Gehör
Gehör hilft Blinden beim Schiessen

Dass Blinde schiessen könne, konnte sich der Schütze Heinz Reichle anfangs nicht vorstellen. Mittlerweile ist er Betreuer der Schweizer Meisterin im Blindenschiessen. Ein Augenschein im Schiesskeller.

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Gehör hilft Blinden beim Schiessen

Gehör hilft Blinden beim Schiessen

Melanie Bär

Maja Hoffmann steht im Schiesskeller der Sportschützen Wettingen-Würenlos und zielt mit dem Luftgewehr auf die 10 Meter entfernte Zielscheibe. Ihre Kollegin Janina Schäli tut es ihr in der Position liegend gleich. Nichts Ungewöhnliches, könnte man auf den ersten Blick meinen. Beim zweiten Blick fällt auf, dass die Monitore, auf denen sichtbar wird, wie gut die beiden Schützinnen treffen, verdreht sind.
Nicht die Schiessenden sehen das Resultat, sondern deren Betreuer. Nach jedem Schuss tippen diese ihren Schützlingen auf Schulter, Arm oder Rücken. Warum das? «Die beiden Schützinnen sind nahezu blind. Janina sieht mit dem besseren Auge
6 %, Maja 8 %. Mit dem Antippen zeige ich nonverbal an, wo der Schuss gelandet ist», sagt Heinz Reichle, der oft Volltreffer andeuten kann. Reichle ist der Betreuer von Maja Hoffmann, Willi Mantschko von Janina Schäli.

«Wir konnten uns anfangs auch nicht vorstellen, dass Blinde oder stark sehbehinderte Menschen den Schiesssport ausüben können», so Reichle. An einer Vorführung liessen sich die beiden Männer, die selber im Schiesssport aktiv sind, aber davon überzeugen. Am Samstag demonstrierten ihre beiden Schützlinge vor den Sportschützen in Wettingen ihr Können.

Licht und Ton machen möglich, dass Blinde und stark sehbehinderte Menschen den Schiesssport auf hohem Niveau ausüben können.
Damit das Licht im Zentrum der Zielscheibe am intensivsten ist, muss das anvisierte Scheibenzentrum weiss und der äussere Bereich schwarz sein. Während bei Sehenden beim Schiessen eine Lichtstärke von 1200 bis 1500 Lux eingesetzt wird, ist es bei Blinden rund die hundertfache Lichtstärke. Mit einer separaten Lichtquelle (75-W-Lampe auf einem Stativ) wird die Scheibe aus ca. 25 bis 30 cm Distanz beleuchtet. Eine spezielle Elektronik auf dem Gewehr misst das Licht und wandelt es in einen Ton um, den die Sehbehinderten über einen Kopfhörer wahrnehmen können. Je mehr Licht gemessen wird, je höher wird der Ton. Daran erkennen die Schützen, dass sie dem Ziel näher kommen. Stimmt der Ton, müssen sie still halten, auslösen und nachhören. «Das tönt einfach, ist aber extrem schwierig», sagt Reichle, der sich zum eidgenössisch diplomierten Spitzensporttrainer weiterbilden liess.

Die 49-jährige Hoffmann und die 27-jährige Schäli sind die einzigen, die den Blindenschiesssport zurzeit auf höchstem Niveau ausüben und das Nationalteam bilden. Am 7. März holte sich Hoffmann mit 562 von 600 möglichen Punkten in der Position stehend mit 60 Schüssen den Schweizer-Meister-Titel. Mit 530 Punkten lag Janina Schäli hinter ihr. Im Juli wollen sich
Hofmann und Schäli an der Weltmeisterschaft mit Sportlerinnen und Sportlern von zehn weiteren Nationen messen. «Mich motiviert es, dass ich in meinem Alter noch Sport auf so hohem Niveau ausüben kann», sagt Handbuchbinderin Hoffmann.

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