Tobias Karlsson ist das, was man einen echten Kerl nennt. 1,96 m gross. 102 Kilo schwer. Vollbart. Hände wie Bratpfannen, mit denen er harte, ehrliche Arbeit verrichtet. Schliesslich gilt der 34-Jährige als einer der besten Defensivspieler im Welthandball. Und Handball ist nun mal kein Sport für zarte Pflanzen. Gleichwohl ist Karlsson kein dumpfbackiger Macho. Denn als Captain des schwedischen Nationalteams ist es ihm ein Anliegen, «wofür wir im schwedischen Handballsport stehen». Nämlich für Toleranz und Gleichbehandlung aller Menschen.

Aus diesem Grund wollte Karlsson an der Europameisterschaft, die derzeit in Polen stattfindet, mit einer regenbogenfarbenen Captain-Binde spielen. Zur Erinnerung: Die Regenbogenfahne gilt als internationales Symbol der Lesben- und Schwulenbewegung. Auf die Idee hat Karlsson sein Landsmann Johan Jepson gebracht. Auch er ein Handballspieler. Auch er als Captain des schwedischen Klubs Kristianstad eine Leaderfigur. Jepson, der seit Monaten die regenbogenfarbene Captainbinde trägt, fragte Karlsson, ob es ihm dieser in der Nationalmannschaft gleichtun würde. Karlsson fand es eine gute Idee.

Das Verbot in letzter Sekunde

Doch einen Tag vor Beginn der EM legte der Europäische Handballverband (EHF) sein Veto ein. Mit der Begründung, wonach die Captainbinde Teil der Spielkleidung sei und deshalb nur einfarbig oder in den Nationalfarben sein dürfe. Irritierend an dieser Argumentation: Jepson hatte die regenbogenfarbene Binde auch in der Champions League – wie die EM auch ein EHF-Wettbewerb – getragen, und keiner hatte etwas dagegen.

Gestern erklärte der EHF-Präsident Jean Brihault: «Wenn wir einmal ein politisches Statement zulassen, müssen wir alle weiteren auch zulassen.» Absurd: Als wäre die Regenbogenfahne beispielsweise gleichzusetzen mit dem Hakenkreuz. Oder ist der Verdacht, dass die harmlosen Regenbogenfarben einflussreichen Kreisen mehr als nur ein Dorn im Auge sind, doch nicht so unbegründet?

Insbesondere im erzkonservativen Polen, das zudem noch heftig nach rechts gerutscht ist und wo Homophobie quasi als Volkssport betrieben wird. Auch wenn Brihault gebetsmühlenartig betont, dass der Gastgeber Polen in dieser Causa keinen Einfluss auf die EHF ausgeübt habe, wirken seine Worte wenig glaubwürdig.

«Das ist traurig», sagt Karlsson. «Warum lässt man uns nicht unseren Standpunkt zu einer Frage, wie man Mitmenschen behandeln soll, zum Ausdruck bringen?» Einen Punktsieg hat er gleichwohl gelandet. Denn mit Verboten ist es häufig so eine Sache, wenn sie das Gegenteil bewirken. Statt das Thema auf Sparflamme zu reduzieren, pulverisierte der EHF mit seinem Verbot die regenbogenfarbene Captainbinde zum grossen Gesprächsthema der ersten EM-Tage. Und nebenbei auch noch zum Verkaufsschlager. Ironie der Geschichte: Die regenbogenfarbene Captainbinde wird in Polen hergestellt.