Jürgen Klinsmann
«Italien sehe ich nicht so stark»

2006 galt er als Vater des deutschen «Sommermärchens». 2010 wird der ehemalige Bundestrainer Jürgen Klinsmann als TV-Experte für RTL nach Südafrika reisen. Im Interview nennt er seine Titelkandidaten und sagt, wer das Zeug zum WM-Star hat.

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«Italien sehe ich nicht so stark»

«Italien sehe ich nicht so stark»

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Wie fühlt sich ein deutscher Bundestrainer kurz vor der WM?

Jürgen Klinsmann: Ich glaube, Deutschland ist noch nie mit dem Gedanken in ein Turnier gegangen, wir räumen alles ab. Wie oft gab es Probleme in der Qualifikation! 1990 wären wir fast gescheitert, «Icke» Hässler schoss in Köln das 2:1 gegen Wales, zwei Minuten vor Schluss verfehlte ein Waliser das leere Tor. Danach wurden wir Weltmeister. Es gab immer diese bestimmten zwei, drei Monate vor der WM, in denen alles infrage gestellt wurde. Das war auch 2006 so. Ich glaube, das ist normal für uns Deutsche.

Und wie fühlt sich nun Joachim Löw?

Klinsmann: Nicht anders als alle vor ihm. Er hat diese Phase aber mit Ruhe und Souveränität bewältigt. Südafrika ist nach der EM 2008 sein zweites Turnier, er hat eine gewisse Routine.

Dass seine Zukunft für die Zeit nach der WM nicht geklärt ist, stört ihn nicht?

Klinsmann: Das spielt jetzt keine Rolle mehr. Er ist total fokussiert auf den Job. Was danach kommt, ist sehr weit weg. Meine Hoffnung ist, dass er noch lange Bundestrainer bleibt.

Haben Sie regelmässig Kontakt zu ihm?

Klinsmann: Natürlich, wir haben ja zusammen die WM 2006 erlebt. Es ist jetzt nicht so, dass wir jeden Tag telefonieren, aber wir tauschen uns regelmässig aus.

Mancher sprach angesichts des Verletzungspechs von einem Fluch, andere davon, dass mit Michael
Ballack der Leader ausfällt. Wie ist das aus Ihrer Sicht auszugleichen?

Klinsmann: Das Vakuum muss durch eine neue Generation von Spielern ausgefüllt werden, die jetzt die Verantwortung übernehmen. Das ist keine einfache Sache. Michael Ballack war der Leader der letzten Jahre schlechthin. Aber das Potenzial, das zu schaffen, haben die jungen Spieler. Sie haben sich in den vergangenen Jahre weiterentwickelt und mittlerweile 50 bis 60 Länderspiele.

Kann Deutschland trotzdem eine gute Rolle spielen?

Klinsmann: Ja, das glaube ich schon. Philipp Lahm und Bastian Schweinsteiger traue ich zu, die Rolle des emotionalen Anführers auszufüllen. Sicher fehlt jetzt ein Schlag Erfahrung. 2006 haben auch Jens Lehmann und Oliver Kahn die Anführerrolle neben Michael Ballack mit ausgefüllt und unglaublich viel in die Mannschaft eingebracht. Das Team 2010 ist von da her noch nicht auf dem Level des 2006-Teams. Das ist ohne Zweifel ein gewisses Problem.

Warum trauen Sie Deutschland trotzdem etwas zu?

Klinsmann: Andere Mannschaften, wie beispielsweise die Spanier, haben auch mit Verletzungsproblemen zu kämpfen. Xavi, Andres Iniesta, Fernando Torres – keiner weiss, auf welchem Niveau sie dort spielen können. Wenn sie die Form der EM 2008 erreichen, sind sie ein grosser Favorit. Sonst sehe ich Brasilien vorne, während ich Italien nicht so stark sehe und sehr gespannt auf Frankreich bin. In Deutschland ist ja schon das Viertelfinale ein Misserfolg, es wird immer mindestens das Halbfinale erwartet.

Und?

Klinsmann: Es muss an einem Turnier immer alles passen, wenn man ganz weit vorne landen will. Das gilt für jede Mannschaft. Der, der im Juli Weltmeister wird, würde es im August vielleicht schon nicht mehr.

Die WM dauert inklusive Vorbereitung mehr als sechs Wochen. In Südafrika werden die deutschen Spieler nicht
wie 2006 allein zu Ausflügen starten können. Wie bewahrt man sich und andere vor dem Lagerkoller?

Klinsmann: Alle müssen wissen, man kann es sich nicht leisten, den Moment zu verpassen. Eine WM findet nur alle vier Jahre statt. Die wichtigste Aufgabe ist die, sich als Team zu finden.

Es wird viel über die besonderen Umstände in Südafrika gesprochen. Die WM wird im Winter stattfinden,
es gibt teilweise grosse Distanzen zu überwinden und die Stimmung wird anders sein.

Klinsmann: Das fängt damit an, das manche Spiele auf Meereshöhe stattfinden und andere auf 1500 Meter Höhe. Es werden in vielerlei Hinsicht andere Umstände als sonst – aber eben für alle. Man muss das annehmen und sich
darauf einstellen, dass es mal einen schlechten Trainingsplatz gibt oder eine kürzere Fahrt zwei Stunden dauert. Es wird darum gehen, welche Mannschaften mit diesen Rahmenbedingungen am besten umgehen können und es schaffen, sich aufs Wesentliche, sprich die Spiele, zu konzentrieren. Diese Gabe hat Deutschland. Da haben andere sicher mehr Probleme.

Wie beurteilen Sie die deutschen Gruppengegner?

Klinsmann: Es wäre ein Fehler, einen Gegner zu unterschätzen. Ghana hat in Südafrika Heimspiele, sie repräsentieren nicht nur ihr eigenes Land, sondern den Kontinent Afrika. Michael Essiens Ausfall ist dem von Michael Ballack gleichzusetzen. Aber es ist eine Mannschaft, die jedem Probleme bereiten kann. Bei Australien erinnere ich nur an das Viertelfinale 2006, als sie erst durch einen ungerechtfertigten Elfmeter gegen Italien ausgeschieden sind und die bessere Mannschaft waren. Sie werden sich nicht einfach ergeben. Und die Serben sind eine spielstarke Mannschaft, die mit viel Willen in die Spiele geht.

Deutschland wird trotzdem Erster seiner Gruppe?

Klinsmann: Davon gehe ich aus und daran glaube ich. In der jungen Mannschaft steckt viel Potenzial.

Gibt es einen Spieler, dem sie zutrauen, der Star der WM zu werden?

Klinsmann: Alle Augen werden auf Lionel Messi gerichtet sein. Ich bin sehr gespannt, ob er eine ähnliche Rolle wie beim FC Barcelona ausfüllen kann. Es gibt weitere Kandidaten wie Torres, Iniesta, Xavi, aber der Name Nummer eins wird Messi sein.

In Südafrika sind sie selbst TV-Experte, wie haben Sie eigentlich als Trainer 2006 die Kritik erlebt?

Klinsmann: Wenn es bei der Kritik um die Sache geht, kann man das sacken lassen und es kann sogar hilfreich sein. Manch anderes hakt man ab, weil man sagt, der kann gar keinen Einblick in das Innenleben der Mannschaft haben, und will mit plumpen Kommentaren nur Aufmerksamkeit erregen.

Und wie werden Sie den neuen Job machen?

Klinsmann: Sachlich.

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