Erstmals darf sich die Schweiz Hoffnungen auf eine Medaille an einer Biathlon-WM machen. An den Titelkämpfen in Ruhpolding (D), die heute mit der Mixed-Staffel beginnen, verfügt die Swiss-Ski-Delegation mit Benjamin Weger über einen Podestkandidaten. Dreimal schaffte es der 22-Jährige Walliser in diesem Winter im Weltcup schon unter die besten drei und gehört damit auch an der WM zum grossen Kreis der Mitfavoriten.

Mit Weger als Zugpferd gewinnt der bisher kaum beachtete Biathlon-Sport auch in der Schweiz rasant an öffentlicher Aufmerksamkeit. Das Schweizer Fernsehen etwa nutzt die drei Einzelrennen der Männer, die am Wochenende stattfinden, zu den ersten Direktübertragungen ausserhalb von Olympischen Spielen.

Der Nachholbedarf ist gross. Im Vergleich zu Skandinavien oder Osteuropa, aber auch Nachbarländern wie Frankreich oder Österreich ist die Schweiz ein Biathlon-Entwicklungsland. Von Deutschland schon gar nicht zu reden: Als Wintersport Nummer 1 garantiert die boomende Sportart in ihrem wichtigsten Markt traumhafte TV-Einschaltquoten, begibt sich aber auch in eine nicht ungefährliche Abhängigkeit. Über 80 Prozent der Sponsoren des Weltverbandes IBU stammt aus Deutschland.

Militär als Förderer und Hemmschuh

Die Schweiz ist auch ein Entwicklungsland in dem Sinne, dass sich seit einigen Jahren tatsächlich einiges entwickelt. Wenn man die Voraussetzungen in der Wintersport-Nation mit ihrer grossen Schützentradition in Betracht zieht, ist das Erstaunliche daran, dass dies nicht schon früher geschah. Erst recht, als die Vorväter der heutigen Schweizer Biathleten einst Weltklasse waren. Im Militär-Patrouillenlauf, der von 1924 bis 1948 viermal als Demonstrations-Wettkampf bei Olympischen Winterspielen zur Austragung kam, resultierten damals zwei Gold- und eine Bronze-Medaille.

Als ursprünglich militärische Sportart ist die Geschichte in der Schweiz eng mit der Armee verknüpft. Diese war lange Zeit die grösste Biathlon-Fördererin, hemmte dadurch aber ungewollt auch die Entwicklung als ziviler Sportdisziplin. Als eine von mehreren Sparten im Mehrkampf-Verband fristete der Schweizer Biathlon im langen Schatten des alpinen Skisports ein Mauerblümchendasein. Stetige finanzielle Probleme verhinderten den Aufbau geordneter Strukturen, die Nachwuchsförderung blieb aus, eine feste Trainingsanlage fehlte.

Rettung dank Swiss-Ski

Der Aufwärtstrend setzte nach der Jahrtausendwende ein und ist massgeblich ein Verdienst des heutigen Biathlon-Disziplinenchefs Markus Regli. Dem Infrastruktur-Verantwortlichen des Waffenplatzes Andermatt ist es zu verdanken, dass die Armee 2002 mit Unterstützung privater Sponsoren eine Trainingsanlage eröffnete. Als Biathlon Suisse im Jahr darauf vor dem Konkurs stand, trieb er die 2004 vollzogene Eingliederung bei Swiss-Ski voran, von dessen Strukturen die neue Verbandssparte entscheidend profitieren sollte.

Mit einem Umsatz von gut einer Million Franken (Saison 2010/11) verfügen die Schweizer Biathleten noch immer über vergleichsweise bescheidene Mittel. Hinzu kommt, dass die Athleten in vielen Nationen dank direkter oder indirekter staatlicher Förderung leichter als Profisportler leben können als in der Schweiz, wenn auch Benjamin Weger, Simon Hallenbarter (Zeitmilitär) und Selina Gasparin (Grenzwacht) inzwischen von spezifischen Anstellungen profitieren.

Dennoch befindet sich der Schweizer Biathlon sichtlich im Aufschwung. Die Nachwuchsserie Kidz-Trophy erfreut sich grosser Beteiligung, in Realp-Andermatt steht inzwischen in Leistungszentrum zur Verfügung und auf der Lenzerheide ist eine Anlage für internationale Wettkämpfe im Bau. Und: Die Athleten sorgen für vielversprechende
Resultate. Benjamin Weger ist das prominenteste Produkt der aktuellen Dynamik – und ihr grösster Katalysator.