Andy Schmid, wie hätte die Schweiz an dieser WM abgeschnitten?

Andy Schmid: Ich denke, irgendwo im Mittelfeld wären wir schon gelandet. Man sagt, eine WM ist vom Niveau her etwas schwächer als eine EM, weil viele Teams von anderen Kontinenten dabei sind. Chile, Bahrain, Saudi-Arabien – das kann man schon nicht mit dem europäischen Handball vergleichen. Es waren Teams dabei wie Serbien, die gut mitgehalten haben und gegen uns schon verloren haben.

Wie schwierig ist es, vor dem TV zuschauen zu müssen?

Das ist wohl die Frage, die ich am meisten beantwortet habe in meinem Leben, immer zuverlässig im Januar (lacht). Schwierig, schwierig – jedes Jahr mehr. Am Anfang konnte ich es noch irgendwie akzeptieren, mittlerweile fällt es nicht mehr so leicht. Dass die WM im Land stattfindet, wo ich seit acht Jahren wohne, verstärkt das Sehnsuchtsgefühl noch einmal extrem. Ich sehe und spüre die Euphorie überall. Derzeit geht in Deutschland nichts ohne Handball, keine Internet-Seite, kein TV-Sender, das ist schon einmalig. Das habe ich so noch nie erlebt. Die Deutschen haben schon mit dem ersten Spiel – obwohl es «nur» gegen Korea war – begonnen, das Turnier zu hypen. Da sind die Deutschen Weltmeister drin, wenn sie etwas gut finden und etwas gemeinsam erreichen wollen, dann spielen die Medien mit – und die Leute sitzen vor dem Fernseher und unterstützen die Mannschaft.

Wie sehr schmerzt es Sie, dass die Schweiz seit der Heim-EM 2006 nie mehr an einem Grossanlass teilnehmen durfte?

Ich habe kürzlich in einem Interview in Deutschland gesagt: «Ich würde meinen kleinen Zeh opfern, um an der WM dabei sein zu können.» Das ist vielleicht etwas offensiv formuliert, aber es soll zeigen, dass ich so eine Euphorie sehr gerne auch einmal erleben würde. Meine Mitspieler erzählen mir jedenfalls ziemlich deutlich, dass in Sport-Deutschland der Ausnahmezustand herrscht.

Trotzdem: Können Sie die WM-Spiele auch ein bisschen geniessen?

Klar! Ich schaue sehr gerne Handball. Das ist mein Lieblingssport. Ich verfolge fast jedes Spiel. Es ist nicht so, dass ich heulend vor dem Fernseher sitzen würde und jedes Mal frage «Warum bin ich nicht dabei?» (lacht) Ich habe akzeptiert, dass ich jetzt nicht dabei sein kann. Den Halbfinal der Deutschen heute werde ich in der Halle mitverfolgen, damit ich doch auch noch live vor Ort sein kann.

Was machen Sie selber während der WM?

Wir trainieren. In erster Linie im individuellen Bereich, weil aus der ersten Mannschaft nur vier Spieler nicht an der WM sind. Da wird es etwas schwierig mit richtigem Training. Allerdings ist das auch ein Vorteil: Ich habe seit Jahren im Januar jeweils eine Pause. Das darf man schon nicht ganz ausser Acht lassen. Von dieser Erholung profitiere ich im Rest des Jahres.

Nun zum Turnier: Welches Zwischenfazit ziehen Sie vor den Halbfinals?

Viele Mannschaften sind auf einem ähnlichen Niveau. Die Ausnahme-Spitzenteams, wie früher beispielsweise Frankreich, gibt es aktuell nicht. Sieben, acht Teams sind sehr nahe zusammen. Aber ich bin der Meinung, dass die vier richtigen Mannschaften die Halbfinals erreicht haben. Das waren die vier besten Teams in diesem Zeitraum. Klar ist, dass der Heimvorteil sehr gross ist. Es ist keine Überraschung, dass die beiden Co-Gastgeber Deutschland und Dänemark weitergekommen sind. Bei fünf der letzten sechs Weltmeisterschaften ist der Gastgeber jeweils in den Final gekommen. Auch Katar hat das 2015 geschafft. Das soll aber keinesfalls die Leistung der Deutschen schmälern. Sie spielen nicht herausragend, aber haben die beste Abwehr des Turniers und nutzen den Heimvorteil.

Wer wird Weltmeister?

Ich bin überzeugt, dass die Deutschen den Titel holen. Sie sind für mich der Favorit. Für Norwegen wird es im Halbfinal in Hamburg enorm schwierig. Ich gehe zudem davon aus, dass die Dänen gegen Frankreich ausscheiden, und tippe deshalb auf den Final Deutschland gegen Frankreich auf neutralem Boden (in Herning, d.Red.). Die Franzosen sind auf dem Papier zwar stärker, haben die besseren Einzelspieler, aber Deutschland wird durch die Euphorie zum Titel getragen.

Welches ist die Überraschung des Turniers?

Sicher Brasilien. Die Mannschaft vermag Jahr für Jahr immer besser mit den europäischen Mannschaften mitzuhalten und zeigt das auch.

Gab es eine Enttäuschung?

Nicht wirklich. Es sind diejenigen Teams weitergekommen, von denen man das im Vorfeld des Turniers erwartet hat. Es hat kein Team versagt. Die grösste Enttäuschung der WM ist, dass die Schweiz nicht dabei ist (lacht).

Was machen Sie in einem Jahr?

Die Hoffnung ist extrem gross, dass ich dann mit dem Schweizer Nationalteam an der EM mitspiele. Ich habe das Turnier 2020 (in Österreich, Schweden und Norwegen, d.Red.) fest in meinem Kalender eingeplant und gehe davon aus, dass ich ab dem 1. Januar 2020 beschäftigt bin (lacht).

Hinweis: TV24 überträgt am Freitag 25. Januar das Halbfinale Dänemark - Frankreich um 17.20 Uhr live!

Trailer HANDBALL_WM_2019_DEN_FRA_HALBFINALE KW04

Halbfinale Handball-WM 2019