«In mir steckt eine Naturkraft»

Gürkan Sermeter (35) fragt seinen Trainer Marco Schällibaum (47), warum dessen Kopf meist rot ist und ob er mal Radfahrer werden wollte.

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Marco Schällibaum und Gürkan Sermeter

Marco Schällibaum und Gürkan Sermeter

Aargauer Zeitung

Aufgezeichnet: François Schmid-Bechtel

Warst du als Profi besser als die Spieler, die du heute trainierst?
Marco Schällibaum: Gleich eine Fangfrage. Ich bin kein Trainer, der seinen Spielern stets von seiner eigenen, erfolgreichen Vergangenheit vorschwärmt. Ich hätte aber sicher einen Stammplatz bei uns. Ich war sicher ein guter Aussenverteidiger. Einer der ersten in der Schweiz, der auch nach vorne etwas gemacht hat. Eigentlich der Wegbereiter für Roberto Carlos (lacht).

«Gügi» – der Evergreen

Egal ob bei YB, in Aarau oder nun bei der AC Bellinzona - Gürkan «Gügi » Sermeter war stets der Liebling der Fans. Einerseits wegen seiner extrovertierten, auf dem Platz häufig auch theatralischen Art. Andererseits wegen seines grossen Engagements als offensiver Mittelfeldspieler auf der rechten Aussenbahn. Drei Saisons haben Sermeter und Schällibaum schon bei YB zusammengearbeitet. Nun nehmen sie gemeinsam die zweite Saison bei der AC Bellinzona in Angriff. Trotz seinem für einen Fussballer hohen Alter von 35 hat Sermeter von seiner Dynamik und Schnelligkeit nichts eingebüsst. Sermeter gilt im Team als Entertainer, Ästhet und als Mann mit feinen Sensoren. (fsc)

Hast du mal mit einer Radprofikarriere geliebäugelt? Deine gewaltigen Waden könnten darauf schliessen lassen.
Schällibaum: (lacht) Der Spruch ist nicht schlecht. Von meinen kompakten Waden lebe ich heute noch. Ich bin natürlich wie alle Kinder häufig Fahrrad gefahren. In mir steckt eine Naturkraft. Die beginnt schon bei den Waden.

Was wäre aus dir geworden wenn nicht Trainer?
Schällibaum: Pilot hat mich immer fasziniert, obwohl ich latente Flugangst habe. Aber eben, das war nur ein Traum.

Ein Teamkollege fragt, wann du endlich Italienisch lernst?

Schällibaum: Wer will das wissen?

Ich gebe meine Quellen nicht preis. Dein Italienisch ist sicher nicht schlecht, aber ab und zu sorgst du schon für ein Schmunzeln.
Schällibaum: Ja, es ist halt nicht meine Muttersprache. Was man nicht unterschätzen darf - und das könnt ihr ruhig auch mal selbst ausprobieren -, auf Deutsch zu denken und in einer anderen Sprache zu sprechen. Ausserdem muss ich häufig auch französisch und englisch reden. Das führt hin und wieder dazu, dass ich die Wörter vermische.

Wie «marcare».
Schällibaum: Ich leite es vom französischen, von «marqué» ab.

Der Ärger wegen YB

Die AC Bellinzona hat hinten ein Problem Die Young Boys haben sich intensiv um Innenverteidiger Iacopo La Rocca bemüht und diesem gehörig den Kopf verdreht, wie Marco Schällibaum moniert. «Die Berner haben ihm den dreifachen Lohn angeboten, ohne vorher mit uns über eine Ablösesumme zu verhandeln. Dabei hat La Rocca noch einen laufenden Vertrag bei uns», sagt der Bellinzona-Trainer. Obwohl die Geschichte seit zwei Wochen vom Tisch ist, sei La Rocca mental immer noch irgendwo zwischen Bern und Bellinzona. Und weil YB Emiliano Dudar verpflichten konnte, hat Schällibaum ein Problem in der Innenverteidigung. Apropos abwerben: Viel hätte nicht gefehlt und Schällibaum wäre beim FC Basel gelandet. Der Zürcher war bei der Suche nach dem Nachfolger von Christian Gross unter den letzten drei. Die ACB ist bestrebt, Frank Feltscher und Drissa Diarra für ein weiteres Jahr von Lecce auszuleihen. Weitere Zuzüge werden wohl erst getätigt, wenn das Karussell auf dem italienischen Spielermarkt dreht. (fsc)

Aber auf Italienisch heisst «marqué» «segnare».
Schällibaum: Klar, «marcare» gibt es aber auch.

Schon, aber das heisst «den Mann decken». Wenn wir vor dem gegnerischen Tor stehen, müssen wir doch wohl nicht den Gegner decken. Aber ich will nicht giftig sein. Wir sind uns bewusst, dass du gut italienisch sprichst.
Schällibaum: Ja, ja, aber ihr wisst immer, was ich meine.

Welchen ausländischen Verein würdest du gerne trainieren?
Schällibaum: Puh, schwierig.

Wie wärs mit Manchester United?
Schällibaum: Da gehts ab. Das ist meine Art von Fussball. Kämpfen bis zum letzten Atemzug. Ja, der (Alex Ferguson - Red.) soll doch endlich mal gehen. Der ist doch schon 23 Jahre dort. . .

. . .das Signal ist angekommen. Wer dürfte dich in die Ferien begleiten: Christian Constantin oder Marc Roger? (Constantin hat Schällibaum nach 47 Tagen in Sion gefeuert. Und Roger, der Servette als Investor in den Ruin getrieben hat, schuldet Schällibaum immer noch eine sechsstellige Summe - Red. )
Schällibaum: Gute Frage. Eher Marc Roger.

Warum?
Schällibaum: Weil er damals überfordert war und eigentlich ein ganz netter Mensch ist.

Aber du hast mal gesagt, Constantin sei ein Fussball-Verrückter. Etwas, das euch verbindet. Mit ihm könntest du stundenlang über Fussball diskutieren.
Schällibaum: In den Ferien will ich aber nicht ständig über Fussball reden.

Als du bei YB Trainer warst, haben dich die Fans für den Bundesrat vorgeschlagen. Was ist daraus geworden?
Schällibaum: Du kennst die Berner. Das war ein guter Gag. Die Fans haben mit dieser Aktion unserer Leistung Respekt gezollt. Das Spruchband wurde zum Kult.

Und YB hat glücklich gemacht.
Schällibaum: Ja, klar. Das war sicher eine unvergessliche Zeit für mich.

Wer ist dein Vorbild?
Schällibaum: Hennes Weisweiler hat mich am meisten beeindruckt. Er hat sehr viel und sehr akribisch mit uns jungen Spielern gearbeitet. Von den heutigen Trainern gefällt mir Ancelotti am besten.

Sind unsere Leistungen der Grund, weshalb du so häufig einen roten Kopf hast?
Schällibaum: (lacht) Ich glaube, das ist wie bei den Waden einfach angeboren. Wichtig ist, dass ihr die richtigen Schlüsse zieht, wenn ihr an der Linie einen roten Leuchtturm seht.

Weshalb bist du so emotional?
Schällibaum: Ohne Emotionen kann man nicht leben. Wenn ich mich für etwas engagiere, dann mit Emotionen - die tägliche Arbeit mit euch, die freie Zeit mit meiner Familie. Stell dir vor, ich nehme mein Kind in die Arme und das würde mich emotional nicht berühren; dann wäre ich tot. Ich bin vielleicht etwas impulsiver als andere Trainer, aber in der Wortwahl nie unter der Gürtellinie. Und ich bin ruhiger geworden, oder?

Doch, stimmt.

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