Von Felix Bingesser und François Schmid- Bechtel (Text) und Chris Iseli (Fotos)

Gilbert Gress, wer ist der prominenteste Schweizer?
Gilbert Gress: Ich natürlich. Nein, das ist ein Scherz. Mit solchen Scherzen muss ich aber aufpassen. Vor Jahren hat mich ein Journalist eines französischen Magazins gefragt, wer der beste Fussballtrainer der Welt sei. Ich habe geantwortet: Gilbert Gress. Das war dann die Schlagzeile und hat mir einigen Ärger eingebracht. Also sage ich: Es gibt sicher prominentere Schweizer als mich. Obwohl ich mittlerweile in Zürich und in Basel öfter erkannt werde als in meiner Heimat Strassburg.

Sie sind Trainer, TV-Experte und Werbefigur. Sie und Ihre Frisur sind ein Stück Schweizer Kulturgut geworden.
Diese Rolle habe ich nie gesucht. Wenn man das anstreben würde, dann gelänge es sowieso nicht. Die Sendung «Der Match» hat mir schon einen grossen Popularitätsschub gegeben. Das war eine Sendung für alle Generationen. Und ich werde immer wieder auf überraschende Weise darauf angesprochen.

Zum Beispiel?
Als ich beim FC Aarau vor drei Jahren Trainer war und wir gegen Bellinzona gewonnen haben, da kam ein kleiner Bub mit seinem Vater zu mir. «Das haben Sie super gemacht, Herr Gress», hat er mir gesagt. Und ergänzt: «Sagen Sie auch Baschi einen Gruss.» Er wollte mir also nicht zum Ligaerhalt mit dem FC Aarau gratulieren. Sondern zu dieser Fernsehsendung.

Apropos FC Aarau: Hätten Sie den Verein auch in diesem Jahr vor dem Abstieg gerettet?
Natürlich. Allein diese Fragestellung ist für mich als Trainer eine Beleidigung.

Was sind Ihrer Meinung nach die Gründe für den Abstieg des FC Aarau?
Vor drei Jahren hat man gute Spieler geholt. Aber viele von denen sind nicht mehr da. Man kann nicht immer nur vom Geld reden. Wenn ich die Wahl habe zwischen Kompetenz und Geld, dann nehme ich die Kompetenz. Denn ohne Kompetenz nützt alles Geld nichts.

Zurück zu Baschi. Mit ihm verbindet Sie ja eine Vater-Sohn-Beziehung.
Wer ist der Vater?

Sie.
Nein. Baschi hat ja einen Vater. Aber uns verbindet eine Freundschaft, ich mag ihn, er ist ein netter Junge. Jetzt will er ja den Sprung nach Deutschland schaffen. Aber ich habe ihm gesagt: In Deutschland wartet keiner auf ihn.

Dafür ist Gilbert Gress überall ein gefragter Mann. Warum?
Vielleicht weil ich zu billig bin. Das war schon in meiner ganzen Karriere so. Ich hätte wohl einen Manager gebraucht, dann hätte ich mehr Geld verdient.

Haben Sie irgendwo mehr als eine Million im Jahr verdient?
Euro, Franken oder Lire? Nein, ich habe nie in diesen Dimensionen verdient. Geld war für mich aber auch nie wichtig. Als Trainer und Spieler wollte ich immer gewinnen und guten Fussball spielen.

Was ist guter Fussball?
1954 habe ich den WM-Final zwischen Deutschland und Ungarn als kleiner Junge in einem Restaurant im Fernsehen gesehen. Einige Jahre später habe ich den deutschen Trainer Sepp Herberger persönlich kennen gelernt. Er hat mir vor vierzig Jahren gesagt: Wenn du Erfolg haben willst, dann musst du spielen, spielen, spielen. Das habe ich heute noch im Ohr.

Ausgerechnet ein Deutscher spricht vom «Spielen»?
Dass die Deutschen nur vom Kampf und von der Athletik leben, ist ein Klischee. Die hatten immer gute Fussballer. Aber leider gibt es immer weniger Mannschaften, die schönen und erfolgreichen Fussball spielen.

Welche Mannschaften kommen Ihrem Ideal denn am nächsten?
Wenn Barcelona spielt, bin ich jede Minute vor dem Fernseher mit dabei. Und es gibt eine zweite Mannschaft, die mich fasziniert. Es ist die französische Handball-Nationalmannschaft. Diese beiden Teams begeistern mich, von denen schaue ich mir jedes Spiel an.

Und wenn es nach der Schönheit des Spiels geht, dann müsste Spanien in Südafrika Weltmeister werden?
Ja. Aber die haben viele verletzte und angeschlagene Spieler. Ich habe Angst, dass diejenige Mannschaft Weltmeister wird, die ausgeruhte Spieler hat. Es wäre schade, wenn nicht die besten Fussballer gewinnen.

Gehen Sie auch nach Südafrika?
Nein. Da könnte ich nur ein Spiel am Tag sehen. Daheim kann ich mir alle Spiele anschauen. Und ich bin auch Gast beim Schweizer Fernsehen.

Was trauen Sie der Schweiz zu?
Die Gruppenspiele zu überstehen, sollte möglich sein. Für mehr müsste das spielerische Niveau in der Mannschaft besser werden.

Was haben Sie eigentlich für ein Verhältnis zu Nationalcoach Ottmar Hitzfeld?
Keines. Und über dieses Thema möchte ich eigentlich gar nicht reden.

Warum nicht?
1994 war ich in Strassburg Trainer. Hitzfeld war in Dortmund. Da hat er mich angerufen und sich über einen Verteidiger von mir informiert. Das war Frank Lebœuf. Ich habe ihm alles erzählt, wie das unter Trainern üblich ist. Als ich das Telefon aufgehängt habe, da hat meine Frau gesagt: Das hätte ich nicht alles erzählt. Zwei Tage später kam Lebœuf zu mir ins Büro gestürmt und hat geflucht. Ich hätte seine Karriere ruiniert und mit meiner Auskunft seinen Transfer zu Dortmund verhindert. Mehr habe ich zu diesem Thema nicht zu sagen.

In Frankreich ist eine Diskussion entbrannt, ob man Franck Ribéry nach seinem Sexskandal an die WM mitnehmen soll. Hätten Sie ihn auch aufgeboten?
Natürlich. Wenn alle Journalisten, die so etwas schon gemacht haben, nicht mehr schreiben dürften, dann gäbe es keine Zeitungen mehr. Einzig dass er ein Verhältnis mit einer Minderjährigen hatte, ist natürlich scharf zu verurteilen.

Was würden Sie anders machen, wenn Sie am Anfang Ihrer Karriere stünden?
Als Trainer hätte ich bei der Schweizer Nationalmannschaft bleiben sollen. Es war ein Fehler, da aufzuhören. Seither habe ich als Trainer eigentlich nur noch Mist erlebt. Und als Spieler hätte ich zu Bayern München wechseln sollen.

Hatten Sie ein Angebot?
Ja. Ich war beim VfB Stuttgart. Einen Tag vor dem Spiel gegen Bayern hat mich deren damaliger Manager Robert Schwan angerufen. Er hat mir gesagt, Franz Beckenbauer würde mir in der Pause des Spiels einen Zettel geben. Darauf würde er notieren, wann und wo wir uns zu Verhandlungen treffen könnten. Unmöglich war das. Das habe ich Schwan am Telefon auch gesagt.

Aber verhandelt haben Sie dann trotzdem?
Ja, in seinem Auto auf einem Feldweg. Meine Frau war auch mit dabei. Er hat mir ein Wahnsinnsangebot gemacht. Aber in Stuttgart sind die Leute auf die Strasse gegangen und haben für meinen Verbleib beim VfB protestiert. Da bin ich geblieben.

Heute wird die Schweizer Meisterschaft entschieden. Tippen Sie auf den FC Basel oder auf YB?
Ich tippe nicht gerne.

Als Aushängeschild von Swisslos machen Sie Werbung für die neue Sportwette «Totogoal». Da müssen Sie doch tippen?
Ja, sie haben recht. Sonst bekomme ich noch Schwierigkeiten. Dann tippe ich ein X.

Dann wäre der FC Basel Meister.
Ja. Aber es ist trotzdem alles offen. YB hat den Heimvorteil und hat einen Kunstrasen. Das ist sicher ein Vorteil. Aber gut: Ich bleibe dabei. Basel wird Meister.

Sie sind Schweizer Staatsbürger, haben aber auch den französischen Pass. Und Sie kommen aus Strassburg, dem Sitz des EU-Parlaments. Sind Sie Schweizer oder Europäer?
Als die Schweiz nicht der EU beigetreten ist, da haben viele gesagt: Mit der Schweiz gehe es nun bergab. Doch der Schweiz geht es immer noch sehr gut. Die ganze Globalisierung bringt dem einzelnen Bürger nichts. Vor allem nicht den kleinen Leuten mit bescheidenen Einkommen. Es gibt auch hier im Elsass viele Leute, die mit einigen hundert Euro im Monat leben müssen.

Also ist die europäische Idee gescheitert?
Wenn die Griechen mit 50 Jahren in Pension gehen und die Deutschen und die Franzosen jetzt mit ihren Steuergeldern die Zeche dafür bezahlen müssen, so ist das doch eine Perversion. Aber ich bin Fussballtrainer und nicht Politiker.

Welches sind die faszinierendsten Persönlichkeiten, die Sie im Lauf Ihrer langen Karriere getroffen haben?
Sepp Herberger ist sicher mit dabei. Und sicher auch Adi Dassler, der Chef von Adidas. Mit ihm habe ich früher immer Fussball gespielt. Er hat Grosses geleistet, ist aber immer sehr bescheiden geblieben und hat sich mit den Leuten in der Dorfbeiz getroffen. Mir imponiert auch Michael Schumacher. Ich sehe ihn zwar nicht jeden Tag. Aber es ist ein Gewinn, wenn man ihn kennt und ihm freundschaftlich verbunden ist.

Haben Sie eigentlich Ihre Karriere als Fussballtrainer abgeschlossen?
Nein. Aber ich suche nicht nach einem Job. Wenn ein interessantes Angebot kommt, dann würde ich mir das gut überlegen. Aber ich gehe als Trainer nicht nach Saudi-Arabien oder nach Korea. Es sei denn, die bezahlen mir zehn Millionen. Nein, Experimente gibt es keine mehr. Dann pendle ich lieber zwischen der Schweiz und dem Elsass und pflege mit meinen Freunden das Kartenspiel.

Bei Strassburg wollen Sie aber nicht mehr Trainer werden?
Ich habe bei Strassburg zwei Rekorde. Ich war da einst drei Jahre lang Trainer. So lange hat es hier keiner ausgehalten. Und vor dieser Saison war ich einen Monat lang Trainer. Darüber habe ich jetzt auch ein Buch geschrieben. Mit dem Titel «Der Monat». Und was ist nun in dieser Saison passiert? Strassburg ist am letzten Freitag in die dritte französische Liga abgestiegen. Das hat es noch nie gegeben.