Kunstturnen
In der Schweizer EM-Delegation fehlen aus Verletzungsgründen die Stars - nun dürfen und sollen sich andere beweisen

Die Sportart Kunstturnen blickt auf erfolgsverwöhnte Jahre zurück. Sage und schreibe 13 Einzelmedaillen an Grossanlässen durfte man beim Schweizerischen Turnverband (STV) seit 2015 beklatschen. Im Aufgebot für die nächste Woche in Glasgow beginnenden Europameisterschaften fehlen nun aber mit einer Ausnahme sämtliche dieser Podestturner.

Rainer Sommerhalder
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Oliver Hegi ist der einzige Schweizer EM-Teilnehmer, der an internationalen Meisterschaften bereits eine Einzelmedaille gewonnen hat.

Oliver Hegi ist der einzige Schweizer EM-Teilnehmer, der an internationalen Meisterschaften bereits eine Einzelmedaille gewonnen hat.

KEYSTONE

Die Verletzungshexe hat bei Giulia Steingruber, Pablo Brägger und Christian Baumann unerbittlich zugeschlagen. Trotzdem wird im Schweizer Team weder gejammert noch tiefgestapelt. Denn jetzt soll die zweite Garde beweisen, dass das Schweizer Kunstturn-Märchen ebenso sehr auf breit abgestützter Qualitätsarbeit beruht wie auf den Exploits von einzelnen Ausnahmekönnern.

Giulia Steingruber ist die prominenteste Abwesende der Schweizer-EM-Delegation.   

Giulia Steingruber ist die prominenteste Abwesende der Schweizer-EM-Delegation.   

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Natürlich kann man Giulia Steingruber nicht ersetzen, natürlich müssen die Schweizer Frauen von den Zielsetzungen her massive Abstriche machen. Doch die unerfahrene Truppe mit einem Durchschnittsalter von 17 Jahren will sich durch Steingrubers Ausfall die Vision eines gemeinsamen Olympiaauftritts 2020 in Tokio nicht nehmen lassen. «Jetzt müssen Athletinnen halt schneller bereit sein, als dass wir dies geplant hatten», sagt Cheftrainer Fabien Martin in einer Selbstverständlichkeit, als ginge es darum, rechtzeitig den nächsten Bus zu erwischen.

Oliver Hegi als Teamleader

Der Aargauer Oliver Hegi ist der einzige Turner im EM-Team, der bereits Edelmetall an kontinentalen Titelkämpfen gewonnen hat. Bei seinem letzten EM-Auftritt holte der 25-Jährige Silber am Reck. Unter Druck fühlt er sich wegen seiner Captainrolle bei den Schweizer Männern in Schottland nicht. «Kein Einzelner muss die Führung übernehmen. Das Team funktioniert auch, ohne dass ich eine solche Rolle ausfüllen muss. Jeder kann bei uns vom andern profitieren.»

Oliver Hegi fühlt sich trotz Captainrolle vor der EM in Schottland nicht unter Druck.   

Oliver Hegi fühlt sich trotz Captainrolle vor der EM in Schottland nicht unter Druck.   

KEYSTONE/EPA/MIRCEA ROSCA

Folglich formuliert Hegi als Zielsetzung für Glasgow in erster Linie Teamerfolge. «Der Fokus liegt wie immer bei der Mannschaft. Wir peilen den als Vorgabe formulierten sechsten Rang an.» Selber möchte er an allen drei Geräten, an denen er turnt (Reck, Barren, Pferd) ein Wörtchen um den Einzug in den Einzelfinal der besten acht mitreden. An die Verteidigung der Medaille denkt Hegi hingegen nicht. «So viele Einflüsse entscheiden letztlich über den Erfolg: die eigene Leistung, die anwesenden Gegner, deren Leistung und die Bewertung durch die Kampfrichter. Da sind Prognosen schwierig.»

Hungrige Turner aus der zweiten Reihe

Die Gedanken des dienstältesten Schweizer EM-Starters gelten der bevorstehenden Aufgabe und nicht der erschwerten Ausgangslage durch fehlende Teamleader. «Wir haben trotzdem ein sehr gutes Team am Start. Die Zeit ist reif für die neuen Gesichter, sich zu präsentieren», sagt Hegi. «Wir haben die Erfahrung und die notwendigen Schwierigkeiten in unseren Übungen und zuletzt sehr konsequent an der Stabilität gearbeitet.»

Ins gleiche Horn bläst Bernhard Fluck. «Die werden in Glasgow einen guten Job machen», prognostiziert der Männer-Cheftrainer. Er spricht von einer gewissen Dynamik, die sich in den letzten Jahren im gesamten Team etabliert hat, und von hungrigen Turnern aus der zweiten Reihe. «Es ist ein starkes Team. Wir haben die Übungen im Griff, jetzt müssen sie die Sache einfach noch auf den Punkt bringen.»