Karin Kennel
«Ich gehe gern bis an meine Grenzen»

Sie trainiert 16 Stunden in der Woche bei Swiss Tennis in Biel und ist pro Jahr an 25 Turnieren im Einsatz. Für ihren Sport verzichtet sie auf Freizeit, Freunde und oft auch auf Schulstunden. Dennoch ist Karin Kennel ein junges Mädchen wie viele andere.

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Karin Kennel

Karin Kennel

Schweiz am Sonntag

Barbara Rüfenacht

Zur Person

Karin Kennel ist am 5. Juli 1995 im Kantonsspital Aarau zur Welt gekommen. Mit sechs Jahren begann sie in Oberentfelden Tennis zu spielen und steht heute auf der internationalen U16-Rangliste von Tennis Europe auf Platz 150. Sie ist doppelte Schweizer Meisterin und seit 2008 im NLZ.

Unter der Woche wohnt sie in der «Villa» in Biel, einer Art Internat, das Swiss Tennis auswärtigen Nationalkader-Juniorinnen und -Junioren sowie Trainingsgästen zur Verfügung stellt. Sie spielt bei GC Zürich und ist pro Jahr an rund 25 Turnieren im Einsatz. An ihren freien Tagen lebt sie mit ihrer Mutter und ihrem Bruder in Oberentfelden.

«Meine erste Schweizer-Meisterschaft-Medaille habe ich Sima um den Hals gehängt», erinnert sich die dunkelblonde Sportlerin aus Oberentfelden und wischt sich den letzten Schweiss von der Stirn nach dem anstrengenden Match gegen eine ehemalige Profispielerin. Sima ist ihre Katze und nebst Kater Puschkin und dem jungen Zwergspitz Mia der grosse Stolz der Kader-B-Spielerin, die auf der nationalen Damen-Rangliste auf Platz 53 steht und es einmal in die WTA Top 100 schaffen will.

Dieser Traum ist berechtigt. «Karin ist ein grosses Talent und phänomenal, was die Doppelbelastung Schule und Sport betrifft», betont Swiss-Tennis-Nationaltrainer Jens Gerlach, der vor vier Jahren schon Anastasia Miskina zu einem Sieg der French Open führte, der erste Triumph einer Profi-Lady aus der ehemaligen Sowjetunion bei einem der vier Grand-Slam-Turniere.

Seit die doppelte Schweizer Meisterin vor einem Jahr von Swiss Tennis angenommen worden ist, müssen die Vierbeiner unter der Woche auf ihre Herrin warten. Diese hat nämlich wegen des vielen Trainings die heimische Bezirksschule verlassen und bügelt nun in Biel weiter. «Sie spricht schon ausgezeichnet Französisch», erklärt ihre Mutter, die im Jahr rund 25 000 Kilometer mit dem Auto zurücklegt, um ihre Tochter an die verschiedenen Turniere zu begleiten.

Viktoria Kennel stammt ursprünglich aus der Ukraine und besucht mit Karin regelmässig die russische Grossmutter. Packt sie auf dem Platz die Wut, schimpft die temperamentvolle GC-Zürich-Spielerin auf Russisch mit sich und ihrem Tennisschläger. «Sie meint oft, sie spiele einen Match schlecht, aber meist handelt es sich dabei bloss um ein paar unglückliche Aktionen», erklärt Jens Gerlach, ehemaliger Zweitliga-Spieler vom TC Stuttgart-Geroksruhe.

Vor ein paar Minuten hat Karin auch in Biel verloren, allerdings war ihre Gegenspielerin acht Jahre älter als die Schweizerin. Nach einer Niederlage lässt man die 14-Jährige am besten in Ruhe. «Wir diskutieren das Spiel erst zwei Tage später im Detail», berichtet der Trainer. Wie ein Chamäleon muss sich die Aargauerin immer wieder an neue Umgebungen anpassen.

Karin Kennel – in Kürze

Beim Tennisspiel freut es mich besonders, wenn . . . ich alles gegeben habe und auch gewinne.

Meine Motivation hole ich mir . . . indem ich meinen Vorbildern Kim Clijsters und Roger Federer nacheifere.

Meine Hobbys sind . . . Skaten, Biken, Badminton, Musik hören und Tiere.

Am liebsten esse ich . . . Fleisch, Salat und Ananas.

Am liebsten trinke ich . . . Eistee.

Mein Lieblingsfilm ist . . . «Gran Torino» mit Clint Eastwood in der Hauptrolle.

Mein schönstes Tenniserlebnis . . . war die Teilnahme am Nike Int. Masters in Turin 2007.

Wenn ich doch nicht Profi-Spielerin werde, arbeite ich später einmal . . . mit Zahlen, als Unternehmerin oder Bankerin.

Erst vorgestern ist sie von einem zweiwöchigen Turnier in Indonesien zurückgekehrt. «Dort war es heiss, und ich habe auf Sand gespielt.» In Biel herrschen andere Temperaturen, die Spiele werden in der Halle ausgetragen. Karin ist belastbar und furchtlos. «Als Kind stellte sie die unmöglichsten Dinge an und fiel sogar einmal aus einem Fenster im zweiten Stock», weiss die Mutter.

«Ich gehe gern an meine Grenzen», doppelt die Tochter nach, die es im Europapark Rust sogar auf die furchterregende Silver-Star-Bahn geschafft hat. Solche Erlebnisse bilden die kleinen Fluchten aus dem streng geregelten Tennisalltag. «Den Grossteil meiner Kolleginnen musste ich aufgeben, weil sie meinen engen Zeitplan nicht verstanden haben», sinniert die junge Sportlerin. «Immer wenn sie mit mir abmachen wollten, standen Training oder ein Turnier auf dem Plan.»

Zum Glück hat Karin in Biel eine neue Grossfamilie gefunden. Während der Woche lebt sie mit anderen Nachwuchstalenten und jungen Trainingsgästen in der so genannten «Villa», einer grossräumigen Unterkunft, in der Swiss Tennis bis zu 14 begabte Jugendliche beherbergt. Schon Karins grosses Vorbild, Roger Federer, hat seinen Ausbildungs- und Trainingsalltag in einer ähnlichen Institution verbracht. Eine «Schlummermutter» bekocht die Spielerinnen und Spieler und betreut sie über Nacht.

Rund 110 Stunden fehlt die Aargauerin pro Jahr im Unterricht. Trotzdem hat sie in der letzten Englischprüfung eine glatte Sechs hingelegt. Früher wollte sie Chirurgin werden. «Ich habe Insekten inspiziert und einmal ein Pouletflügeli aufgeschnitten, um die Haut genau zu untersuchen.» Weil ihre Tochter Tiere über alles liebt, war Viktoria Kennel kurz nach dem Einzug des Katzenpärchens sofort zur Anschaffung eines Hundes bereit.

«Karin kann sich mit den Fellgenossen gut entspannen, wer weiss, vielleicht stelle ich demnächst eine Kuh in den Garten.» Die Wochenenden verbringt die Sportlerin zu Hause in Oberentfelden mit ihrer Mutter und dem neunjährigen Bruder. «Der könnte sich ruhig ein wenig mehr bewegen», meint sie schelmisch. «Wir mögen es nun einmal lieber gemütlich», wirft die Mutter ein. Schliesslich ist nicht jeder dazu geboren, ein Tennisstar zu sein.