Marcel Kuchta

Unerwartet spannend ging es am Ende in Liestal zu und her. Der Luxemburger Fränk Schleck, nicht eben bekannt als ein Zeitfahrer von Gottes Gnaden, hatte sich fast unbemerkt an die Spitze des virtuellen Gesamtklassements manövriert. Dass er dort bleiben würde, ahnte der Teamkollege von Fabian Cancellara nicht einmal: «Erst als mir Fabian im Bus sagte, dass ich Chancen auf den Gesamtsieg habe, wurde es mir bewusst.», sagte der 30-Jährige.

Und tatsächlich: Ein Gegner nach dem anderen biss sich die Zähne an Schlecks Marke aus. Lance Armstrong, der Topfavorit, hatte am Ende zwölf Sekunden Rückstand auf dem Konto wurde Gesamtzweiter. «Ich bin mit dem Resultat zufrieden. Ebenso, wie sich meine Form entwickelt. Ich werde für die Tour de France bereit sein», liess der Amerikaner verlauten.

Morabito bester Schweizer

Jacob Fuglsang fehlten 17 Sekunden zum Triumph. Steve Morabito, der beste Schweizer, verpasste den ganz grossen Coup auch nur um
23 Sekunden, während Leader Robert Gesink noch auf Platz fünf zurückfiel, 27 Sekunden hinter Fränk Schleck. Gesink war am Ende gleichauf mit dem Sieger des Zeitfahrens, dem Deutschen Tony Martin. Der hatte vor dem letzten Akt der Tour de Suisse 2 Minuten und 19 Sekunden Vorsprung auf Martin. Dass er diese Reserve gänzlich verlor, sagt
alles über den missglückten Auftritt des Holländers auf dem Parcours rund um Liestal.

Sieben Fahrer waren im Gesamtklassement schliesslich innerhalb von 33 Sekunden klassiert. Einen derart knappen Ausgang hat die Tour de Suisse in ihrer Geschichte noch nie genommen. Der spannende Abschluss entschädigte für die zwei eher flau verlaufenen Etappen am Freitag und am Samstag. Zum Happy End aus Schweizer Sicht fehl- te allerdings der Sieg von Lokalmatador Fabian Cancellara. Der Ittiger wurde auf der zweiten Streckenhälfte von Tony Martin überflügelt. Und damit quasi mit den eigenen Waffen geschlagen. «Ich habe mir das von Fabian abgeschaut und auf der ersten Streckenhälfte ein paar Körner gespart», erklärte Martin später.

Cancellara von Martin überflügelt

Immerhin rettete Fränk Schleck Fabian Cancellaras Tag mit dem Gesamtsieg doch noch. Schon in der zweiten Etappe in Schwarzenburg war es Schleck gewesen, der dem Schweizer den knappen Verlust des Leadertrikots an Tony Martin (um eine Sekunde!) mit dem Etappensieg versüsst hatte. Cancellara selbst sprach von einem «guten Zeitfahren». Ihm war es - wie vielen anderen Fahrern auch - in den letzten Tagen zu nass und zu kalt. So kalt, dass ihn muskuläre Probleme in der Beckenregion plagten, die sich gestern sicher nicht positiv auswirkten.

Fränk Schleck gab derweilen eine eindrückliche Empfehlung im Hinblick auf die Tour de France ab. Der Mann, dem bis anhin seine schlechten Zeitfahrqualitäten im Kampf um das Gesamtklassement (er gewann erst die Gesamtwertung der Tour de Luxemburg) stets zum Verhängnis geworden waren, freute sich über den bisher wichtigsten Erfolg seiner Karriere: «Der gibt mir für die Tour de France sehr viel Selbstvertrauen. Ich weiss nun, dass sich die Arbeit, die ich investiert habe, gelohnt hat.»

Genesungswünsche an Kirchen

Im Moment des Triumphs vergass der Tour-de-Suisse-Gesamtsieger nicht, seinem Landsmann Kim Kirchen, der am Freitag einen Herzstillstand erlitten hatte, seine besten Genesungswünsche auszusprechen. «Ich wünsche ihm und seiner Frau, die am Donnerstag Zwillinge auf die Welt bringen wird, viel Kraft. Ich bin erst kürzlich selber Vater einer Tochter geworden. Entsprechend kann ich nachfühlen, wie schwierig die Situation für die Familie sein muss», sagte der sichtlich bewegte Fränk Schleck mit brüchiger Stimme und machte klar, wie nahe beieinander Freud und Leid liegen können.