«Ich freue mich auf die Euphorie»

Am Uhrencup in Grenchen holt sich der FC Basel den letzten Schliff für die Meisterschaft. Nationalspieler Valentin Stocker hat sich mit seinem Trainer Thorsten Fink über Schweizer Stadien und seine Freizeit unterhalten. Auf Hochdeutsch, nicht auf «Buuredütsch», wie Stocker grinsend betont.

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Thorsten Fink und Valentin Stocker

Thorsten Fink und Valentin Stocker

Aargauer Zeitung

Aufgezeichnet: Fabian Kern

Trainer, was erwarten Sie nach Ihrem Wechsel zu uns: einen Durchmarsch, oder sind wir wirklich nicht Favorit, wie Sie das immer sagen?
Thorsten Fink: Ich möchte natürlich schon Meister werden, das ist unser Ziel. Aber es ist auch klar, dass in den letzten vier Jahren der FC Zürich dreimal den Titel gewonnen hat. Das heisst, dass der Favorit eigentlich FC Zürich heisst. Aber wir wollen in diesem Jahr auch Meister werden, weil wir die Qualität dazu haben. Beim FC Basel streben wir immer die höchstmöglichen Ziele an.

Viele neue Gesichter – Der FCB startet ambitioniert in die Ära Fink

Drei Wochen nach der Verpflichtung von Trainer Thorsten Fink hat sich der FC Basel erstmals zum Ziel Meistertitel bekannt. Es war aber auch vorher ein offenes Geheimnis, dass der entthronte Meister die Krone zurück ans Rheinknie holen will - schliesslich wurde deswegen Christian Gross entlassen. Fink hat als Erstes das Kader gründlich unter die Lupe genommen und einige Spieler aussortiert. Das Kader steht aber auch jetzt noch nicht definitiv. Nach den Verstärkungen Cagdas Atan und Antonio Da Silva wollen die Basler noch einen Stürmer verpflichten. Dann werden wohl auch mehrere junge Spieler ausgeliehen. Der prominenteste dabei wird Fabian Frei sein, an dem der FC St. Gallen sehr interessiert ist. (ker)

Was halten Sie von den jungen Spielern beim FCB, und was erwarten sie von Ihnen?
Fink: Ich erwarte primär von ihnen, dass sie etwas lernen. Und ich denke, dass wir sehr gute junge Spieler mit hochgenommen haben. Ich meine, du bist ja auch noch ein junger Spieler. Aber wenn ich an die Jungen denke, die wir neu hochgenommen haben, die haben in den vorigen Jahren und im Trainingslager überzeugt, sonst wären sie jetzt nicht dabei. Das sind sicherlich Perspektivspieler. Sie sollen versuchen, sich einen Platz zu erkämpfen, wenn sie es schaffen. Aber sie sollen in erster Linie lernen, das eine oder andere Spiel machen und Erfahrungen sammeln können, um dann einmal richtige Konkurrenten für die gestandenen Spieler zu werden.

Als Spieler haben Sie mit Bayern München die Champions League gewonnen. Nun müssen Sie mit der Europa League vorlieb nehmen. Ist das für Sie ein Abstieg?
Fink: Nein, das sind doch zwei verschiedene Paar Schuhe. Wenn ich als Spieler die Champions League gewinne, dann habe ich als Klubspieler das Höchste erreicht. Aber wenn man jetzt als 41-Jähriger eine Mannschaft führen darf, die die Chance hat, in den Europacup zu kommen, ist das für mich eine total reizvolle Aufgabe und von daher kein Abstieg. Wenn man aus der 2. Bundesliga kommt, ist das sicher ein Aufstieg.

Auf dem Weg zurück

Valentin Stocker hat bisher ein durchzogenes Jahr 2009 erlebt. In der zweiten Saisonhälfte der vergangenen Spielzeit wurde der Nationalspieler von einer Zehenverletzung immer wieder zurückgeworfen und war oft nur Ersatz. In der Vorbereitung unter Thorsten Fink verletzte sich der 20-Jährige erneut. Am linken Bein riss sich Stocker die Plantarissehne und ist gestern wieder in den normalen Trainingsbetrieb zurückgekehrt. «Es klingt aber schlimmer, als es ist», wiegelt Fink ab. Der Deutsche hält viel vom wirbligen Krienser: «Valentin ist ein schneller, zielstrebiger Spieler, der nicht zu verspielt ist. Er schlägt Flanken und geht auch selbst in den Abschluss.» Stocker habe ein enormes Potenzial, aber es tue ihm gut, um seine Position kämpfen zu müssen. Stocker selbst betont, wie viel Spass die Trainings von Fink machen, und kann seine Rückkehr auf den Rasen kaum erwarten. «Ich bin am Zittern. Es nervt unglaublich, untätig zu sein», sagt der ehrgeizige Linksfuss. Sein grösster Konkurrent, der Australier Scott Chipperfield, brennt hinsichtlich der WM 2010 ebenfalls auf Spielpraxis. (ker)

Wie sind Sie mit der bisherigen Vorbereitung zufrieden?
Fink: Ich bin sehr zufrieden. Ich hätte natürlich gern ein paar Verletzte weniger, dann hätten wir einen noch grösseren Konkurrenzkampf in der Mannschaft. Das belebt bekanntlich das Geschäft. Wenn sich der eine oder andere zu sicher fühlt, ist das schlecht. Aber so langsam kommen ja alle wieder zurück. David Abraham und Carlitos fehlen noch eine Weile, aber ansonsten sind bald alle wieder fit. Die Mannschaft hat in der Vorbereitung richtig Gas gegeben. Wir haben viel im Kraft- und Ausdauerbereich gearbeitet, mehr Kraftausdauer und Stabilisationsübungen gemacht. Das Team hat einen guten Charakter gezeigt. Die Stimmung ist gut, darf aber auch nicht zu gut sein. Kleine Reibereien sind immer ganz gut. Bis jetzt bin ich rundum zufrieden und zuversichtlich, dass wir überall eine gute Rolle spielen können.

In der Schweiz erwarten Sie einige kleine Stadien mit nicht allzu vielen Zuschauern. Ist die Umstellung für Sie gross?
Fink: Zuerst mal haben wir ein grosses, gutes Stadion. Auch die erste Aufgabe in St. Gallen ist sehr interessant. Das ist überhaupt keine Umstellung. In Ingolstadt hatten wir 3500 bis 4000 Zuschauer im Schnitt, und ich denke, das werden wir hier in der Schweiz auch schaffen (schmunzelt). Vor allen Dingen hier zu Hause. Ich freue mich auf die Euphorie, die hier in der Stadt ist. Das ist ja wirklich eine Fussballstadt oder vielmehr eine FCB-Stadt. Das wird nicht langweilig werden, denke ich.

Unser letzter Trainer hatte eigentlich gar keine Freizeit. Haben Sie Freizeit, und wenn ja, was machen Sie damit?
Fink: Wenn ich einmal einen Tag frei habe, schalte ich ab. Ich muss mich auch um meine Familie kümmern. Es ist das Wichtigste, dass es der Familie gut geht, damit man einen Rückhalt hat. Sonst kann man als Fussballer oder Trainer keine guten Leistungen bringen. Also werde ich meine Hobbys im Moment zu meiner Familie verschieben. Eigentlich spiele ich Golf, das geht jetzt aber nicht. Ich habe auch nicht mehr Freizeit als mein Vorgänger.

Was ist für Sie die wichtigste Eigenschaft bei einem Fussballer?
Fink: Talent und Wille. Talent muss jeder haben, um etwas erreichen zu können. Und ohne Wille kann ich mein Talent nicht ausschöpfen. Es gibt genügend Beispiele, auch hier beim FC Basel, die nicht mehr weitergekommen sind, weil sie nicht den totalen Willen haben, nochmals was zu erreichen. Wenn ich immer abends weggehe und nicht mehr für den Erfolg lebe, dann fehlt etwas. Man braucht deshalb beides, Talent und Wille. Wenn das eine fehlt, kannst du nichts erreichen.

Welche Rolle sehen Sie für mich?
Fink: Ich denke, du hast letztes Jahr als junger Spieler eine gute Saison gespielt. Man muss sich aber immer wieder neu beweisen. Du weisst auch, dass wir mit zwei Stürmern spielen, das bedeutet einen Mittelfeldplatz weniger. Du hast Konkurrenz mit Scott Chipperfield, kannst aber auch auf der rechten Seite spielen. Dort spielt aber auch Carlitos. Es tut dir gut, wenn du weisst: «Hey, ich muss wieder Gas geben, um den Trainer zu überzeugen und weiterzukommen!» Du bist sicher eine grosse Zukunftshoffnung, nicht nur für den FC Basel, sondern auch für die Schweizer Nationalmannschaft. Es fällt einem aber nicht alles von selbst in den Schoss, sondern man muss immer wieder Gas geben. Das kann ich dir nur mit auf den Weg geben. Du hast ein Riesenpotenzial, aber du darfst nicht abheben und dich auf einem guten Jahr nicht ausruhen. Wir wissen alle, wir haben viele Spiele und mit Scott Chipperfield einen älteren Spieler. Du musst Gas geben und versuchen, dir wieder einen Stammplatz zu erkämpfen. Nicht jeder ist immer gesetzt.

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