Europaspiele
Ein umstrittenes Land drängt nach Europa – und das ist erst der Anfang

Die Öl- und Erdgasvorkommen machen Aserbaidschan reich. Doch das Land im Südkaukasus wird von Ilham Alijew autokratisch regiert und steht wegen Menschenrechtsverletzungen in der Kritik. Die Sportler haben ihre Gründe, um gleichwohl mitzumachen.

Markus Brütsch
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Der Auftritt ist schon jetzt olympisch. Doch vorerst finden in Baku erst die Europaspiele statt.

Der Auftritt ist schon jetzt olympisch. Doch vorerst finden in Baku erst die Europaspiele statt.

KEYSTONE

Melonen. Berge von Melonen und eine Stadt, die unter diesen Kürbisgewächsen zu versinken drohte. Dies waren die ersten Bilder, welche die Schweizer Fussballer von Baku zu sehen bekamen. Sie waren stolz in einem Luxusjet der Petrol Air in Aserbaidschan eingeflogen, um zwei Tage später blamabel das WM-Ausscheidungsspiel zu verlieren.

Sie haben von ihren Gastgebern erfahren, dass es am Kaspischen Meer ein kleines Land gibt, das ein bisschen Fussball spielen kann und die grosse Hoffnung hat, dank grossen Ölvorkommen einmal steinreich zu werden.

Baku hat sich herausgeputzt

Knapp zwanzig Jahre später sind wieder Schweizer Sportler in Aserbaidschan zu Gast. Diesmal, um an den 1. Europaspielen teilzunehmen. Sie sehen ein anderes Land und eine andere Stadt als damals die Fussballer. Seit 2000 ist das Bruttoinlandprodukt um 340 Prozent gestiegen. Dank den sprudelnden Öl- und Erdgasmilliarden ist aus Baku eine moderne Metropole mit zwei Millionen Einwohnern geworden.

Missionschef Ralph Stöckli, früherer Spitzencurler und heutiger Chef Leistungssport bei Swiss Olympic, ist seit einer Woche in Vorderasien und meldet: «Wir sehen, dass sich Baku mit grossem Aufwand herausgeputzt hat.»

2 oder 10 Milliarden?

Aserbaidschan, 9,5 Millionen Einwohner und doppelt so gross wie die Schweiz, hat sich die Ausrichtung der Europaspiele viel kosten lassen. Ein Mitarbeiter der aserbaidschanischen Botschaft in Bern spricht von 2 Milliarden Euro, regierungskritische Organisationen von 10 Milliarden.

Das neue Baku-Nationalstadion bietet 67 000 Zuschauern Platz. «Die Infrastruktur ist bereit», berichtet Stöckli. «Zumindest von aussen gibt es viele Prunkbauten. Aserbaidschan möchte sich der Welt als junges Land in einem guten Licht präsentieren.» Seit 1991 und dem Zerfall der Sowjetunion ist es unabhängig.

Swiss Olympic ist zwar der Meinung gewesen, dass es die Kontinentalmeisterschaften nicht brauche, und hat gegen die Austragung gestimmt, ist in Baku aber im Hinblick auf die Olympischen Spiele 2016 in Rio gleichwohl am Start. Behauptungen, Aserbaidschan trage sämtliche Kosten aller Teilnehmer, weist Stöckli zurück. «Nicht alle Versprechungen wurden eingehalten.»

Aserbaidschan will nur helfen

Der aserbaidschanische Botschaftsmitarbeiter reagiert misstrauisch auf die Frage, weshalb sich sein kleines Land ein solch gigantisches Projekt erlaube. «Warum wollen Sie das wissen? Aber gut, ich sage es Ihnen: Wir helfen europäischen Ländern, die in einer Krise stecken und nicht in der Lage wären, einen solchen Event auf die Beine zu stellen.»

Doch in Aserbaidschan gibt es auch Menschen, die sich gegen die Europaspiele wehren. Nachdem die Historikerin Leyla Yunus Ende Juli 2014 das Prestigeobjekt kritisiert und zum Boykott aufgerufen hatte, auch wegen Geldverschwendung, wurde sie weggesperrt. Sie sitzt, wie geschätzt hundert andere Oppositionelle, noch immer im Gefängnis.

Staatsoberhaupt Ilham Alijew, Präsident des Nationalen Olympischen Komitees und Vizepräsident der staatlichen Ölgesellschaft, gilt als Autokrat, der das Land mit eiserner Hand regiert und die Pressefreiheit mit Füssen tritt. Seit August letzten Jahres findet der Journalist Emin Huseynov in der Schweizer Botschaft Zuflucht. Botschafter Pascal Aebischer steht derzeit für ein Interview nicht zur Verfügung.

Amnesty International darf nicht einreisen

Erst kürzlich hat Aserbaidschan, noch immer mit Armenien wegen der Enklave Berg-Karabach im Konflikt, die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa aufgefordert, ihre Vertretung im Land bis Anfang Juli zu verlassen. Amnesty International ist in dieser Woche die Einreise ins Land verweigert worden.

«Die Austragung der Europaspiele in Aserbaidschan hätte eine einmalige Gelegenheit geboten, um auf Verbesserungsmöglichkeiten im Menschenrechtsbereich hinzuweisen», sagt Lisa Salza von Amnesty International. Aber der europäische Sport schweigt und hofiert.

«Aserbaidschan ist ohne Frage eine Diktatur», sagte Willi Lemke, der deutsche Sport-Sonderberater des UN-Generalsekretärs dem «Kurier». «Doch ich sehe die Chance, dass sich in Ländern wie diesem mit dem Sport gesellschaftlich etwas verändern lässt. Die Medien dürften für eine kritische Berichterstattung sorgen, die es sonst nicht gegeben hätte.» Das sieht auch Stöckli so: «Der Sport kann Türöffner sein, damit das Scheinwerferlicht auf ein solches Land fällt.

Swiss Olympic ist nicht zufrieden

Aber der Sport darf nicht kannibalisiert werden, um politische Probleme zu lösen.» Swiss Olympic hat alle Delegationsmitglieder auf die Situation in Aserbaidschan aufmerksam gemacht und sensibilisiert. «Wir von Swiss Olympic haben eine klare Meinung, dass bei den Vergabekriterien etwas geändert werden muss, und haben dies gegenüber dem Internationalen und auch dem Europäischen Olympischen Komitee ganz deutlich geäussert», sagt Stöckli.

Nachdem die aserbaidschanische Botschaft auf ihrer Homepage die Berichterstattung deutscher Medien (FAZ, Tagesspiegel) als Schmutzkampagne gegeisselt hatte, wehrte sich einen Tag vor der Eröffnung der Europaspiele auch Gastgeber Aserbaidschan auf einer Pressekonferenz selbst gegen die laute Kritik. «Es gibt keine politischen Gefangenen in Aserbaidschan, sondern lediglich Menschen, die Verbrechen begangen haben», sagte der stellvertretende Premierminister Ali Hasanow.

Verschwindet Erdölgeld in den Taschen der Präsidentenfamilie?

Der vor zehn Jahren als politischer Flüchtling in die Schweiz gekommene Gasim Narimov, Präsident des Kulturvereins der Aserbaidschaner in der Schweiz, sagt: «Wie bei der Austragung des Eurovision Song Contests 2012 haben die Gäste die Chance, mit einer grossen Lupe auf Aserbaidschan zu schauen.»

Doch der 44-jährige Migrant, der früher als Erdölingenieur in seiner Heimat eine Raffinerie geleitet hatte, ärgert sich darüber, wenn Aserbaidschan von Ländern kritisiert werde, die selber gegen Menschenrechte verstossen wie etwa die USA in Ferguson oder Guantanamo.

«Es ist schon möglich, dass Erdölgeld in den Taschen der Präsidentenfamilie verschwindet. Unter dem Strich profitieren aber alle Aserbaidschaner von den Bodenschätzen», sagt Nasirov. «Es hat noch kein einziger aus wirtschaftlichen Gründen das Land verlassen.

Die Formel 1 kommt auch nach Aserbaidschan

Für Gasim Nasirov steht fest: Aserbaidschan wird weiter westwärts nach Europa drängen. Dazu gehört auch ein Auftritt als Sponsor des Fussballteams von Atlético Madrid, auf dessen Trikots mit dem Logo «Azerbaijan – Land of Fire « für Aserbaidschan geworben wird. Atlético soll dafür jährlich 20 Millionen Euro kassieren.

Nächstes Jahr wird in Aserbaidschan ein Formel-1-Rennen ausgetragen, 2020 stehen vier Spiele der Fussball-EM auf dem Programm. Es geht darum, weiter das Image aufzupolieren, immer weiter und Freundschaften zu kaufen. Zeigen, dass Aserbaidschan ein offenes, fortschrittliches Land ist und zu Europa und nicht zu Asien gehört. «Unser Ziel sind die Olympischen Spiele», sagt der Mitarbeiter der Botschaft in Bern.

Nach Almaty oder Peking vielleicht, nachdem demokratische Länder mit Städten wie Oslo, Stockholm, München oder auch Graubünden mit dem Gigantismus solcher Events nichts mehr zu tun haben wollen. Dazu passt: Holland, 2019 als Veranstalter der Europaspiele vorgesehen, hat diese Woche aus finanziellen Gründen die Segel gestrichen. In Aserbaidschan geht es derweil weiter. Und die Europaspiele sind erst der Anfang.