Eine Familie im Fussball-Fieber

Bei den Rodriguez in Schwamendingen dreht sich alles um Fussball. Ihr Sohn steht mit der Schweizer U17 im WM-Final.

Marküs Brütsch (Text) und Keike Grasser (Fotos), Schwamendingen

«Geschafft! Wir sind im Final!», ruft der Fernsehreporter. Auch Marcela Rodriguez ist geschafft. Das Spiel hat Nerven gekostet, selbst wenn die Schweizer klar besser gewesen sind als die Kolumbianer und sich das 4:0 verdient haben. «So stolz, wie ich jetzt bin, kann man eigentlich gar nicht sein», sagt Marcela. Sie sitzt auf der Couch im Wohnzimmer und ist noch immer ganz aufgewühlt. Wie hat sie gejubelt, als ihr Sohn das 4:0 geschossen hat! «Sein drittes WM-Tor, und das als linker Aussenverteidiger! », sagt José, der Vater. Auch er ist beim Treffer des Filius aus dem Sessel geschnellt. Am nächsten Tag wird der Lagerist am Arbeitsplatz in Winterthur erneut eine Menge zu erzählen haben.

Als Marcela in der Halbzeitpause kurz aus dem Haus getreten ist, um ein bisschen Luft zu schnappen, ist deutlich geworden, was diese Weltmeisterschaft im fernen Nigeria für das ganze Auzelg-Quartier in Schwamendingen bedeutet. In diesem Schmelztiegel unterschiedlichster Nationalitäten am Stadtrand von Zürich wird der Erfolg der jungen Schweizer vermutlich ausgiebiger gefeiert als anderswo. «Ich gratuliere Ihnen, Frau Rodriguez!» sagt ein Mann, der vorbeispaziert. «Es sieht gut aus» ruft eine Nachbarin, «wir werden gewinnen!»

Hier im Quartier weiss man, dass mit Ricardo Rodriguez einer der ihren in Afrika dabei ist, Fussballgeschichte zu schreiben. Hundert Meter weiter, im Multi-Kulti-Supermarkt, haben sie extra eine Leinwand aufgestellt und dicht gedrängt verfolgen die Auzelgler das Spiel im heissen Lagos. Sie alle kennen Ricardo, und für viele von ihnen, vor allem für die Kids, ist er ein Held und ein Vorbild. Auch sie sind schön stolz auf den jungen Schweizer Nationalspieler, wissen aber vermutlich gar nicht, wie eng es geworden ist mit dem Schweizer Pass. Erst drei Wochen vor dem Turnier hat ihn Ricardo in den Händen gehabt.

Die Mutter ist Chilenin, vor 28 Jahren mit ihren Eltern und sechs Geschwistern aus Vina del Mar in die Schweiz gekommen. Und alle haben sich integriert und sind geblieben. Marcela arbeitet als Kinderbetreuerin im Hort. Auch dort sind Ricardo und die WM jeden Tag ein Thema. Vater José ist vor 22 Jahren aus Galicien im Norden Spaniens hergekommen. Ihm kann es nur recht sein, dass die Schweiz im Final am Sonntag nicht gegen Spanien, sondern gegen Nigeria spielt. «Ich hätte aber so oder so meinem Sohn die Daumen gedrückt », sagt José.

Schliesslich hat er mit seinem Erbgut viel Anteil daran, dass die Familie Rodriguez eine richtige Fussballfamilie ist. Vater José hat früher selber Fussball gespielt und denkt, wenn er auch so gute Voraussetzungen gehabt hätte wie seine Söhne, hätte er eine gute Karriere gemacht. Der 19-jährige Roberto ist der älteste. Er hat bei GC die Nachwuchsausbildung gemacht und ist jetzt an den FC Wil ausgeliehen. Er hat das Spiel nicht sehen können, weil er im Training gewesen ist. Dafür ist Francisco, der jüngste, mit ein paar Kumpels da gewesen. Francisco spielt beim FC Winterthur und pendelt viermal in der Woche zum Training dorthin. «Die WM mit meinem Bruder Ricardo, das sind für mich Emotionen pur», sagt Francisco. Nach dem Spiel ist er noch Fussball spielen gegangen. Auch er will Profi werden.

Für Ricardo liegen nun drei, vier Anfragen ausländischer Klubs vor. Aber er will vorderhand beim FCZ bleiben und eine Lehre auf dem Sekretariat in Angriff nehmen. Urs Fischer, sein Trainer in der FCZ-U21, schwärmt: «Er ist für sein Alter sehr abgebrüht.» Sein Onkel, Marcelo Araya, sagt: «Ricardo sagt immer, Gott mache ihn stark.» Am Schluss des Abends knallen die Korken: Marcela und José Rodriguez stossen auf ihr Glück an.

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