Sind Sie enttäuscht, dass es am Ende nicht zum Turniersieg reichte?
Roger Federer: «Natürlich hätte ich das Turnier sehr gerne gewonnen. Aber ich bin nicht frustriert, weil es nicht gereicht hat. Auch das klare Resultat spielt keine Rolle, man darf nicht zu viel in Resultate hineininterpretieren. Wichtig ist, dass ich auch im Final meine Chancen hatte. Ich habe diese Woche gut gespielt und bin zufrieden, wo ich mit meinem Spiel im Moment stehe. Hey, Andy (Murray) war diesmal der bessere Spieler und hat verdient gewonnen.»

Im Moment hört man immer wieder, dass die besten Zeiten des Roger Federer womöglich vorbei sind. Wie reagieren Sie auf diese Aussagen?
«Die Medien spielen in dieser Diskussion sicher eine zentrale Rolle. Rafael Nadal hat die letzten drei Grand-Slam-Turniere gewonnen, er ist im Moment klar der beste und die verdiente Nummer 1. Aber jeder Spieler, auch Nadal, hat auch schwächere Phasen. Im Tennis sind Weltranglistenpositionen anfällig. Das sah man letzten Juni: Auf der einen Seite gewann Rafa Wimbledon, nachdem er ein Jahr vorher nicht gespielt hatte, auf der anderen Seite schied ich als Vorjahressieger im Viertelfinal aus. Und das machte sogleich 3500 Punkte Unterschied aus. Dann heisst es sofort: Upps, jetzt ist der Federer wohl nicht mehr so gut.»

Stört Sie das?
«Nein, eigentlich nicht gross, denn die Leute, die den Sport verstehen, können diese Dinge richtig einschätzen. Es ist manchmal schade, dass ich fast nur noch an den Leistungen an Grand-Slam-Turnieren gemessen werde. Dass ab jetzt bis Ende Saison kein Grand-Slam-Turnier mehr stattfindet, ist nicht meine Schuld. Aber ich spiele nicht umsonst nach Schanghai noch vier weitere Turniere. Ich will zeigen, dass ich topfit bin, und dass ich in den nächsten Jahren noch viel erreichen will. Häufig, wenn Leute beginnen, etwas negativer zu reden, ist mir sofort eine Reaktion gelungen. Und das Ranking kann schwups auch wieder auf meine Seite kippen.»

Sie verzichteten heuer erstmals komplett auf den Davis Cup und wurden dafür heftig kritisiert.
«Dieses Davis-Cup-Wochenende war auch für mich der Horror. Ich sass zu Hause (in Dubai) vor dem Liveticker und hoffte auf ein gutes Ende. Zur Kritik kann ich nur sagen, dass ich mit dem Team vor der Reise nach Kasachstan immer offen kommuniziert habe. Dass ich nicht auf alles setzen kann, ist klar und wird auch von den meisten verstanden. Ich werde sicher weiter für die Schweiz Davis Cup spielen. Meine Karriere dauert noch lange. Und ich verfolge weiterhin hohe Ziele: Grand-Slam-Turniere, Weltrangliste, alle Turniere.»


In Kasachstan fehlten Sie...
«...weil ich nach dem US Open dringend eine Pause nötig hatte. Ich musste mich vom Nordamerika-Trip erholen. Es wäre für meine Gesundheit riskant gewesen, in Kasachstan zu spielen. Ausserdem war das Aufbau-Trainingslager vor Shanghai in Dubai schon lange fix eingeplant. Diese Aufbauphasen sind wichtig -- auch mit Blick auf die nächste Saison.»

Sie haben seit diesem Sommer zwei Coaches. Funktioniert das reibungslos?
«Auf jeden Fall. Paul Annacone bringt eine neue Sichtweise und neue Ideen ins Team. Aber auch Severin Lüthi ist nach wie vor an Bord. Das Aufbautraining in Dubai bestritt ich mit Severin, die letzten zwei Wochen war Paul an meiner Seite. An die Turniere in Europa begleitet mich nun zuerst Severin, dann stösst auch noch Paul dazu. Es ist eine lässige Abwechslung für mich, ab und zu mit Severin Lüthi und ab und zu mit Paul Annacone zu arbeiten.»

Sie betonen immer wieder, dass sie noch lange spielen. Haben Sie nie Motivationsprobleme? Keine Bedenken, dass Sie von den jüngeren Gegnern überholt werden?
«Ich habe gar keine Motivationsprobleme. Ich will, dass meine Töchter mich noch auf dem Zenit spielen sehen. Dafür sind sie im Moment noch zu jung. Ich weiss, dass ich immer noch und hoffentlich noch lange alle Spieler schlagen kann. Ausserdem bin ich im Moment kerngesund, das stimmt mich zuversichtlich. Das war ja die letzten Jahre nicht immer so: Da war das Drüsenfieber, heuer eine Lungenentzündung, mal schmerzte der Rücken. Das beeinträchtigte stets den Formaufbau. Aber zuletzt konnte ich stets optimal trainieren.»