Das Berner Tourismusbüro leistet sich unfreiwillig einen Scherz. Beim Empfangszentrum werden gratis Erfrischungstüchlein abgegeben. Abgebildet ist ein Bär, der bei offensichtlich heissem Wetter wohlig badet, und aufgedruckt der Spruch «Bern erfrischt sie». Einige Gäste haben fast ein wenig zornig auf dieses originelle Geschenk reagiert. Denn Bern erfrischt tatsächlich. Mit der kältesten Eiskunstlauf-Europameisterschaft seit Menschengedenken.

Sandra Stevenson ist eine feine britische Lady. Sie berichtet seit 1968 über alle internationalen Meisterschaften. Aber so kalt wie in der Post-Finance-Arena sei es noch nie gewesen. Auch nicht bei den letzten Freilufttitelkämpfen 1967 in Wien. «Da haben die Läuferinnen und Läufer mit Schirmen trainiert. Weil es geregnet hat.»

Ferien in Bern

Die Temperaturen liegen im Tempel etwa drei Grad unter der Aussentemperatur von rund acht Grad. Aber Frau Stevenson nimmt die Kälte mit Gelassenheit und mag nicht jammern. «Es ist halt jetzt eine Generation herangewachsen, die sich Kälte nicht mehr gewohnt ist ...» Es ist schon ungewohnt, bei diesen tiefen Temperaturen sechs bis sieben Stunden im Tempel auszuharren. Eine ältere Dame aus Deutschland sagt, sie habe sich noch einmal eine Eiskunstlauf-EM geleistet und eine Woche Ferien in Bern gebucht. Aber nun reise sie ab. Sofort. Zu kalt.

Dabei haben die Organisatoren alles unternommen, damit es den Besuchern nicht nur ums Herz warm wird. Aus dem Armee-Logistikzentrum Thun sind 2000 Militärwolldecken herangekarrt worden. Wer ins Stadion kommt, kann eine dieser Decken haben. Aber es wird da und dort gemault, das sei ja wie wenn in einem Katastrophengebiet Wolldecken an die Menschen verteilt werden.

Training in der Sauna

Die Kälte scheint indes eher ein Problem für Zuschauer zu sein. Nicht der Athleten. Robin Cousins (53), der britische Olympiasieger von 1980, der heute als TV-Kommentator arbeitet, bringt es auf den Punkt: «Eiskunstlaufen ist ein Wintersport und findet auf Eis statt. Eis ist kalt. Das Aufwärmen vor dem Wettkampf ist überhaupt kein Problem.

Es stimmt zwar, dass es hier in Bern so kalt ist wie seit Menschengedenken nicht mehr. Aber es gibt schon mal Trainingshallen mit diesen Temperaturen. Als Trainer pflegte ich jenen, die sich bei mir über Kälte beklagten, zu sagen: «Dann geh nach Hause, du taugst nicht für den Wintersport.» Cousins erzählt, bei seinen ersten Olympischen Spielen 1976 in Innsbruck habe man sogar unter freiem Himmel trainiert und da sei es so zugig gewesen, dass ihn der Wind über die Eisbahn geschoben habe. Solche garstigen Trainingsverhältnisse gibt es hier in Bern nicht. Das Ausseneisfeld ist mit einem Zelt überdacht worden und drin ist es etwa 16 Grad warm. Dieses Trainingszelt wird «Sauna» genannt.

Wer hier im Tempel richtig angezogen ist – und es braucht nicht einmal lange Unterhosen– hat mit den tiefen Temperaturen keine Schwierigkeiten. Ganz im Gegenteil. Die Stimmung mahnt an ein Winterwunderland, und in einem Winterwunderland muss es kalt sein. Der Eishockey-Tempel ist von allem, was an den Rumpelsport Eishockey mahnt, gereinigt worden.

Genug Platz für alle

Alle Linien und alle Werbeaufschriften sind von der Eisfläche verschwunden, und weiss und jungfräulich und schön präsentiert sich der spiegelglatte Tanzboden wie die Oberfläche eines Märchensees. Zu schöner Musik huschen Menschen elegant und scheinbar schwerelos über dieses Eis. Der Applaus ist warm und herzlich.

Kein Gedränge, keine Hektik, alle Beizen offen und warm, und überall ist genug Platz. Sogar die Lautsprecherdurchsagen sind leiser, der wunderbaren Stimmung angepasst. Es dürften knapp 5000 Zuschauer da sein. Mehr als 20000 Tickets sind schon verkauft und die für ein ausgeglichenes Budget notwendigen 25000 Eintritte werden erreicht.

Um ehrlich zu sein: Es würde die Stimmung verderben, wenn die PostFinance-Arena geheizt würde. Die Temperatur sollte unbedingt sogar noch ein paar Grad abgesenkt werden. Es ist zu warm im Eishockeytempel.