«Ich spüre einen grossen Zorn»

Markus Arnold

Markus Arnold

Für Markus Arnold sind die nun publik werdenden Fälle von sexuellem Missbrauch auch Ausdruck einer lange verfehlten Priestererziehung.

 Interview Thomas Marth

Markus Arnold, wie erklären Sie sich die vielen nun zu Tage tretenden Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche?

Markus Arnold: Ich sehe gesellschaftliche und kirchentypische Ursachen. Viele dieser Fälle reichen ja bis in die 1970er-Jahre zurück. In jener Zeit wurde das Thema Sexualität allgemein unter dem Deckel gehalten. Gleichzeitig war - angestossen von der emanzipatorischen Sexualerziehung der Linken - eine Enttabuisierungsdebatte im Gang. Inzest-Tabu, Pädophilie-Tabu - alles stand zur Disposition. Man schwärmte von den alten Griechen. Das konnte auch Pädophile in der Kirche bestärken, ihre Neigung auszuleben.

Und die kirchentypischen Ursachen?

Arnold: Hier nenne ich die Priestererziehung bis zum II. Vatikanischen Konzil - also bis etwa 1970, in einigen Priesterseminaren früher, in einigen später. Diese Erziehung ging davon aus, dass der Priester ein Einzelkämpfer und darum einsam sein muss. Den Seminaristen war es zum Beispiel verboten, das Zimmer des andern zu betreten - auch ein Ausdruck der damals grossen Angst vor Homosexualität. Es war eine Ausbildung, in der viele seelisch verkümmerten; es gab teils auch Alkoholprobleme. In einer solchen Atmos-phäre war es nicht möglich, sich mit der eigenen Sexualität auseinanderzusetzen. Eine Folge davon kann eine Verklemmtheit sein, die Beziehungen mit Gleichaltrigen verunmöglicht. Dies kann umso mehr der Fall sein, wenn jemand zuvor in einem Internat zur Schule ging, wo man bezüglich Sexualität nicht minder rigid war.

Und wenn jemand pädophil war, fiel das in diesem Umfeld auch nicht auf.

Arnold: Ja - und vielleicht hat er dieses Umfeld ja gerade deshalb gesucht. Leider habe ich dazu aus psychoanalytischer Sicht in den Medien noch nichts gelesen.

Andererseits hatten diese Männer, als sie dann Priester waren, eine grosse Macht.

Arnold: Das stimmt, halbe Herrgötter, weshalb die Opfer auch so wehrlos waren. Das ist einer der Gründe für die Schärfe der nun geführten Missbrauchsdebatte.

Bricht hier etwas auf, das es in der katholischen Kirche seit ihren Anfängen gibt?

Arnold: Das ist blanker Unsinn. Das sind pauschalisierende Theorien von der leibfeindlichen, verklemmten Kirche. In der Kirchengeschichte gibt es auch Phasen der Körperfreundlichkeit. Das war im Judentum so, im Hochmittelalter, teils im Barock. Gegenteilige Beispiele sind die ausgehende Antike und das 19. Jahrhundert mit seiner Prüderie und der bürgerlichen Doppelmoral. Das Typische ist, dass solche Phasen nicht kirchlich geprägt sind, sondern gesellschaftliche Grundstimmungen ausdrücken.

Worin äusserte sich die Überwindung der rigiden Priesterausbildung?

Arnold: Man wollte keine Einzelkämpfer mehr, setzte auf gruppendynamische Prozesse und Gespräche. Es kam dann ja auch eine Zeit, als viele Priester heirateten. Auch die Befreiung in Bezug auf sexuelle Normen, die ich gesamthaft positiv sehe, fand ihren Niederschlag und hat etwa in der kirchlichen Jugendarbeit zu einem Aufbruch geführt.

Das hiesse ja, dass zumindest in der Ausbildung die Lehren aus den Missbräuchen längst gezogen sind. Warum kommuniziert das die Kirche nicht offensiver?

Arnold: Die Schweizer Bischöfe müssten klarer sagen, wie vieles im Argen war in der damaligen Priestererziehung. Das Problem ist, dass es nun wieder Leute gibt, die sagen: Wir müssen zurück, dann gibt es auch wieder mehr Priester. Dazu gehört etwa die Petrus-Bruderschaft im deutschen Wigratzbad, nahe der Schweiz. Der Churer Bischof Huonder und Weihbischof Eleganti sind dort oft zu Gast. In Wigratzbad werden Priester noch im vorkonziliären System erzogen, ebenso im schweizerischen Ecône bei der Pius-Bruderschaft, die teils rehabilitiert wurde vom Papst. Es gibt auch Rufe, in Chur das alte System wieder einzuführen.

Ist der Zölibat eine der Ursachen für die nun diskutierten Missbrauchsfälle?

Arnold: Eine schwierige Frage. Fest steht für mich, dass sich die Zölibatsvorschrift für Weltpriester nicht halten lässt, umso mehr als sie ohnehin nicht konsequent durchgesetzt wird. Anzumerken ist: Die Zölibatserziehung in den Seminarien und Orden umfasst heute auch oft eine psychologische Beratung - und da fallen allfällige pädophile Neigungen auf.

Wo sehen Sie Handlungsbedarf in der Kirche, um Pädophile fernzuhalten?

Arnold: Jede Institution, die mit Kindern zu tun hat, muss Vorkehrungen treffen, um solche Leute zu erkennen und fernzuhalten. Die katholische Kirche hätte da sogar eine grösse Chance, dass dies gelingt, da sie die Leute ja teils in eigenen Internaten prägt und bildet. Anzumerken ist: Heute haben katholische Priester in der Schweiz nur noch wenig Kontakt mit Kindern. Diese Aufgabe nehmen in erster Linie die Religionspädagogen, Katechetinnen und Jugendarbeiter wahr, die wir hier in Luzern ausbilden. Den Priesteranteil in der Kinder- und Jugendarbeit schätze ich auf noch etwa 10 Prozent.

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