Federer
«Ich muss den Motor neu anwerfen»

Zwei Stunden hat Roger Federer nach seinem Wimbledonsieg geschlafen. Dann stellte er sich bereits wieder den Medien und sprach über seine Pläne nach dem sechsten Wimbledon-Triumph.

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Federer mit Wimbledon-Pokal

Federer mit Wimbledon-Pokal

Keystone

Michael Wehrle, Wimbledon

Wie erlebten Sie die Stunden nach dem Triumph?
Roger Federer: Es war irgendwie ein ganz anderes Feeling als bei den meisten Grand-Slam-Siegen. Es war nicht so emotional, ich bin nicht in Tränen ausgebrochen. Ich war danach völlig erschöpft, es war ein langes, sehr wichtiges Match. Dann folgte der Interview-Marathon, doch mit etwas Abstand fällt es mir viel leichter, darüber zu reden.

Update

SF mit Rekordquote. Der Fünfsatz-Krimi im Wimbledon-Final am Sonntag zwischen Roger Federer und Andy Roddick ist die meistgesehene Männer- Tennispartie im Schweizer Fernsehen. Auf SF 2 sahen bis zu 1,135 Mio. Personen, was einem Marktanteil von 60,0 Prozent entspricht, wie Federer mit seinem sechsten Wimbledon-Finalsieg Sportgeschichte schrieb. Die durchschnittliche Sehbeteiligung beim Männer-Final betrug 687 000 Personen (57,6 Prozent). (si)

Sie sanken auch nach dem Matchball nicht zu Boden, wie so oft, weshalb?
Federer: Ich entschied mich spontan für den Sprung, das mache ich oft, allerdings nicht bei den ganz grossen Turnieren. Doch diesmal schien mir das angebrachter. Ich dachte auch, oh Gott, jetzt hat doch noch einer verloren. Das war auch aus Respekt für die Leistung meines Gegners.

War es nach dem Sieg in Paris anders?
Federer: Das erlebte ich intensiver, es war für mich ein stärkerer Moment, weil es das erste Mal war. Andererseits gewinne ich in Wimbledon am liebsten.

Wie gross ist die Genugtuung?
Federer: Ich bin sehr stolz auf meine Leistung. Es ist ein Wahnsinn, dass das alles so geklappt hat.

Sind Sie nun der glücklichste Mensch der Welt?
Federer: Keine Ahnung, da gibts doch ganz andere Sachen. Tennis ist nicht alles. Aber ich fühle mich sehr gut.

Haben Sie das Champions Dinner dann so richtig genossen?
Federer: Ich kam sehr spät, kurz vor Mitternacht. Die anderen waren schon beim Dessert. Ich habe dann schnell etwas gegessen. Es war sehr entspannt, ich durfte zwölf Personen einladen. Mit denen habe ich dann noch etwas getrunken und den Abend ausklingen lassen. So gegen halb drei waren wir wieder zu Hause.

Thunfisch und Perlhuhn um Mitternacht

Schon zum sechsten Mal erlebte Roger Federer das Dinner der Champions, zu dem der All England Lawn Tennis & Crocket Club die Sieger aller Kategorien des Wimbledonturniers einlädt. Einladungen hatte Federer schon sieben, doch als Junior verzichtet er darauf, weil er schnell zum Turnier nach Gstaad wollte. Doch inzwischen geniesst er es. Nicht im Smoking, sondern im schwarzen Anzug erschien er kurz vor Mitternacht im Hotel Intercontinental. Frau Mirka kam im schwarzen Kleid mit einem Bolerojäckchen in Pink. Als Vorspeise gabs Thunfischlende an Zitronen-Sojasosse, zum Hauptgang servierten die Kellner den rund 400 Gästen Perlhuhn, zum Dessert gabs Süssigkeiten. Federer und seine Frau sassen am Tisch mit Klubpräsident Tim Philipps und dessen Frau Sally. Am selben Tisch durfte auch Serena Williams als Siegerin der Frauen Platz nehmen. Sie war schon eine Stunde vor Federer gekommen. Eingeladen hatte Federer unter anderem seine Eltern Lynette und Robert, Coach Severin Lüthi, Manager Tony Godsick, Freund Reto Staubli mit Frau und Géraldine Dondit, die für die Presse zuständig ist. (mic)

Wieso kamen Sie so spät?
Federer: Ich habe 24 Fernsehinterviews nach dem Match gegeben.

Und jetzt geht es so weiter?
Federer: Es ist nicht ganz so schlimm. Nach der Presse kommt noch ein Termin für den Sponsor Nike, anschliessend fliegen wir in die Schweiz zurück. Ich bin leer. Das alles hat viel Substanz gekostet, das Match gegen einen gleich starken Gegner, die Sache mit den Rekorden. Ich mache jetzt zehn Tage lang Pause, helfe Mirka, so gut es geht.

Mit 15 Grand-Slam-Titeln haben Sie den wichtigsten Rekord gebrochen. Ist es schwierig, sich nun neu zu motivieren?
Federer: Eigentlich nicht. Aber ich muss schon mal ein Meeting mit mir selber abhalten, wie ich die Sache angehe. Aber erste Priorität hat nun meine Frau Mirka. Doch nach einer Pause muss ich ja wieder trainieren. Dann setze ich mich mit dem Team zusammen. Von der Motivation her ist es sicher kein Problem, doch ich muss klar entscheiden, wie ich das Jahr abschliessen will. Dabei ist der Plan ja fast in Stein gemeisselt. Doch sicher muss ich den Motor neu anwerfen, bevor ich ans US Open gehe.

Haben Sie noch einen Traum, was möchten Sie erleben?
Federer: Ich träume weiter vom Spass am Tennis, von den Reisen. Und ich freue mich nun auf eine Veränderung im Leben.

Wie viel Anteil hat Ihre Frau an Ihren Erfolgen?
Federer: Mirka war bei fast allen Titeln dabei. Eine Freundin oder Frau beruhigt das Leben, man geht nicht so viel auf Partys - ausser beide wollen das. Doch dann entdeckt man, dass es zu Hause auch ganz nett ist. Ich war auf dem richtigen Weg, aber sie hat mir noch weiter geholfen. Schnell hat sie von der Spielerin umgeschaltet zur Freundin und Helferin. Ich bin dankbar, was sie alles gemacht hat.

Sie haben nun drei Turniere in Folge gewonnen, hätten Sie das vor wenigen Wochen gedacht?
Federer: Es ging mir tatsächlich durch den Kopf. Schon vor Rom merkte ich, mein Spiel kommt zurück. In Madrid wollte ich unbedingt gewinnen, das gelang. Da wusste ich, ich kann auch in Paris gewinnen. Und in Wimbledon entscheide eigentlich ich, ob ich es schaffe. Da habe ich immer eine Chance. Ich hoffte einfach, dass ich eines der zwei Grand-Slam-Turniere gewinne.

Was ging Ihnen eigentlich vor dem letzten Satz gegen Andy Roddick durch den Kopf?
Federer: Ich wusste, ich muss ihn breaken. Und ich hatte ja zuvor schon meine Chancen. Ausserdem habe ich gegen ihn immer Breaks geschafft. Ich wusste also, es geht, nur durfte ich nicht zuerst meinen Aufschlag abgeben.

Wie gross wird der Druck in einem solchen Satz, der bei 16:14 entschieden wird?
Federer: Lange Sätze habe ich schon gespielt. Aber so einen, in dem so durchserviert wird, nicht. Meist gibt es da mehr Chancen. Irgendwann kommst du wie in Trance, denkst, dann wird halt heute nicht gebreakt. Der Aufschläger entscheidet, was läuft. Du hoffst dann einfach, dass der andere mal Fehler macht. Und diesmal stand ich glücklicherweise als Sieger da, nicht wie vor einem Jahr als Verlierer.

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