Es geschah diesen Sommer. Ohne Vorwarnung. Die zweifache Europameisterin am Sprung hatte die Schrauben verlernt. Eine ging noch. Eineinhalb oder gar zwei Rotationen: Fehlanzeige. Giulia Steingruber fehlte die Orientierung, die Koordination. Das Gefühl für den Bewegungsablauf, obwohl tausendfach geübt, war weg.

Es ist beunruhigend, wenn auf einmal etwas nicht mehr klappt, dass früher immer reibungslos, fast automatisch funktioniert hat. «Die Blockade hat mich verunsichert», gibt Giulia Steingruber zu. Dieser Zustand dauerte mehrere Wochen, zwang sie zu einer Trainingspause.

Phänomen nicht unbekannt

«Lost Move Syndrome nennt man das bei den Trampolinturnern», sagt Felix Stingelin, Chef Spitzensport des Schweizerischen Turnverbands. Ob diese Diagnose auch bei Steingruber zutrifft, ist ungewiss. Doch das Phänomen ist im Sport nicht unbekannt. Trampolinturner kennen es, Stabhochspringer, die ständig den Anlauf abbrechen, oder eben auch Kunstturner. Vor allem in der Wachstumsphase, wenn sich die Hebel verändern, kommt es zu dieser Unsicherheit. Doch weshalb genau die 20-jährige Ostschweizerin davon betroffen war, ist ein Rätsel.

Eine mentale Blockade

Steingruber selbst sprich von einer mentalen Blockade. Und gibt mit Blick auf die kommenden Weltmeisterschaften in China (3. bis 12. Oktober) Entwarnung. «Alles spielte sich im Kopf ab. Jetzt ist die Blockade gelöst und stellt kein Problem mehr dar.»

Die Hilfe eines Mentaltrainers nahm sie nicht in Anspruch. Stattdessen konzentrierte sie sich im Training auf Basiselemente. «Manchmal muss man einen Schritt zurück gehen, um dann zwei Schritte nach vorne zu machen», sagen Steingruber und Trainer Zoltan Jordanov unisono.

Wertvolle Zeit ging verloren

Jordanov, Cheftrainer der Schweizer Frauen, will nichts von mentalen Problemen seines Schützlings wissen. «Es waren schlicht und einfach koordinative Probleme», sagt er, «so etwas kann passieren und ist nichts ungewöhnliches.» Dumm war nur, dass das Schrauben-Problem wertvolle Zeit gekostet habe.

Nach den Europameisterschaften im Mai wollte Steingruber den Schwierigkeitsgrad beim Tschussowitina, ihrem Paradesprung, erhöhen. Dieses Unterfangen fiel ins Wasser. Tragisch ist das nicht, denn die Weltmeisterschaften in Nanning geniessen nicht den höchsten Stellenwert. «Wichtig sind die Weltmeisterschaften 2015 in Glasgow», blickt Steingruber voraus. Dann beginnt der Qualifikationszyklus für die Olympischen Spiele 2016 in Rio.

Nach Rang 5 und 4 nun aufs Podest?

Doch was liegt für Steingruber, die im März die Fernmatura in Angriff genommen hat, in China drin? Nach Rang 5 an der vorletzten und Rang 4 an der letzen WM wäre nun ein Podestplatz im Sprung naheliegend. «Ich denke noch nicht daran, was im Final alles passieren kann», sagt Steingruber, «für mich ist der Quali-Wettkampf der Tag X.» Wenn an diesem 5. Oktober alles gut läuft, sei das für sie, aber auch für das Schweizer Team wertvoll. Persönlich strebt die Schweizer Sportlerin des Jahres 2013 die Finalqualifikation im Mehrkampf, im Sprung und am Boden an.

Besser als vor einem Jahr

Zoltan Jordanov ist überzeugt, dass Steingruber besser turnt als vor einem Jahr. Für den Sprungfinal sind der Tschussowitina und der Jurtschenko mit zwei Schrauben geplant. Was die Gossauerin in der Qualifikation zeigt, hängt auch von der Konkurrenz ab. Diese werde man beim Podiumstraining genau studieren und dann das Risiko anpassen, sagt Jordanov.

Ein Männersprung hält Einzug

Klar ist: Die Konkurrenz schläft nicht. «Selbst zwei perfekte Sprünge sind keine Medaillen-Garantie», weiss Steingruber, die mit dem Tschussowitina und dem Jurtschenko die gleichen Sprünge zeigt wie vor einem Jahr an den Weltmeisterschaften in Antwerpen. Zwei Turnerinnen sollen sich sogar am Roche (Überschlag mit Doppelsalto gehockt) versuchen. Bisher hat noch keine Frau diesen Männersprung in einem grossen Wettkampf gestanden. Spitzensportchef Stingelin spricht in diesem Zusammenhang von «Kamikaze-Turnerinnen». Er weiss aber auch: «Aus eigener Kraft wird es für Giulia schwierig, eine Medaille zu erreichen.»