Kunstturnen
Giulias Steingruber stürzt am Sprung: Für kurze Zeit löste sich Rio in Luft auf

Bis gestern Samstag schien diese Welt selbst angesichts der vielen Opfer, welche die 21-jährige Ostschweizerin für ihren Sport bringen muss, in Rosarot gefärbt. Doch dann ein Schreckmoment, der alles hätte verändern können.

Rainer Sommerhalder
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Giulia Steingruber stürzt bei Sprung-Landung
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Sie spürte einen heftigen Schmerz und sackte zusammen.
Giulia Steingruber braucht Hilfe, um das Turnpodium zu verlassen.

Giulia Steingruber stürzt bei Sprung-Landung

Keystone

Steingruber verdrehte sich bei der Landung ihres zweiten Sprungs in den Gerätefinals das rechte Knie. Sie spürte einen heftigen Schmerz, sackte zusammen und benötigte letztlich Hilfe, um das Turnpodium zu verlassen.

«Mir stockte der Atem. Es hat im ersten Moment nicht so schön ausgesehen», sagte STV-Spitzensportchef Felix Stingelin, «natürlich kommen einem bei einer solchen Szene die Kreuzbänder in den Sinn». Ein Kreuzbandriss hätte Steingrubers Olympiatraum zerstört, vielleicht sogar das Ende ihrer Karriere bedeutet.

Später dann Entwarnung. Der Schweizer Teamarzt fand bei einem ersten Untersuch keine Anzeichen einer Bänderverletzung. Im Gesicht von Giulia war viel Frust abzulesen, als sie eine halbe Stunde nach dem Vorfall auf eigenen Beinen nochmals in die Halle zurückkam.

Reden wollte sie verständlicherweise nicht. Nun muss man abwarten: Kann sie heute Sonntag am Boden ihre letzte Chance auf eine WM-Medaille in Glasgow wahrnehmen. Oder ist die gesundheitliche Beeinträchtigung doch zu gross, das Risiko einer ernsthaften Verletzung zu hoch? Der Entscheid fällt erst am Sonntagmorgen beim Einturnen.

Giulias WM

Bis zum Vorfall in den Gerätefinals lief alles nach Plan. Giulia lieferte an ihrer insgesamt fünften Weltmeisterschaft die bisher wertvollsten Resultate ab. Sie qualifizierte sich mit dem Team für den vorolympischen Wettkampf im Frühjahr, bei dem die letzten Tickets für Rio vergeben werden. Sie beendete den Mehrkampf als Fünfte so gut wie noch nie an einer WM. Und sie stand mit intakten Medaillenchancen in den Finals im Sprung und am Boden.

Giulias Familie

Giulia Steingruber hat ein sehr enges Verhältnis zu ihrer Familie. Sport hat bei den Steingrubers einen grossen Stellenwert, ihre Eltern Kurt und Fabiola spielten beide Fussball, Mutter Fabiola war als Spielerin sogar in der Ostschweizer Auswahl. Später haben beide im FC Gossau ein Traineramt ausgeübt, Kurt bei einer ambitionierten Juniorenmannschaft, Fabiola bei den Frauen.

Vater Kurt arbeitet als Betriebsleiter in einer Autogarage, Mutter Fabiola Teilzeit im Gastronomie-Team eines Wohn- und Pflegeheims. Giulia hat eine drei Jahre ältere Schwester, welche seit Geburt an schwerstbehindert ist. Die Eltern begleiten Giulia an alle grossen internationalen Meisterschaften, einzig in Übersee waren sie bisher nicht live vor Ort (WM Tokio 2011 und WM Nanning 2014).

Dies wird sich nächstes Jahr ändern. Die Reise an die Olympischen Spiele in Rio ist fix eingeplant. «Wir sind vor den Wettkämpfen von Giulia jeweils den ganzen Tag lang sehr nervös», gibt ihre Mutter zu, «wir hoffen vor allem, dass ihr nichts passiert und dass sie ihre selber gesteckten Erwartungen erfüllen kann.» Mit dabei hat Giulia auch einen Anhänger von ihren Eltern in Form eines Engels.

Giulias Kindheit

Giulia ist am 24. März 1994 auf die Welt gekommen. Sie wuchs in Gossau auf. Als ihre Eltern den Wirbelwind Giulia beim Schuleintritt zu einer sportlichen Tätigkeit animieren wollten, hatten sie eigentlich einen Teamsport im Kopf.

Doch sie begann als Sechsjährige beim TV Gossau mit Geräteturnen, wurde aufgrund des Potenzials aber bald zu den Kunstturnern des TZ Fürstenland weitervermittelt. Als 14-jährige zog Giulia ins nationale Kunstturn-Leistungszentrum nach Magglingen und wohnte in einer Gastfamilie in Biel. Eigentlich hätte dieser Umzug bereits ein Jahr vorher über die Bühne gehen sollen, aber dannzumal wollte Giulia noch nicht von zu Hause weg.

Giulias Eigenschaften

Sie schreibt auf ihrer Homepage, sie sei «ehrgeizig, manchmal aber auch stur und total chaotisch». Sie könne ihren Kopf gut durchsetzen und habe einen starken Willen. Bezugspersonen beschreiben Giulia als authentisch, herzlich und unkompliziert, aber auch als sehr diszipliniert, zielstrebig und bisweilen etwas ungeduldig.

Sie sei als Person eher zurückhaltend und zeige in der Öffentlichkeit wenig Emotionen. Als grosses Vorbild nennt sie wie so viele Roger Federer. «Er ist trotz seines Erfolgs bescheiden geblieben.» Giulia hat Federer an den Sommerspielen in London persönlich kennengelernt.

Giulias Hobbys

Die 1.60 m grosse Ostschweizerin sagt, in der spärlichen Freizeit trifft sie Kollegen, hört Musik oder geht auch mal an ein Eishockey-Spiel. Ihre Kollegen seien für sie «Gold wert» und ohne Kopfhörer gehe sie «nicht aus dem Haus». Im Ausgang verspeist sie am liebsten eine Pizza Hawaii. «Darauf will ich auch als Spitzensportlerin nicht verzichten.»

Giulia ist auch eine sehr gute Ski- und Snowboardfahrerin, kommt aber wegen des Kunstturnens kaum mehr dazu, diesen Sport auszuüben. Zum letzten Mal auf dem Board stand sie vor zwei Jahren. Die Frage nach einem Freund beantwortet sie nicht. «Das Private gehört nicht zum Turnen», sagt sie. Von Juni 2011 bis Herbst 2013 war sie mit Eishockey-Nachwuchstalent Kay Leuenberger liiert.

Giulias Tattoos

Seit 2012 schmücken die fünf Olympischen Ringe und der Schriftzug «London» Giulias Körper oberhalb der rechten Taille. Steht die Qualifikation für Rio definitiv fest, soll ein Rio-Schriftzug direkt unterhalb folgen. Zum 20. Geburtstag schenkten ihr die Eltern ein Tattoo am linken Knöchel. «Familie, Liebe, Energie» steht dort seither in japanischen Schriftzeichen.

Giulia auf Social Media

Ihre Homepage besticht durch wunderschöne Fotos, professionelle Videos und wird unterlegt durch coole Sprüche, welche Giulias Persönlichkeit ausdrücken: «Mein nächstes Ziel: Der Sprung auf den Turn-Olymp.» Oder: «Ich hatte einen Traum: Heute ist er mein Beruf.» Oder: «Die Haltung ist entscheidend: Als Sportler und als Mensch.»

Oder: «Erfolg kommt ganz von selbst: Wenn man über 2000 Stunden im Jahr trainiert.» Kreiert wurde die Homepage von der Vermarktungsagentur sportsemotion des ehemaligen Eishockey-Nationaltorhüters Renato Tosio. Sie unterstützt Giulia Steingruber seit zwei Jahren im Bereich Sponsoring. Aktualisiert werden Page und Facebook durch Giulias Vater. Den Twitter-Account betreibt Giulia selber, allerdings ist die Kadenz ihrer Tweets eher bescheiden. 5500 Personen folgen ihrer auf Twitter, 17 900 gefällt ihr Facebook-Auftritt.

Giulias Erfolge

Auf die Frage, wann ihr Ausnahmetalent sichtbar wurde, antworten ihre Eltern auch heute noch: «Giulia ist kein Ausnahmetalent, sie ist eine harte Arbeiterin.» 2010 nahm sie erstmals an einer Europameisterschaft und an einer Weltmeisterschaft teil.

Im damaligen Schatten von Ariella Kaeslin zerriss sie noch keine Stricke. Ihr Stern ging 2011 auf, als sie national sämtliche fünf Titel gewann und sich an der EM im Mehrkampf (9.) und im Sprung (6.) für den Final qualifizierte. «Damals realisierten wir ihr Potenzial erstmals», sagen ihre Eltern, «wir haben beide von Kunstturnen wenig Ahnung und konnten zuvor überhaupt nicht einschätzen, was sie erreichen kann.»

2012 nahm sie als jüngste Schweizer Sportlerin an den Olympischen Spielen in London teil. Dort qualifizierte sie sich auf Anhieb für den Mehrkampffinal (14. Platz). Inzwischen ist Giulia Steingruber als erste Schweizerin überhaupt Mehrkampf-Europameisterin, insgesamt hängen 7 EM-Medaillen (3-mal Gold) im Wohnzimmer des Elternhauses und sie ist bereits 22-fache Schweizer Meisterin.

Im Dezember 2013 wurde Giulia Steingruber zur Schweizer Sportlerin des Jahres gewählt. In einer engen Entscheidung liess sie OL-Königin Simone Niggli-Luder und Skirennfahrerin Lara Gut hinter sich. Bereits 2011 wählte sie die Öffentlichkeit zur Schweizer Newcomerin des Jahres.

Giulias Rückschläge

Wer so kontinuierlich in Richtung Weltspitze marschiert, der kann keine grösseren Rückschläge im Gepäck mittragen. Und dennoch verzögerten einige Missgeschicke und Rückschritte ihren Werdegang. Im September 2008 setzte sie eine Fussoperation für ein halbes Jahr ausser Gefecht. Vor der WM 2010 erlitt sie zwei Bänderrisse im Fuss.

Im März 2014 verlor sie wegen einer Knieverletzung wertvolle Vorbereitungszeit auf die EM, im Sommer 2014 funktionierten bei ihr wegen einer Blockade die Schraubendrehungen nicht mehr. Die vergleichsweise schwache WM in China war zweifellos auch darauf zurückzuführen. Am Swiss Cup im Spätherbst 2014 verletzte sie sich abermals am Fuss und im August 2015 tat sie sich nach einem Sturz vom Stufenbarren ernsthaft weh am Rücken.

Giulias Sponsoren

Als Cornercard 2011 mit einer Sponsoringanfrage bei den Steingrubers anklopfte, winkte die Familie zuerst ab. Man wollte Giulia nicht in eine Abhängigkeit von Geldgebern manövrieren. Auch heute sagen die Eltern, dass ihnen bei allen Partnerschaften wichtig sei, dass sie auf freundschaftlicher, kollegialer Ebene stattfinden.

Neben Cornercard sind Opel, Longines und Belcolor Bodenbeläge Giulias Sponsoren. Weil Longines auch Sponsor des Turn-Weltverbandes und offizieller Zeitnehmer der WM ist, erscheint das Konterfei von Steingruber an dieser WM auf allen Bildschirmen, auf denen dem Publikum und den Athleten die Noten präsentiert werden.

Von Sponsor Opel hat Giulia 2013 erstmals ein Auto zur Verfügung gestellt, seit September 2014 fährt sie einen Opel Adam Rocks. Beat Weidmann, Marketingleiter von Cornercard, sagt über Giulia: «Sie ist sehr geerdet und eine überaus natürliche Person. Aber das liegt zweifellos auch an ihrem familiären Umfeld. Sie sei auch heute als erfolgreiche Sportlerin «noch immer genau gleich auf dem Boden wie damals zu Beginn unserer Partnerschaft».

Giulias Alltag

Seit 2008 trainiert Giulia Steingruber in Magglingen. Inzwischen wohnt sie in Biel in einer eigenen Wohnung. Sie trainiert rund 30 Stunden pro Woche, täglich zweimal. Am Donnerstag hat sie kein Training, aber deshalb längst noch nicht frei. Seit März 2014 macht sie die Fernmatura und wendet für die Schule täglich drei bis vier Stunden auf.

Den ersten Anlauf zu einem Schulabschluss, die Handelsschule, brach Steingruber im Vorfeld der Olympischen Spiele von London ab, weil es damals für sie zu viel wurde. Nach dem Morgentraining am Samstag reist sie für das kurze Wochenende zu ihren Eltern nach Gossau. Bereits am Sonntagabend muss sie sich von ihnen wieder verabschieden. Gemäss Arbeitsvertrag haben die Kunstturner pro Jahr vier Wochen Ferien, können den Zeitpunkt aber nicht selber bestimmen. In den Ferien reist Giulia mit Vorliebe ans Meer.

Giulias Trainer

Sie wird von Nationaltrainer Zoltan Jordanov betreut. Der ungarisch-britische Doppelbürger ist seit 2007 für die Schweizer Frauen verantwortlich. Unter seiner Führung hat bereits Ariella Kaeslin den Sprung an die Weltspitze geschafft. Jordanov sagt zur Rollenverteilung in der Zusammenarbeit mit seinem Star: «Wir diskutieren, ich entscheide».

Er sagt aber auch über seinen Schützling: «Wer auf diesem Niveau turnt, braucht Persönlichkeit». Das Verhältnis zwischen Trainer und Turnerin war zu Beginn problematisch. «Wir waren wie Katze und Hund», sagt Giulia rückblickend. Seit der nicht befriedigenden Weltmeisterschaft 2014 arbeitet Giulia mit einem privaten Mentaltrainer zusammen.

Dass man ihr eine gute Nervenstärke attestiert, ist zweifellos auch sein Verdienst. Giulia bekämpft Nervosität und Druck mit regelmässigen Atemübungen und mit Merkzetteln, die sie dabei hat. Dort drauf stehen Sätze wie «Du schaffst es!»

Giulias Einkommen

Über Geld spricht man nicht. Diese Schweizer Tugend ist bei Giulia Steingruber nicht anders. Es sind keine Zahlen bekannt. «Wir werden unser Prämiensystem nicht öffentlich machen», antwortet STV-Spitzensportchef Felix Stingelin auf die Frage, wie viel Steingrubers EM- und WM-Leistungen zusätzlich zum Grundlohn von rund 3500 pro Monat wert sind. Dazu kommen die Einnahmen aus den Sponsoringverträgen.

Giulias Zukunft

Wie lange Giulias Spitzensport-Karriere noch dauert, ist offen. Früher nannte sie die Olympischen Spiele 2016 als möglichen Höhepunkt und Abschluss. «Momentan kann ich mir das nicht vorstellen», sagt sie heute dazu. So oder so treffen sich die Eltern seit Beginn ihrer sportlichen Laufbahn jeden Sommer mit ihr zu einem Gespräch, bei dem Giulia entscheidet, ob sie diesen Sport ein weiteres Jahr ausüben oder aufhören will.

«Sagt sie ja, dann wird das auch durchgezogen», sagt ihr Vater, «etwas richtig zu machen, gehört zur Mentalität in unserer Familie». Was ziemlich sicher auch vom familiären Umfeld herrührt, ist ihr Berufswunsch. Giulia Steingruber sieht sich nach dem Karriereende im Bereich Gesundheit und Soziales.