«Ich bin ein etwas schwieriger Typ»

Der 26-jährige YB-Flügel Alberto Regazzoni ist bei den Bernern aufgeblüht, seit Vladimir Petkovic dort Trainer ist. Im heutigen Cupfinal gegen Sion will er dies beweisen.

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Keystone

Markus Brütsch, Bern

Noch heute bekommt Alberto Regazzoni eine Hühnerhaut, wenn er daran denkt. Er war an jenem 17. April 2006 der entscheidende Mann: Würde er den letzten Penalty verwandeln, so war der FC Sion zum zehnten Mal Cupsieger. Regazzoni lief an, schoss und jubelte. Mit 5:3 hatten die Walliser die Young Boys besiegt, das Fest begann. «Es war unglaublich, auf allen Brücken standen die Fans, als wir mit dem Bus nach Sion zurückfuhren», sagt Regazzoni. Seine Augen beginnen zu glänzen. «Und überall diese Fahnen und die Fans in den Trikots, fantastisch.

Drei Jahre später treffen sich im Stade de Suisse dieselben Vereine erneut im Cupfinal. Wieder mit Regazzoni. Diesmal auf der anderen Seite. Deshalb sagt er: «Leider müssen wir nun diese schöne Sittener Geschichte beenden.» Zehn Cupsiege in zehn Finals - eine unglaubliche Bilanz. Findet auch Regazzoni. «Schon ein paar Wochen vor dem Final haben die Leute nur von diesem Ereignis gesprochen. Wir Spieler wussten, dass es ein Drama wäre, als erste Sittener Mannschaft einen Final zu verlieren.» Und so hatte sich der damalige Challenge-League-Verein gegen den Favoriten und Platzklub YB nach dem 1:1 nach 120 Minuten im Penaltyschiessen durchgesetzt.

Sions Problem

Regazzoni sieht aber gute Gründe, warum Sion nun erstmals verliert. «Früher hatte es immer ein paar Walliser und meist einen Tessiner dabei, die das Team mit ihrer Mentalität zum Sieg führten, jetzt sind es fast nur noch Ausländer.» Regazzoni denkt, dass die Sittener individuell durchaus gute Fussballer sind, aber eben: keine Mannschaft.

Fussball Der Cupfinal ist bereits ausverkauft

Der 84. Schweizer Cupfinal ist ein Publikumsmagnet. Die heutige Partie zwischen den Young Boys und Sion ist mit über 31 000 Zuschauern ausverkauft. Beide Vereine hätten ein Mehrfaches der etwas mehr als 12 500 erhaltenen Tickets absetzen können. Der Sieger des Finalspiels (20.30 Uhr/live SF 2) wird einen neuen (altbekannten) Pokal in die Höhe stemmen dürfen. Nach dem Ausstieg der Swisscom als Hauptsponsor des nationalen Cups kam die Vermarkterfirma IMG auf die Idee, gewissermassen zu den Wurzeln des Wettbewerbs zurückzukehren und die fast sieben Kilogramm schwere Sandoz-Trophäe zu restaurieren. Der silberne Pokal war bis 2004 während 79 Jahren verliehen worden.

Als Regazzoni im Sommer 2007 mit einem Vierjahresvertrag zu YB wechselte, kam er vom Regen in die Traufe. Weil er sich mit Trainer Bigon nicht verstanden und oft die Ersatzbank gedrückt hatte, wollte er unbedingt weg. «Ein Jahr vor der Euro 2008 wollte ich spielen, meine EM-Chance packen», sagt Regazzoni. Präsident Constantin hatte ihm vergeblich ein Engagement bei Alemannia Aachen schmackhaft gemacht. «In Aachen hätte ich mehr verdient», sagt Regazzoni, «ich rechnete mir aber für die Nati die besseren Chancen aus, wenn ich bei YB spielte.»

Ein Supertechniker

Auch unter Trainer Martin Andermatt lief es nicht. «Ich bin kein Trainingsweltmeister», sagt Regazzoni, «deshalb hatte ich bei Bigon und Andermatt schlechte Karten.» Als sich im Training Regazzoni und der junge Aron Liechti in die Haare gerieten, war für den Tessiner endgültig fertig lustig. «Andermatt setzte mich nur noch auf die Tribüne. Dabei hatte ich mich nach dem Training mit Liechti versöhnt.» Liechti, an den FC Biel ausgeliehen, bestätigt das und lobt den Fussballer Regazzoni: «Er ist ein Supertechniker, wendig und schnell, sehr talentiert.» Andermatt sagt: «Ich freue mich, dass er nun die Leistung bringt, die man von ihm erwarten kann. Es war wichtig, dass ich ihm klargemacht habe, wie er dahin findet.»

Regazzoni gibt zu, kein pflegeleichter Spieler zu sein. «Ich bin ein etwas schwieriger Typ. Aber wer mich versteht, hat es gut mit mir.» Es scheint, dass Vladimir Petkovic zu dieser Sorte gehört. Seit der Bosnier bei YB ist, hat Regazzoni Tritt gefunden. Gleich im ersten Spiel unter Petkovic hat der 26-Jährige im Uefa-Cup gegen Debrecen zwei Tore erzielt. «Ich kannte Petkovic schon zu meiner Zeit bei Agno», sagt Regazzoni, «es war für mich sehr wichtig, dass er zu YB gekommen ist. Wäre er früher gekommen, so stünden wir jetzt noch immer im Titelrennen.»

Petkovic sagt: «Regazzoni ist mit seiner Schnelligkeit und seiner Beweglichkeit immer für eine überraschende Aktion gut.» Aber auch Petkovic denkt, dass Regazzoni kein einfacher Spieler sei. «Er muss im läuferischen Bereich zulegen und immer bereit sein, 100 Prozent zu geben, sonst fällt er auch bei mir in Ungnade.» Regazzoni sagt: «Ich habe bei Petkovic überhaupt keine Privilegien, aber ich spüre sein Vertrauen.»

Regazzoni ist stolz, Tessiner zu sein. «In der Deutschschweiz werden wir als halbe Italiener gesehen», sagt Regazzoni, «dabei sind wir viel stolzer als die Deutschschweizer, Schweizer zu sein.» In Lugano ist er aufgewachsen, in Lugano lebt noch immer seine Familie. Beim FC Lugano hat er damals seine fussballe- rische Ausbildung erhalten und daneben während drei Jahren eine Handelsschule besucht. Nach dem Konkurs des FC Lugano hat er für Agno und für Sion gespielt, am 2. September 2006 gegen Venezuela in der Nationalmannschaft debütiert und versucht sich nun als Rechtsfüsser am linken YB-Flügel für Ottmar Hitzfelds Team wieder aufzudrängen. Die WM 2010 ist sein Traum.

Nach harzigem Einleben in Bern - «die Leute waren so verschlossen» - fühlt er sich inzwischen pudelwohl. Mit Madeleine, einer Coiffeuse, die in Freiburg arbeitet, lebt er in Wabern. Madeleine ist Walliserin und kennen gelernt haben sie sich in Sion. Ein Problem im Hinblick auf den Cupfinal sieht Regazzoni nicht. «Sie ist zwar Walliserin, aber sie möchte, dass YB gewinnt, weil ich bei YB spiele.» Und überhaupt, sagt Regazzoni, «sie interessiert sich nicht besonders für Fussball. Ich bin nicht ihr Freund, weil ich ein guter Fussballer bin, sondern noch andere Qualitäten habe.»