Mit Tischtennis füllt man in der Schweiz normalerweise keine Hallen. Selbst Spiele in der Nationalliga A werden teilweise vor fast leeren Rängen ausgetragen, das allgemeine Publikumsinteresse ist gering. Am vergangenen Wochenende sah das für einmal aber ganz anders aus. Das «DHS Swiss Table Tennis Open» in Lausanne ist der einzige Tischtennisanlass der Schweiz, wo die Zuschauer in Massen kommen, wo Spiele live im Fernsehen übertragen werden, wo sogar Eintritt verlangt werden kann. Das ist ungewöhnlich für ein Land, wo Tischtennis den Sprung vom Badi- zum Leistungssport noch nicht komplett geschafft hat.

In Lausanne wurde aber auch ein Niveau geboten, wie man es in der Schweiz ansonsten nie zu sehen bekommt. Insgesamt vier Spieler aus der Top 25 der Weltrangliste nahmen teil, mit dem Deutschen Dimitrij Owtcharow (WR 5) auch der beste Europäer überhaupt. Bereits drei Mal kam er als klarer Turnierfavorit ans Open, erst dieses Jahr konnte er sich schliesslich den Titel und die 6000 Franken Preisgeld sichern. Eine Summe, die verglichen mit dem grossen Bruder Tennis schon fast lächerlich klein wirkt.

Überraschend bis überragend

Auch die besten Schweizer Spieler wollten sich eine Teilnahme in Lausanne nicht entgehen lassen. Viel erwarten durfte man von ihnen jedoch nicht. Das Nationalkader ist ein junges Team, das nicht nur bezüglich Technik und Taktik, sondern auch hinsichtlich der Weltrangliste komplett abgeschlagen gegenüber der europäischen Spitze ist. Elia Schmid, der derzeit best klassierte Schweizer, liegt nur gerade auf Position 289, Rachel Moret bei den Frauen zumindest auf Platz 215. Die kollektiv guten Leistungen am vergangenen Wochenende können deshalb als positive Überraschungen gewertet werden. Und dass sich mit Moret und Lionel Weber (WR 322) gleich zwei Schweizer für die Hauptrunde qualifizieren konnten, gleicht gar einer kleinen Sensation.

Wieso die Schweiz im Vergleich mit anderen Ländern Europas niveaumässig derart abfällt, darauf konnten in Lausanne weder Funktionäre noch Spieler eine definitive Antwort geben. Es fehle unter anderem an Geld, an Medienpräsenz, an gesellschaftlicher Verankerung, glaubt Georg Silberschmidt, Verbandsverantwortlicher für den Leistungssport. In Deutschland beispielsweise gehöre Tischtennis zu den sieben populärsten Sportarten überhaupt, die besten Spieler würden in Talk- und Unterhaltungsshows eingeladen. «Das wirkt sich nicht nur auf die Anzahl Lizenzierungen im Breitensport, sondern auch auf die zur Verfügung stehenden finanziellen Mittel aus. Und das sind zwei essenzielle Dinge, die uns derzeit fehlen.»

Leistungssport dank Breitensport

Grosse Hoffnungen setzt der Verband deshalb in das neue Leistungssportkonzept, welches den definitiven Anschluss an die europäische Spitze ermöglichen soll. Dabei geht es nicht nur um das Schaffen von professionellen Trainingsbedingungen, sondern auch um das Generieren von finanziellen Mitteln über das Erhöhen der Lizenzgebühren im Breitensport. Es ist als Grundlage gedacht, um wieder einen Spieler in die Top 100 der Weltrangliste zu bringen und eine Teilnahme bei den Olympischen Spielen 2020 in Tokio zu garantieren. Davon profitiert auch der 19-jährige Lionel Weber stark, welcher am vergangenen Wochenende die klar beste Schweizer Leistung zeigte.

Weber trainiert momentan acht bis zehn Mal pro Woche, dazu kommen zahlreiche internationale Turniere und mehrwöchige Trainingslager. Diese Auslagen sind finanziell nur tragbar dank der Unterstützung des Verbands. «Ob es für mich persönlich je für einen Platz in der Top 100 reichen wird, das ist sehr schwer abschätzbar. Ich denke aber, dass wir in der Schweiz auf dem richtigen Weg sind», so Weber. Er bekam am vergangenen Wochenende einen ersten Eindruck davon, wie es wäre, wenn sich Tischtennis auch in der Schweiz von den Randsportarten lösen könnte. Vom Publikum wurde er frenetisch bejubelt, nach seinem knapp verlorenen Viertelfinalspiel gegen Stefan Fegerl (WR 23) durfte er gar Autogramme geben. Dinge, die man sich als Schweizer Tischtennisspieler ansonsten nicht gewohnt ist.

Dominierende Chinesen

Der Weg für die Schweizer an die Europa-Spitze ist lang. Der Weg an die Weltspitze ist aber noch um einiges länger. Denn dort dominieren seit Jahren die chinesischen Spieler – und an denen gibt es momentan kein Vorbeikommen – sie belegen die Weltranglistenplätze eins bis vier, gleich dahinter kommt auf Weltranglistenposition fünf Dimitrij Owtcharow, der Sieger des DHS Open. Als bester Europäer kommt er den Chinesen zwar am nächsten, ist aber trotzdem noch meilenweit von ihnen entfernt. Er scheitert an ihrem harten Spiel, an ihrem kulturellen Drill und an den absolut perfekten Trainingsbedingungen. In den vergangenen fünf Jahren konnte er nur ein einziges Spiel gegen einen einzigen der vier Chinesen gewinnen. Eine Quote, die für sich selbst spricht.

Genau wie die Schweizer Spieler, macht aber auch Owtcharow alles dafür, um endlich aufschliessen zu können. Aber so hart auch trainiert wird, so viel auch investiert wird: Nach Umbrüchen sieht es im Tischtennis derzeit schlichtweg nicht aus. Auch wenn es dem Sport wohl guttun würde.