«Ich habe genug gerungen»

Reto Bucher (27) war jahrelang einer der besten Ringer der Schweiz. Eine Knieverletzung zwingt ihn zum Rücktritt vom Ringsport. Jetzt will sich der Mühlauer beruflich neu orientieren.

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Reto Bucher

Reto Bucher

Aargauer Zeitung

Andrea Marthaler

Statt im engen Ringerdress erscheint Reto Bucher heute leger gekleidet im Trainingscenter der Ringerstaffel Freiamt in Aristau. Er trägt dunkle Jeans und einen schwarzen Pullover, unter dem ein gestreiftes Hemd hervorguckt. Eine Schramme zieht sich oberhalb des rechten Auges über seine Stirn - vom letzten Kampf. Es hätte genauso gut auch ein blaues Auge oder eine blutende Nase sein können. Wenn Reto Bucher auf der Matte steht, vergisst er alles um sich herum. Dann zählt nur noch der Sieg.

Reto Bucher wurde an den Olympischen Spielen 2004 überraschend Vierter, hielt sich die folgenden drei Jahre erfolgreich an der internationalen Spitze und holte sich an der Europameisterschaften 2007 den Titel des Vizemeisters. Als es dann aber um die Qualifikation für Peking 2008 ging, blieb der Erfolg aus. «Ich hatte Pech gehabt, war krank und verletzte mich, sodass ich nicht mehr trainieren konnte.» Hinzu kam der Tod seines Vaters. «Es war nicht einfach, nachher wieder zu trainieren. Mental war ich nicht bereit.»

So war es ihm nicht möglich, zu der Topform zu gelangen, die für eine Olympiaqualifikation nötig gewesen wäre. Sein Manager und guter Freund, Rudolf Wieland, ist sicher, dass er die Qualifikation hätte schaffen können: «Exakt vier Tage vor den WM 2007 holte er sich einen Virus. Wenn nicht, hätte er es unter die ersten acht geschafft und das Ticket für Peking in der Tasche gehabt.»

Nach dem enttäuschenden Jahr gab Bucher Ende 2008

seinen vorläufigen Rücktritt vom internationalen Ringsport bekannt. Er wollte ein Zwischenjahr einlegen, in dem er seine weitere sportliche Zukunft überdenkt und einen Bandscheibenvorfall auskuriert. «Es gab Tage, da war mir sonnenklar, dass ich nochmals alles investieren möchte. An anderen war der Wunsch nach einem normalen Leben ohne Trainings grösser.» Mittlerweile ist für Bucher klar, dass er nicht mehr in den Spitzensport will. «Ich habe alle meine Ziele erreicht. Ich war an den Olympischen Spielen und habe eine Medaille an einem Grossanlass geholt. Ich muss niemandem mehr etwas beweisen.»

Beeinflusst hat die Entscheidung zudem eine erneute Verletzung. Buchers rechte Kniescheibe verschob sich und ein Knorpel wurde abgesprengt. «Dies muss operiert werden, auch wenn er gar keinen Sport mehr machen würde», betont Manager Wieland. «Sonst hat er mit 30 ein künstliches Kniegelenk. Auf die Frage, ob er auf nationaler Ebene nächstes Jahr noch mitmischen wird, falls die Operation erfolgreich verläuft, zögert Bucher mit einer Antwort. Dann kommt sie aber zackig: «Ich habe mich entschieden. Ich will auch national nicht mehr.»

Mit sieben Jahren habe er mit Ringen begonnen, 20 Jahre war er auf der Matte aktiv. «Für mich reicht es. Ich habe genug gerungen in meinem Leben.» Auf seinem kantigen Gesicht macht sich ein Lachen breit. Die harten Gesichtszüge verschwinden, Fältchen um die Augen und den schmalen Mund geben seinem Gesicht weiche Konturen. «Jetzt will ich ins Berufliche investieren. Was ich vorher für den Sport gemacht habe, mache ich jetzt für den Beruf.»

Damit ist auch sein Freund Wieland einverstanden: «Beruf und Gesundheit haben jetzt absolute Priorität.» Er glaubt aber nicht, dass sich Bucher ganz vom Ringen zurückzieht. «Bereits in einem Jahr kann es ganz anders aussehen. Er ist einfach der Ringer.» Wenn, so glaubt Wieland, würde Bucher wieder für den Klub ringen. «Ich könnte mir vorstellen, dass er als Abschluss eine ganze Saison mit der Mannschaft macht.» International sei es aber sicher der Abschluss gewesen, auch wenn das i-Tüpfelchen Peking gefehlt habe.

Seit seinem Rücktritt aus dem internationalen Ringsport macht sich Bucher Gedanken um seine berufliche Zukunft. Bis dahin stand sein erlernter Beruf als Elektromonteur häufig im Schatten des Sports.

Immer wieder hatte er Absenzen wegen Wettkämpfen und Trainingslagern. «Auf das Jahr gerechnet gab es Zeiten, in denen ich nur 30 bis 50 Prozent gearbeitet habe.» Erst seit diesem Jahr begann Bucher wieder Vollzeit zu arbeiten. «Ich bin Sportler gewesen, nun will ich neue berufliche Erfahrungen machen», erklärt Bucher. Vor einem Monat wechselte Bucher deswegen seinen Job und arbeitet nun im Aussendienst bei einer Nahrungsmittelfirma.

Zwischendurch hatte Bucher, der in Mühlau aufwuchs und seit zwei Jahren mit seiner Freundin in Muri wohnt, andere berufliche Ziele. «Ich wollte vieles werden: Turnlehrer, Fitnesscoach und Nationaltrainer.» Er machte die Ausbildung zum Fitnesstrainer, merkte dann aber bald, dass ihm das keine Erfüllung bringt. «Vom Spitzensport her ist es nicht einfach, jemanden zu betreuen, der einmal die Woche etwas machen will.»

Stattdessen ist er nun im Vorstand der Ringerstaffel Freiamt und betreut den Nachwuchs im Spitzensport. «Da kann ich meine Erfahrung weitergeben.» Auch nach seinem Rücktritt werde er im Klub tätig sein. Erst gilt sein Augenmerk jedoch der aktuellen Meisterschaft, bei der die Ringerstaffel Freiamt gegen Hergiswil morgen Samstag den zweiten Finalkampf austrägt. Gewinnen sie diesen, sind sie zum sechsten Mal Meister.

Letzten Samstag trat Bucher im Heimkampf trotz seiner Knieverletzung nochmals an und verhalf seiner Mannschaft zum Sieg. Ob er beim finalen Kampf ebenfalls den entscheidenden Punkt holen und den Meisterschaftspokal für die Freiämter gewinnen wird oder ob er sich nicht mehr auf die Matte begibt, will Bucher offenlassen: «Das ist unser taktisches Geheimnis.» Seine Fans, denen Buchers vierter Rang in Athen trotz Bänderriss noch bestens in Erinnerung ist, zählen jedenfalls auf ihn.