössischen Hornusserfest auf einer Matte bei Lyss im Berner Seeland. Was heute als bedächtiges Schlagspiel unter den drei Schweizer Nationalspielen (Schwingen und Steinstossen) betrieben wird, beschreibt Gotthelf als archaisches Kräftemessen zweier «verhasster» Dörfer. Denn: «Es war eine Zeit im Kanton Bern, wo jedes Dorf das andere hasste, jedes Dorf seinen Spottnamen hatte, wo dieser Hass bei jedem Tanz, an jedem Markte und zwischendurch im Jahr noch sehr oft mit Blut besiegelt wurde.» So treffen sich in «Uli der Knecht» die Erdöpfelkofer und die Brönzwylerer zu einer «Wetthurnusset» auf einem Acker, «wo nichts zu verderben ist».

Wo ist der «Nouss»?

Bis heute treffen sich die Sportler auf von Bauern zur Verfügung gestellten Wiesen und Äckern zum bedächtig wirkenden Schlagabtausch. Wenn der «Nouss» – der Abschlagball ist heute aus Kunststoff und 78 Gramm schwer – aber mit bis zu 300 Stundenkilometern den «Bock» verlässt, so ist nichts mehr bedächtig. Eher kommt dann Hektik auf im «Ries», dem Spielfeld. Manch ungeübtes Auge hat dann Mühe, das Geschoss zu verfolgen. Gotthelf über den Schläger, der zum Bock tritt, aufzieht und den Stecken niedersausen lässt: «Als alle Herzen pochten, alle Mäuler aufgingen, alle Augen in zitternder Spannung zum Hurnuss sahen, ihn suchten in der Luft, ihn nirgends sahen; und während alle Augen aus dem Kopfe sahen, tönte ein zweiter Schlag, da flog der Hurnuss hoch herein übers Ziel.»

Heute dauert ein Spiel gut und gerne vier Stunden. Die Mannschaften bestehen aus 16 bis 18 Spielern, je nach Stärkeklasse. Jeder von ihnen muss insgesamt vier Mal zum Abschlagen. Das Ziel: Der auf dem Abschlagstock aufrecht stehende Nouss mittels «Träf» am Ende eines elastischen Schwungsteckens ins 100 Meter entfernte «Ries» (Zielfeld) befördern. Im 180 Meter langen und zwischen 8 und 14 Meter breiten Trapez stehen die Mitglieder der gegnerischen Mannschaft. Die «Abtuer» versuchen mit sogenannten Schindeln, die sie hochhalten oder gar hochwerfen, den fliegenden «Nouss» auf das Feld herunterzuholen. Während lebensgefährliche Körper-, gar Kopftreffer früher besonders bewertet wurden, gilt heute zumindest für den Nachwuchs ein Helmobligatorium.

Eine zerrissene Sonntagskluft

Heute wie früher geht es nach dem Spiel zum Zvieri. Diesen geselligen Teil des Sports muss üblicherweise die Verlierermannschaft finanzieren. Heute fliesst Bier in Strömen, früher war es der Wein. Hornusser betonen die feine Kameradschaft, die dabei gepflegt werde. Früher war das anders, häufig flogen die Fäuste, wie auch bei Gotthelf nachzulesen ist.

Knecht Uli, dummerweise in der Verlierermannschaft, muss «gereizten Gemütes zum Weine» und auch noch mitbezahlen. «Er dachte, wenn er doch mitzahlen müsse, so wolle er wenigstens machen, dass er redlich seinen Teil bekäme.» Danach ergeht es ihm schlimm: «Er erhielt einige rässe Kläpfe, blutete, und sein Sonntagsstaat hing ihm zerrissen am Leibe», steht bei Gotthelf.Mögen in Lyss die Hornusse und Schindeln fliegen. Und nicht die Fäuste.