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Ex-Radprofi Sven Montgomery: «Sport hat sich stark gewandelt»

Am Montag fährt der Tour-Tross 200 Meter an Montgomerys Haus vorbei.

Am Montag fährt der Tour-Tross 200 Meter an Montgomerys Haus vorbei.

Sven Montgomery fuhr viermal die Tour de France und kümmert sich heute im Verband um die Stars von Morgen. In seiner Freizeit leitet er den Berner Veloclub, dem Fabian Cancellara seit Karrierebeginn die Treue hält. Der Berner Ex-Profi erklärt Reiz und Wirkung der Tour de France.

Sven Montgomery, in Bern herrscht Ausnahmezustand wegen der Tour-de- France-Ankunft am Montag. Wieso dieser Hype um ein Velorennen?

Sven Montgomery: Weil es eben das weltgrösste Velorennen ist. Die Tour de France ist der wichtigste jährlich stattfindende Sportanlass. Und weil es für Bern eine wohl einmalige Geschichte sein wird. Es ist das erste Mal, dass die Tour in der Schweizer Hauptstadt Halt macht und das wird sich nicht so schnell wiederholen. Für die Stadt Bern ist es ein hervorragendes Mittel, um sich in der ganzen Welt zu präsentieren.

Keine andere Sportart wurde in den letzten Jahren durch Doping-Geschichten so gebeutelt. Trotzdem kehrten ihr die Zuschauer nie den Rücken. Das erscheint paradox?

Wenn Doping das wichtigste Kriterium dafür wäre, müsste man den Profisport gänzlich einstellen. Wo es im Sport um viel Geld geht, gibt es die Tendenz zu betrügen. Der Radsport hat aber seine Hausaufgaben in den letzten Jahren gemacht und intern gewaltig aufgeräumt. Die Sportart hat sich sehr stark gewandelt und kann heute für andere Disziplinen durchaus als Vorbild dienen. Natürlich war der Leidensdruck entsprechend gross, denn die Zuschauer, die Sponsoren und die Medien haben dem Radsport zwischenzeitlich durchaus den Rücken zugekehrt. Ich denke an Deutschland, wo er noch vor kurzem am Boden lag. Der Druck der Öffentlichkeit hatte auf jeden Fall eine reinigende Wirkung.

Sie engagieren sich im OK der Berner Etappe. Was machen Sie?

Ich bin im erweiterten OK. Ich organisiere zusammen mit Swiss Cycling am Tour-Fest von morgen Sonntag diverse der vorgesehenen Breitensportanlässe, etwa den Hill-Sprint oder das 600 Meter lange Zeitfahren zur kleinen Schanze rauf.

Die Tour-Karawane zieht schnell von Bern aus weiter. Was bleibt?

Die Erinnerung an viel Arbeit (lacht). Swiss Cycling hofft, sich im grössten Schaufenster des Radsports präsentieren zu können. Und die Stadt Bern kann sich als touristisch interessantes Ziel vermarkten. Das Wetter soll gut werden, es wird im Fernsehen wunderbare Bilder geben. Eine Werbekampagne mit gleicher Reichweite wäre wohl massiv teurer.

Sehen Sie durch eine solche Tour-Ankunft einen langfristigen Nutzen für die Nachwuchsförderung im Schweizer Radrennsport?

Ich hoffe, wir bringen den einen oder anderen Jugendlichen zum Träumen. Es ist ein wunderbares Schaufenster, doch drei Tage Tour de France in der Schweiz reichen nicht, um den Nachwuchs nachhaltig zu beeinflussen. Dafür braucht es weiterhin die Arbeit an der Basis in den vielen Veloclubs.

Nachdem vor einem Jahrzehnt ein starker Trend weg von der Strasse hin zum Mountainbike auszumachen war und für die Zukunft des Schweizer Radrennsports düstere Prognosen abgegeben wurden, scheint sich das Blatt nun gewendet zu haben. Wie ist das zu erklären?

Es bleibt eine Tatsache, dass die Startfelder in den Strassenrennen kleiner sind als vor 15 Jahren. Aber die Situation hat sich stabilisiert. Dazu beigetragen hat, dass Swiss Cycling auf eine polyvalente Ausbildung setzt. Die jungen Talente in den Kadern werden auf der Strasse, beim Mountainbike und auf der Bahn gefördert. Wir wollen nicht, dass sie sich zu früh auf eine Disziplin fokussieren.

Die Ankunft in Bern soll eine Art Triumph-Fahrt für Fabian Cancellara werden. Lässt man ihn am Montag in seiner Heimat gewinnen?

Nein, definitiv nicht. Doch die Chancen auf den Sieg sind natürlich da. Das Etappenfinale kommt Fäbu entgegen, der Kurzaufstieg im Aargauerstalden ist auf einen Fahrertyp wie ihn zugeschnitten und wird die reinen Sprinter bremsen. Dass Cancellara von Bern kommt, besonders motiviert sein wird und das Etappenfinale auf ihn zugeschnitten ist, wissen auch seine Gegner. Er wird nicht nur bei den Zuschauern unter besonderer Beobachtung stehen (lacht).

Sie haben die Tour de France in den letzten Tagen hautnah begleitet. Ihre Eindrücke vom Rennverlauf?

Es ist eine spezielle Tour mit viel weniger Stürzen als erwartet. Als hätten die Fahrer vermehrt wieder ihr Hirn eingeschaltet. Im Gesamtklassement ist das Rennen eng wie lange nicht mehr. Ich habe das Gefühl, die Tour bleibt bis zum Schluss spannend.

Befürchtungen gab es wegen der Terrorgefahr. Haben Sie irgendetwas von den verstärkten Sicherheitsmassnahmen mitbekommen?

Ja, das habe ich. Überall finden Security-Checks statt. Wenn man in einen abgesperrten Bereich will, wird man mit einem Metall-Detektor abgetastet und das Gepäck wird durchsucht. Das macht alles ein wenig komplizierter.

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Sven Montgomery war von 1998 bis 2006 Profiradrennfahrer und startete viermal an der Tour de France. Heute arbeitet der Präsident des Veloclubs «Ciclo International Ostermundigen» beim nationalen Verband Swiss Cycling als Nachwuchs- und Ausbildungschef. Zudem kommentiert der Berner seit 2011 fürs Schweizer Fernsehen als Experte Velorennen.

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