Interview
Hitzfeld: «Wenn man kein Glück hat, darf man nicht Trainer sein»

Der Countdown für Südafrika läuft: Ab heute Ostersonntag sind es noch 68 Tage bis zum Start der Fussball-WM. Der Schweizer Nati-Trainer Ottmar Hitzfeld über den Stand der Vorbereitungen, den einsamen Job als Trainer – und die Kontrolle seiner Emotionen.

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Ottmar Hitzfeld

Ottmar Hitzfeld

Von François Schmid-Bechtel, Sandro Brotz (Text) und Chris Iseli (Fotos)

Herr Hitzfeld, Sie erwarten von Ihrem Team, dass es noch enger zusammenwächst. Was genau fehlt denn noch?
Ottmar Hitzfeld: Wir haben in der Qualifikation bewiesen, dass wir schon gut als Team funktionieren. Vor allem nach der 1:2-Heimniederlage gegen Luxemburg. Ich habe den Spielern gesagt, dass ein solcher Tiefpunkt auch eine Chance sein kann. Jeder muss für den anderen da sein, jeder muss gewillt sein, ein Zeichen zu setzen, jeder muss seine Vorbildfunktion wahrnehmen. Das will ich sehen.

Der Teamgeist ist die einzige Chance der Schweiz, die Gruppenphase zu überstehen. Denn Sie haben keine überragenden Individualisten, die beispielsweise in der Champions League für Furore sorgen.
Wir haben schon herausragende Individualisten, die etwa bei Bundesliga-Klubs Leader sind. Aber richtig ist, dass jetzt die Teambildung im Vordergrund steht. Dabei geht es um die menschliche Komponente, den Respekt untereinander und den Willen jedes Einzelnen, eine besondere Leistung für das Team abzuliefern. Wenn man als Team schwach ist, hat man an einer WM keine Chance. Speziell in Südafrika mit dem Winter. Abends um fünf ist es dunkel. Man ist eng beisammen.

Besteht die Gefahr eines Lagerkollers?
Ja, es ist nicht wie an der WM in Deutschland, wo man bis spätnachts draussen sitzen konnte. Oder das Problem mit der Höhe. Mal spielen wir auf 1400 Metern, dann wieder auf Meereshöhe. Es sind verschiedene Probleme, die auf uns zukommen werden, die wir aber nur als Team lösen können.

Ihr Credo ist es, mit allen Spielern gleich umzugehen. Aber wollen das auch die Spieler? Brauchen Stars nicht eine Sonderbehandlung?
Ich versuche, jeden gerecht zu behandeln. Aber es ist logisch, dass ich mit einem Leistungsträger mehr spreche als mit einem Ersatzspieler. Denn der Leistungsträger muss meine Philosophie auf dem Platz umsetzen. Trotzdem bekommt ein Ersatzspieler genügend Zeit, um sich mit mir zu unterhalten. Ich erkläre ihm auch, warum er nicht spielt. Jeder hat bei mir den Stellenwert, den er verdient.

Gegen aussen wirken Sie stets diplomatisch. Nach innen ist das wohl nicht im selben Mass möglich. Müssen Sie bewusst umschalten?
Es ist natürlich ein Unterschied, ob ich in den eigenen vier Wänden oder zu Ihnen spreche. Wenn ich mit Ihnen spreche, spreche ich auch zu Tausenden von Menschen. Da muss ich eine andere Sprache wählen. Da kann ich einen Spieler nicht öffentlich in den Regen stellen. Ich kann am Fernsehen nicht persönliche Kritik anbringen. Ich habe schon viele Fehler bei Interviews gemacht. Ein falscher Satz, und man wird seziert. Mit solchen Fehlern wird man noch jahrelang konfrontiert.

Ist es anstrengend, ständig die Kontrolle zu bewahren?
Nein, ich bin ja auch am Spielfeld kontrolliert. Ich bin kein Trainer, der die Nerven verliert, der sich mit dem Publikum, dem Gegner oder dem Schiedsrichter anlegt. Ich versuche, meine Kraft zielorientiert einzusetzen. Damit ich kühlen Kopf bewahre, die richtigen Entscheidungen treffe und während der 90 Minuten keinen Fehler mache.

Kein Wunder, dass Sie am Schluss bei Bayern München ausgebrannt waren.
Ich glaube, ich habe es als Trainer am längsten bei den Bayern ausgehalten. So ist es eine logische Folge, dass ich ausgelaugt war. Ich bin einer, der viel mit sich selber austrägt. Vielleicht würde es mir guttun, auch mal zu explodieren. Doch dafür bin ich nicht der Typ.

Sie haben auch Raubbau an Ihrem Körper betrieben. War der Preis zu hoch?
Nein, denn ich konnte es verantworten. Es war nicht einfach, hat viel Kraft und Substanz gekostet. Ein zweites Mal würde ich das nicht mehr machen. Es war ein hoher Preis, doch es war meine freie Entscheidung. 2001, nach dem Triumph in der Champions League, habe ich Uli Hoeness meinen Rücktritt angeboten. Aber der Verein beharrte auf dem Vertrag. Darauf sagte ich: Okay, dann will ich aber, dass ihr auch hinter mir steht, wenn es mal schlecht läuft. Aber eben: Wenn es dann doch schlecht läuft, steht man als Fussballtrainer im Regen...

...und mit einem Bein im Burnout?
Nein, es gibt viele, die einiges abprallen lassen. Und solche, die häufiger entlassen werden und die sich dann erholen können. Ich wurde nur einmal entlassen, nach sechs Jahren bei Bayern. Es war nicht schmerzlich, sondern eine Erlösung.

Ist es mehr als nur eine Floskel, dass der Trainer der einsamste Mann ist?
Das ist eine Tatsache. Der Trainer ist das schwächste Glied in der Kette. Aber auf der anderen Seite hat der Trainer Machtbefugnis. Er kann mit wenigen Ausnahmen, wo ihm vielleicht ein Präsident ins Handwerk pfuscht, allein entscheiden, wer spielt. Jeden vierten Tag muss ein Trainer wichtige Entscheidungen treffen. Das macht ihn einsam.

Der FC Sion hat einen Präsidenten, der sich auch für einen Trainer hält. Doch zuletzt hat Christian Constantin mit Manipulationsvorwürfen gegen seinen Spieler Serey Die für Aufsehen gesorgt. Beschäftigt Sie das Thema Sportwetten?
Sport, Fussball ist eine Analogie unserer Gesellschaft. Alles, was in unserer Gesellschaft passiert, passiert auch im Fussball. Es gibt überall schwarze Schafe.

Wie viel darf ein Fussballer verdienen? Sind zehn, zwanzig Millionen Franken pro Jahr angemessen?
Alles hängt von der Wirtschaftlichkeit des Vereins ab. Wenn ein Verein zehn Millionen bezahlen kann, ohne Schulden zu machen, ist das legitim. Die Spieler spielen das Geld häufig auch wieder rein. Luca Toni hat bei Bayern zehn Millionen verdient, doch der Verein hat dreissig Millionen Gewinn gemacht. Also ist sein Lohn in Ordnung.

Verstehen Sie, dass die Debatte über Abzocker so heftig geführt wird?
Ich verstehe, dass man Boni ausbezahlt, wenn ein Unternehmen Gewinn macht. Aber wenn man Verluste macht, soll man Zurückhaltung predigen und das Risiko aufteilen. Ich bin so erzogen worden, dass man maximal nur so viel ausgeben soll, wie man auch einnimmt. Das möchte ich auch meinen Spielern zu vermitteln. Ich sehe mich ja nicht nur als Fussballtrainer, sondern auch als Pädagoge.

Stossen Sie damit bei Ihren Spielern auf offene Ohren?
Einige sind offen, andere nicht.

Gibt es irgendwelche Dinge wie Videospiele oder Pokerrunden, die im WM-Camp verboten sein werden?
Es ist klar, dass wir in Südafrika keine Pokerturniere veranstalten werden. Trotzdem ist es wichtig, dass wir Ablenkung haben werden.

Sie galten früher selber als Zocker.
Ich habe nicht gezockt, sondern Poker gespielt. Für mich ist Poker ein psychologisches Spiel, weil man gegen Menschen spielt. Mich hat die Psychologie dieses Spiels immer fasziniert. Ich würde beispielsweise nie Roulette spielen, weil man dort gegen die Bank spielt. Aber ich war nie spielsüchtig. Mimik, bluffen, den Gegner durchschauen, den Gegner austricksen, das war für mich spannend. Aber mit den eigenen Spielern habe ich nie Karten gespielt.

Schütteln Sie den Kopf, wenn Sie an die Jugend von heute denken?
Die heutige Jugend ist genauso vernünftig oder unvernünftig, wie wir es waren. Alle jungen Leute müssen zuerst mal die Hörner abstossen. Sie machen Fehler, machen aber auch vieles richtig. Ich bin keiner, der sagt: Früher war alles besser oder anders. Sicherlich hat sich der Umgangston verändert. Unsere Gesellschaft ist kälter geworden. Die Konkurrenzsituation im Geschäftsleben ist härter geworden und hat sich total verändert. Man bekommt trotz Schulabschluss nicht automatisch eine Lehrstelle. Nichts Schlimmeres als das: Man hat den Schulabschluss oder das Abitur und bekommt keinen Job.

Wenn man Sie alten Fotos sieht, als Sie Trainer beim FC Aarau waren, da waren Sie impulsiv...
...und offensichtlich voll mit dem Herzen dabei (lacht).

Aber auch sehr impulsiv. Heute sieht man das von Ihnen nicht mehr. Wann hat diese Wandlung stattgefunden?
Mit dem Alter. Bei Dortmund stand ich zu Beginn auch noch auf, habe auch gestikuliert, weil ich dachte, man könne so das Publikum gegen den Schiedsrichter aufwiegeln. Irgendwann habe ich aber eingesehen, dass man seiner Vorbildfunktion auch gerecht werden muss. Wenn der Trainer gestikuliert und reklamiert, dann beginnen auch die Spieler damit. Am Anfang war das bei mir auch geprägt von einer gewissen Nervosität und Druck. Als junger Trainer hat man ja Existenzängste. Mit der Zeit wird man dann ruhiger und zieht auch seine Lehren. Die reflexive Besinnung war für mich immer wichtig. Dass man über das, was man macht, auch nachdenkt.

Brauchen Sie für diese Reflexion eine spezielle Umgebung?
Ich bin so viel unterwegs als Trainer, dass ich in der Freizeit am liebsten daheim bin. Mein Zuhause ist mein Burg. Da fühle ich mich wohl, dahin ziehe ich mich zurück. Da höre ich dann klassische Musik oder lese ein Buch. Heute kann ich Bücher lesen - das konnte ich als junger Trainer nicht.

Warum?
Ich habe zwar Bücher gelesen, aber ich wusste nicht mehr, was ich gelesen habe. Weil ich geistig bei der Aufstellung war, bei meinen Sorgen als Trainer, bei wichtigen Entscheidungen. Als junger Trainer lernt man einen neuen Beruf. Ich habe erst mit 34 Jahren begonnen. Andere lernen ihren Beruf mit 18.

Sie waren und sind ein sehr engagierter Trainer. Ist da die Familie auf der Strecke geblieben?
Ich muss meiner Frau ein Kompliment machen, dass sie es so lange mit mir ausgehalten hat. Sie musste auf viel verzichten. Aber ich habe mich bemüht, viel mit meinem Sohn zu spielen. Ich habe ihm Geschichten vorgelesen oder aus dem Kopf Märchen erzählt oder mit dem Ball gekickt. Das waren für mich die besten Momente, um abzuschalten.

Stimmt es, dass Sie noch nie ausgepfiffen wurden?
Ich habe jedenfalls noch in keinem Stadion je «Hitzfeld raus»-Rufe gehört. Da hatte ich schon Glück. Ich habe meinen Sohn so erzogen, dass er damit rechnen muss, dass er im Stadion hört: «Hitzfeld raus». Die Leute werden in den Stadien nicht immer nur jubeln und singen «Hitzfeld, bester Mann der Welt». So habe ich ihn vorbereitet.

Aber passiert ist es nicht?
Bisher nicht, nein. Ich hatte Glück (lacht).

Sie sind halt ein Gentleman, den man nicht so schnell angreift.
Das hat damit nichts zu tun. Sondern vor allem damit, dass man Erfolg hat. Ich habe bei jedem Verein einen Titel geholt. Wenn das nicht der Fall gewesen wäre, dann wäre ich entlassen worden. Auch bei Aarau im ersten Jahr. Machen wir uns keine Illusionen. Da kann ich die Leute noch so anständig behandeln und allen gegenüber respektvoll sein: Als Trainer muss man Erfolg haben. Nur so kann man den Kopf retten. Aber ein respektvoller Umgang hilft einem sicher auch in Krisensituationen.

Wäre es Ihnen wohl, wenn diesen Sonntag die WM angepfiffen würde?
(denkt nach) Dann wäre ich froh. Ich bin bereit! Nichts ist schlimmer als eine tatenlose Zeit. Klar, man muss dieses und jenes vorbereiten, aber wenn es jetzt losgehen würde, wäre ich parat.

Aber die Mannschaft ist nicht bereit. Alex Frei beispielsweise ist verletzt.
Ich hoffe natürlich, dass wir gerade Ende Saison von Verletzungen verschont bleiben. Da kann man nicht mehr so viel ausgleichen. Bei Alex Frei besteht die Chance, dass er Ende April wieder spielen kann und dann die Vorbereitung für die WM mitmacht.

Viele Fussballfans sagen: Wenn die Schweiz die Achtelfinals erreicht, dann wegen Ottmar Hitzfeld. Ehrt Sie das?
Es freut mich, dass so viel Vertrauen da ist. Dadurch steigt auch der Druck auf mich und die Erwartungshaltung. Als der «Blick» geschrieben hat, «Der Messias kommt», hätte ich am liebsten wieder abgesagt. Da wird eine Erwartungshaltung geschürt, der man nicht gerecht werden kann. Aber es ist eine Verpflichtung für mich, alles zu geben und mein Team optimal vorzubereiten. Wir müssen als gesamtes Team funktionieren. Da müssen ein enormer Wille und eine Motivation entstehen. Nur so kann man bei einer WM bestehen.

Ihre Erfolge werden salopp formuliert auch damit erklärt, dass Sie «halt den Papst im Sack hätten»...Stört Sie das?
Nein. Es gilt die freie Meinungsäusserung. Der Faktor Glück spielt natürlich eine Rolle. Wenn man kein Glück hat, darf man nicht Trainer sein. Man kann das Glück im gewissen Sinne auch erzwingen. Trotzdem braucht es Unterstützung - von irgendwoher (lacht). Man muss aber auch alles machen, um das Glück zu erzwingen. Man muss an das Unmögliche glauben. Man kann viel mehr erreichen, als man glaubt. Meine Mentalität war immer: Bis zur letzten Sekunde daran glauben! Auch wenn wir zwei Minuten vor Schluss noch 2 zu 0 im Rückstand sind, glaube ich daran, das Unentschieden zu schaffen.

Hatten Sie auch Glück im Pokern, beim Golfen oder Tennisspielen?
Nein. Beim Pokern musste ich auch jede Minute voll bei der Sache sein. Man muss immer bis zur letzten Sekunde mit voller Konzentration seinen Job verrichten. Ich habe mir alles erarbeitet. Das hat man ja auch gesehen, als ich so ausgelaugt war. Der Trainerjob steht mir im Gesicht geschrieben.

Das Luxemburg-Spiel hat deutliche Spuren hinterlassen...
Hoffentlich auch! Dann sehen die Leute, dass ich leide. Ich leide bei jedem Spiel. Jedes Spiel ist auch eine Belastung für mich. Das ist kein lockerer Job, sondern Knochenarbeit.

Die Spanier spielen Fussball von einem anderen Stern. Wie kann man gegen Spanien zumindest einen Punkt holen?
Das Ziel muss sein, dass jeder Einzelne an seine Grenzen geht. Wir müssen mit einer grossen Überzeugung ins Spiel gehen, dass wir eine Überraschung schaffen können. Allein ein Unentschieden wäre eine Sensation, geschweige dann ein Sieg. Spanien ist zurzeit die Mega-Mannschaft. Das ist eine Jahrhundert-Elf. Ich bin immer davon überzeugt, dass man Überraschungen schaffen kann. Diesen Glauben möchte ich meiner Mannschaft vermitteln. Das kann Kräfte freisetzen. Spanien ist zwar ein Favorit, aber ein Favorit hat ja auch einen Druck.

Als Lehrer für Mathematik sind Sie ein Experte für Rechnungen, die dann aufgehen. Welche Rechnung wird für die Schweiz an der WM aufgehen?
Ich war nie ein Trainer, der etwas versprochen hat. Natürlich habe ich Wahrscheinlichkeitsrechnungen im Kopf. Aber wenn ich nach diesen gehen würde, erreichen wir nicht einmal die Achtelfinals. Wenn wir beispielsweise den Castrol-Performance-Index anschauen, also alle Resultate und die Trends zusammennimmt, dann hätten wir auf dem Papier zu 33 Prozent eine realistische Chance, die Achtelfinals zu erreichen. Aber das möchte ich den Spielern jetzt nicht mitteilen (lacht).

Sie wollen das Gegenteil beweisen.
Genau. Ich kann versprechen, dass ich alles unternehmen werde - mit Haut und Haaren, wie immer in meinem Leben -, dass ich hundert Prozent geben werde. Diese Mentalität will ich auch auf die Mannschaft übertragen. Die Achtelfinals sind dabei das erste Etappenziel. Danach formuliert sich jedes weitere Ziel von selbst.

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