Rugby WM

Grosse Herausforderung: Rugby-WM auf der Suche nach Kandidaten

Rugby, im Bild das WM-Spiel Italien – Kanada, entwickelt sich in der Schweiz in eine positive Richtung. Mit 175 Stellenprozent will der Schweizer Verband Strukturen aufbauen.

Mit einer guten Milliarde TV-Zuschauer ist die seit Freitag laufende Rugby-WM ein Grossereignis. Es ist aber auch ein Turnier auf der Suche nach einem breiteren Teilnehmerfeld. In der Warteschlaufe befindet sich unter anderen die Schweiz.

Auf den ersten Blick ist die ganz grosse Rugbywelt gar nicht so weit von der Schweiz entfernt. Nicht in Kilometern: In Frankreich schauen sich über zwölf Millionen TV-Zuschauer die wichtigsten Spiele ihrer Nationalmannschaft an. Und auch nicht in Weltranglistenpositionen: Die Schweiz belegt den 30. Rang und ist damit nur zehn Plätze schlechter klassiert als der WM-Teilnehmer Russland.

Und doch ist alles ein wenig komplizierter. Rugby tut sich mehr als andere Sportarten schwer, sich über sein Stammland hinweg zu verbreiten. Während der Fussball von England aus die ganze Welt erobert hat, konnte Rugby nur in wenigen nichtanglophonen Ländern richtig Fuss fassen, in erster Linie in Frankreich, Argentinien und Italien. Dementsprechend trügerisch ist auch die Weltrangliste. Schon in den Top 30 koexistieren ganz verschiedene Rugbywelten. Von den Neuseeländern, den hoch angesehenen Botschaftern ihres Landes, bis eben zu den Schweizern, die als Amateure fast unbemerkt ihre Länderspiele austragen.

Die besten Rugbyspieler der Welt sind Profis, seit der internationale Verband 1995 seine Statuten geändert hat. Ein halbes Dutzend Stars verdient mehr als eine Million Franken jährlich. In der französischen Liga kommt ein Spieler durchschnittlich auf 250 000 Franken pro Saison. Das sind Löhne, die nicht mit dem Fussball vergleichbar sind, die aber für eine grosse Kluft im Vergleich zu Amateuren sorgen.

Leistungszentren in Nyon und Zürich

Es gehört zu den grössten Herausforderungen des internationalen Verbands, die Kleinen näher an die Grossen heranzuführen. «Es ist ein Langzeitziel von World Rugby, die WM aufzustocken», sagt Veronika Mühlhofer, die Geschäftsführerin von Suisse Rugby. «Vorher müssen die Mannschaften aber kompetitiver werden. Niemand hat Interesse an Resultaten wie einem 110:0.»

In den letzten Jahren hat sich das Schweizer Rugby in die richtige Richtung entwickelt. Der Verband hat sich so weit professionalisiert, wie es das Jahresbudget von 800 000 Franken ermöglicht. Veronika Mühlhofer arbeitet im 75-Prozent-Pensum, der Chef Leistungs- und Breitensport, der Franzose Sébastien Dupoux, hat eine Vollzeitstelle. «Es geht darum, Strukturen aufzubauen», erklärt Mühlhofer und berichtet von den zwei Leistungszentren, die in den letzten Monaten eröffnet wurden, eines in Nyon und eines in Zürich.

Dort werden die 20 bis 25 talentiertesten Nachwuchsspieler einmal wöchentlich von einem Nationaltrainer betreut und beraten. Es wäre vermessen, von einem Boom zu sprechen, aber dank der medial auch in der Schweiz gut abgedeckten letzten WM in England und der Wiederaufnahme ins olympische Programm hat sich die Anzahl Lizenzierter in den letzten fünf Jahren auf rund 5000 verdoppelt. Damit ist Rugby in der Schweiz längst nicht über den Status einer Randsportart hinausgekommen, doch die Entwicklung stimmt positiv. «Das Potenzial ist da», freut sich Mühlhofer.

Aufstockung für die WM 2027?

Mühlhofer entdeckte das Rugby während ihres Studiums in den USA. In den letzten 20 Jahren war sie als Spielerin, Trainerin und Funktionärin tätig. Aber auch in anderen Sportbereichen und Sportarten hat sie viel Erfahrung im Management angesammelt. Seit knapp anderthalb Jahren ist Mühlhofer Mitglied des Councils von World Rugby und damit am Puls des internationalen Verbandes. Die meisten Entscheide werden im 48-köpfigen Rat gefällt, dem seit 2018 auch Frauen angehören.

Im Oktober reist Mühlhofer an die WM nach Japan. Ein Thema wird die Erweiterung des Teilnehmerfeldes sein. Momentan ist die Weltmeisterschaft eine nicht ganz, aber fast geschlossene Gesellschaft. Gerade mal ein Team aus Europa hat sich die Teilnahme über die Qualifikation gesichert (Russland), alle anderen standen schon nach dem letzten Turnier als Teilnehmer fest. Für die WM in vier Jahren in Frankreich bleibt alles beim Alten. Für 2027 könnte das Turnier aber aufgestockt werden und die grosse Rugbywelt auch für die Schweiz ein gutes Stück näher rücken.

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