Es tönt wie ein modernes Märchen: Es war einmal ein Schweizer Springreiter, der zu den Besten seiner Gilde zählte. Er war fünffacher Schweizer Meister und gewann sechs Team-EM-Medaillen. Dann, 1990, trat er unfreiwillig von der grossen Bühne ab; ihm fehlten die Pferde, um ganz vorne mithalten zu können. Der Reiter versank, könnte man sagen, in einem Dornröschenschlaf.

Nun, 26 Jahre später, wird er von einem Mäzen wachgerüttelt: Er bekommt wieder ein Top-Pferd unter den Sattel, erhält die lang ersehnte Chance seines Lebens auf ein Comeback.
Der Mäzen heisst Thomas Straumann. Der Basler Unternehmer zählt gemäss «Bilanz»-Ranking zu den 140 reichsten Schweizern.

Das Pferd heisst Fine Fleur du Marais. Die elfjährige Schimmelstute stand zuletzt im August an den Olympischen Spielen in Rio unter Cassio Rivetti im Einsatz. Seit einigen Wochen gehört sie Straumann.

Der Reiter heisst Walter Gabathuler, 62. «Doch», sagt er, wie er schnellen Schrittes über das Hofgut Kaltenherberge bei Kandern (DE) eilt, wo Straumann seine Pferde eingestellt hat. «Doch, es ist schon ein kleines Märchen, das für mich jetzt wahr wird.»

Walter Gabathuler holte an den Olympischen Sommerspielen in Seoul 1988 den 7. Platz in der Teamwertung

Walter Gabathuler holte an den Olympischen Sommerspielen in Seoul 1988 den 7. Platz in der Teamwertung

Darauf gehofft, dass er es noch einmal schafft, dass er quasi den Sechser im Pferde-Lotto zieht, hat er immer. Insgeheim hat er auch die ganzen 26 Jahre daran geglaubt – und dafür viel Zeit und Energie investiert. Er hat in seinem Ausbildungs- und Pensionsstall im aargauischen Wallbach, den er zusammen mit seiner Frau Rosmarie führt, Pferd um Pferd aufgebaut, junge Pferde nachgezogen und war all die Jahre bei nationalen Turnieren mit von der Partie – doch ganz nach oben, an die Weltspitze, reichte es ihm nicht mehr. «Irgendwann standen wir immer an.»

Der Anruf kam unverhofft

Das «Heimweh in den Springzirkus», wie Gabathuler das Ziehen in jeder Faser nennt, wurde nie kleiner – und so deponierte er im letzten Jahr bei Richard Bayha, dem Besitzer des Hofgutes Kaltenherberge, er stünde bereit, sollte Thomas Straumann einen Reiter suchen.
Das Telefon von Straumann, der Gabathuler stets schätzte, kam im Spätsommer. «Ich war dann im ersten Moment doch baff», erzählt Gabathuler. Zweimal überlegen musste er es sich nicht. Er besprach das Angebot gleichentags mit seiner Frau, an der in Zukunft mehr Arbeit im heimischen Stall hängenbleiben wird. Er lacht. «Sie gab grünes Licht.» Für die Operation Comeback.

Walter Gabathuler pflegt Schimmelstute Fine Fleur du Marais

Walter Gabathuler pflegt Schimmelstute Fine Fleur du Marais

Von da an ging alles schnell. Gabathuler und Straumann schauten sich einige Pferde an, wurden im dritten Anlauf fündig. «Das Gefühl auf Fine Fleur du Marais war vom ersten Moment an sehr gut», sagt Gabathuler. «Wir harmonierten sofort.» Zusammen mit dem neunjährigen Schimmel-Wallach Silver Surfer, «einem Versprechen für die Zukunft», kam Fine Fleur du Marais vor gut einem Monat auf Kaltenherberge.

Ein weiter Weg

Dass der Weg zurück an die Spitze noch weit und steinig ist, weiss Gabathuler. Auch, dass manche denken: Der muss ja verrückt sein, wenn er glaubt, den Anschluss mit 62 nochmals zu schaffen. Gabathuler lacht. «Etwas verrückt muss man schon sein, sonst wagt man einen solchen Schritt nicht.» Das Alter hält er hingegen für unproblematisch. «Ich bin zum Glück noch fit und im Springsport ist die Routine ein wichtiger Faktor.» Vom Alter her könne er «noch das eine oder andere Jährchen mithalten».

Einen Monat reitet Gabathuler Fine Fleur du Marais inzwischen. «Es hat sich gut angelassen.» Auch mit den ersten Einsätzen am 2-Sterne-CSI in Oldenburg ist er zufrieden. Er weiss aber auch: Bis die Harmonie stimmt, bis Reiter und Pferd eins sind, braucht es vier bis sechs Monate. «Diese Zeit nehme ich mir», sagt er. Und die Zeit hat er: Straumann erwartet nicht, dass Gabathuler schon bei den ersten Einsätzen ganz nach vorne springt. Dies gilt auch für den CSI in Basel am 15. Januar 2017, dem Heimspiel für Thomas Straumann. Gabathuler kann hier mit einer Wildcard starten. «Ich will eine gute Vorstellung abgeben», nennt er seine Zielsetzung. «Schön wäre eine Klassierung.»

Walter Gabathuler mit Fine Fleur du Marais

Walter Gabathuler mit Fine Fleur du Marais

Das ist Gabathuler, wie man ihn von früher kennt. Understatement. Er war am Springplatz stets der leise, etwas introvertierte Sportler, der es nie nötig hatte, mit seinen Erfolgen zu prahlen. Er sass – und sitzt – derart ruhig auf dem Pferd, dass man als Zuschauer unweigerlich das Gefühl hat: Das kann nicht schnell sein. Ist es aber.

Gabathuler gilt als feinfühliger Reiter, der in heiklen Situationen oft Nerven aus Stahl bewies. Ja, sagt er, tätschelt Fine Fleur du Marais, der ebenso verspielten wie anhänglichen (und natürlich Belohungswürfel-versessenen) Stute den Hals. Ja, mental sei er zum Glück stark. «Ich glaube fest daran, dass es klappt.» Und: «Nervosität kenne ich nicht.» Wenn er im Parcours steht, dann versinkt alles um ihn herum im Duktus der Unschärfe, dann gibt es nur noch ihn, sein Pferd und den Parcours.

Fine Fleur du Marais spielt da mit: «Die Stute ist sofort im Wettkampfmodus, wenn wir in den Parcours reiten.» Er schmunzelt. Bei der Arbeit dagegen müsse er sie zuerst stets motivieren, mitzumachen.

Olympia 2020 als Ziel

Typisch gabathulerisch fällt auch die Antwort auf die Frage, was denn seine Ziele seien, aus. «Ich kann nicht sagen: Ich will da hin, denn da muss das Pferd auch mitspielen.» Es gehe nun darum, sich national zu bewähren und, so hofft er, so auch wieder an seinen einstigen Lieblingsturnieren – dazu zählen Aachen und St. Gallen – mitreiten zu können.

Und wie steht es mit den grossen Träumen? Eine Teilnahme bei Olympia 2020 in Tokio etwa? Gabathuler blickt verschmitzt über das Hofgut. «Als Ziel habe ich das im Hinterkopf, auch wenn das etwas verrückt klingen mag», sagt er. «Ob es auch klappt, steht in den Sternen.» Oder besser: auf dem Pferderücken.

Auf diesen wird er, so hofft er, noch viele Jahre sitzen. Ein Walter Gabathuler ohne Pferd, «das ist undenkbar». Sagts, und taucht in den Dunst des kalten Morgens ein. Das nächste Pferd reiten.