Federer und die Unterstützung aus dem Wohnzimmer

Roger Federer gegen Andy Roddick. Dieses «Herzschlag-Finale» des diesjährigen Wimbledon-Turniers bescherte dem Schweizer Fernsehen Rekord-Quoten. a-z.ch/news war in einem Wohnzimmer dabei, wo mit dem Tennis-Star nicht nur mitgefiebert, sondern auch aktiv ins Spiel des Meisters eingegriffen wurde.

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Fedi

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Keystone

Sonntag, 14.50 Uhr Schweizer Zeit. Es steht an: Das wichtigste Tennis-Match der Geschichte. Zehn Freunde, zwischen 23 und 26 Jahre alt, versammeln sich in einer Aarauer Wohngemeinschaft, um Sport-Geschichte hautnah mitzuerleben. Roger Federer, ihr aller Gott, Idol und König, mit dem man schon alle Höhen und Tiefen mitgemacht hat, trifft im Wimbledon-Final auf seinen langjährigen Weggefährten Andy Roddick.

Die Meinungen der Runde in Aarau stimmen mit den Prognosen der Buchmacher in London überein: Klare Sache für King Roger. Drei Sätze. Es fallen gar Prognosen wie 6:1, 6:1, 6:1, welche aber schnell verworfen werden. Denn Roddick spielt stark. Serviert unglaublich gut. Federer aber bleibt dran, serviert seinerseits genauso gut. Der erste Satz geht überraschend an Andy Roddick. Ein Ausrutscher, ist man in der Runde sicher. Man geht nach draussen, um zu rauchen, die Nervosität und die Angst, dass King Roger das Match eventuell verlieren könnte, soll verfliegen.

Federer macht Fehler. Viele Fehler für seine Verhältnisse. Roddick zeigt keine Schwächen. Die Angst steigt wieder. Der Aberglaube beginnt Überhand zu nehmen. Geklatscht wird nicht mehr, wenn der Ball im Spiel ist.

Stefan* klatscht nach einem Federer-Punkt als Einziger. Von nun an, darüber ist sich die Runde einig, klatscht nur noch Stefan. Er wird wirsch dazu aufgefordert. Federers und des ganzen Tennis' Schicksal hängt an seinem Klatschen. Stefan fügt sich. Doch als Federer nach einem Stefan-Klatschen plötzlich einen Punkt verliert, müssen andere Wege gefunden werden, dem Tennis-Gott zu huldigen und Federer dieses Match gewinnen zu lassen. Man schaltet um auf BBC. Dort scheint Federer anfänglich besser zu spielen. Als er aber eine weiter seiner sonst so geschmeidigen Vorhände unerzwungen ins Aus setzt, schaltet man wieder zurück zu Stefan Bürer und Heinz «Günti» Günthardt.

Federer liegt 2:6 im Tiebreak des zweiten Satzes zurück. Es hilft nur noch eins: Martin* muss wieder (wie schon an den French-Open) unter den Rahmen der Küchentüre, was offenbar besonders Glück bringt. Prompt macht Federer sechs Punkte in Folge und holt sich den Satzausgleich. Die Runde ist sich wieder sicher: Man beeinflusst das Spiel des Meisters entscheidend mit derartigen Aktionen.

Doch das Spiel gewinnt weiter an Spannung. Federers Fehler werden nicht weniger. Immerhin serviert er weiter gut. Doch es ist Roddick, der die Zauberschläge macht. Was ist, wenn Roger verliert? Federer holt den dritten Satz sicher im Tiebreak. Den vierten holt sich Roddick mit seinem zweiten Break. Federer konnte noch nicht breaken. Wie soll er auch, so beinhart und konsequent schlägt der Amerikaner auf.

Gewisse Stimmen in der Runde beginnen zu zweifeln. Wieder muss Hand angelegt werden, um Roger unter die Arme zu greifen. Man holt aus der Gefriertruhe die handvoll Reis, die dort seit Rogers Roland-Garros-Triumph sauber beschriftet eingefroren liegt. Das Reis wird vorsichtig und höchst zeremoniell auf dem TV-Möbel verstreut. Doch der gewünschte Effekt bleibt noch aus. Beide Spieler, sowohl Federer, als auch Roddick, sehen keine Chance, das Match zu beenden. Die Aufschläge sind einfach zu gut. In gebetsähnlichen Zuständen sitzt die Runde vor dem Flachbildschirm und hofft, die Nerven aufs Äusserste angespannt, auf einen Fedi-Sieg.

Stefans Freundin schaut vorbei. Sie sieht einen Haufen Irrer und macht nach zwei Minuten kopfschüttelnd einen Abgang.

Bei 10:10 im Entscheidungssatz kommt die Idee auf, dass Roger mehr geholfen wäre, wenn er die Verbundenheit besser spüren könnte. Jeder aus der Runde muss mindestens zwei persönliche Gegenstände feierlich aufs TV-Möbel legen. Nur so kann die geballte Willenskraft auf den Centre-Court gelangen.

Und siehe da. Im 77. Spiel verhaut Roddick doch noch zwei, drei Bälle. Federer hat Championship-Point. Alle zehn Fans bereiten sich vor. Die Gläser auf dem Sofatisch werden weggeräumt, dass bei den Feierlichkeiten nichts kaputt geht. Dann, Return Federer, Roddick knallt der Ball an den Rahmen und ins Aus. Jetzt brechen alle Dämme. Es wird gejubelt, geschrieen, getanzt und gesprungen. Man umarmt sich, jeder jeden. Der Sieger heisst Roger Federer.

Wie er gewonnen hat, ist nun eigentlich egal. Aber man ist sich sicher: Ohne die Unterstützung aus Aarau hätte es nicht geklappt, mit dem Umschreiben der Sport-Geschichte.

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