Orientierungslauf
Dunkle Wolken ziehen über dem OL-Himmel auf

Nach einem Jahrzehnt voller Erfolge kommen schwierigere Zeiten auf die Sportart zu. Noch ist der Vertrag mit dem Hauptsponsor nicht verlängert. Zudem ist der Rücktritt von «Markenbotschafterin» Simone Niggli absehbar.

Rainer Sommerhalder
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Einsam auf weiter Strecke, nur Simone Niggli ist für potenzielle Sponsoren interessant.

Einsam auf weiter Strecke, nur Simone Niggli ist für potenzielle Sponsoren interessant.

PHOTOPRESS/Alexandra Wey

Am Samstag geht mit den beiden Staffeln die Weltmeisterschaft der Orientierungsläufer in Lausanne zu Ende. Der OL gleicht derzeit einem sportlichen Eldorado. 60 Medaillen holten die Athletinnen und Athleten seit 2001 an Weltmeisterschaften. Zum Vergleich: In den 34 Jahren zuvor seit der ersten WM 1966 gab es für die Schweiz nur 17-mal Edelmetall.

Vor allem die vier Goldmedaillen von Simone Niggli an den Titelkämpfen 2003 in Rapperswil katapultierten die Sportart in den Fokus der Medien und machten die Bernerin zu einer der bekanntesten Schweizer Sportlerinnen. Doch nicht nur die bis heute 19-fache Weltmeisterin lockte den Sport aus dem tiefen Wald heraus. 2003 wurde die zwei Jahre zuvor eingeführte WM-Disziplin Sprint erstmals in urbanem Gelände ausgetragen.

Die 15-minütige Jagd durch Rapperswils Strassen und Gassen lockte für OL-Verhältnisse enorme Zuschauermassen an den oberen Zürichsee. In der ersten OL-Live-Übertragung im Schweizer Fernsehen sah man, wie das Publikum bei manchen Posten für Siegerin Simone Niggli und ihre Konkurrentinnen richtiggehend Spalier stand. «Die Heim-WM gab der Sportart in der Schweiz einen gewaltigen Schub», sagt Verbandspräsident Marcel Schiess.

Hauptsponsor zieht sich zurück

Seit Rapperswil feierte der Schweizer OL jedes Jahr mindestens eine Weltmeisterin oder einen Weltmeister. Dafür gesorgt hat auch das finanzielle Umfeld. Der Einstieg von Postfinance als Hauptsponsor nach der Heim-WM war für den OL ein Glücksfall. Ein Mehrfaches an Geld als zuvor bei Vorgängerin Credit Suisse floss in den Sport und ermöglichte auch den Athletinnen und Athleten eine professionelle Vorbereitung auf die jeweiligen Titelkämpfe. Der Hauptsponsor lässt sich das Engagement pro Jahr eine stattliche sechsstellige Summe kosten.

Damit könnte aber bald Schluss sein. Noch ist der Ende Jahr auslaufende Vertrag mit dem OL-Verband nicht verlängert. Die Postfinance will sich in Zukunft stärker aufs Kultursponsoring konzentrieren, ohne dass die Gesamtausgaben im Sponsoring erhöht werden. Die Karten zur Vertragsverlängerung lagen für den Verband trotz der im Schweizer Sport einzigartigen Erfolgsserie auch schon besser. Ein mögliches Szenario ist, dass man die Partnerschaft nochmals um ein Jahr – vielleicht im reduzierten Rahmen – verlängert, aber intern bereits den Ausstieg auf Ende 2013 signalisiert.

Rücktritt von Simone Niggli

Zudem wird Simone Niggli vielleicht schon in diesem Jahr, spätestens aber Ende 2013 zurücktreten. Mit dem Wegfall der «Markenbotschafterin» schlechthin verliert der Verband ein Ass im Ärmel, wenn es um darum geht, einen potenten Hauptsponsor an seiner Seite zu haben. Jeder in der Schweiz weiss, wer Niggli ist, doch wer ausserhalb der Szene kennt schon die Männer-Weltmeister Kyburz, Müller oder Merz?

Ab 2013 werden zudem die Gelder der öffentlichen Hand weniger stark fliesen, da der Verbandsbeitrag von Swiss Olympic rund 100000 Franken tiefer sein wird. Das neue Einteilungssystem der Sportarten sieht vor, dass nur noch olympische Disziplinen im Honig-Topf 1 sein können. Bislang war OL die einzige nichtolympische Sportart mit der höchsten Klassierung bei Swiss Olympic. Und nicht zuletzt droht auch der WM in Lausanne bei einem Budget von 4 Millionen ein empfindliches Defizit.

Die zuletzt in allen Bereichen vorangetriebene Professionalisierung der Sportart kostet Geld. Geld, das der Schweizer Verband vielleicht bald nicht mehr in diesem Rahmen haben wird. Abstriche in der Unterstützung der Athleten, bei der Grösse der Kader, bei der Entlöhnung der Trainer können die Folge sein. Und damit früher oder später wieder Resultate, wie sie vor dem Jahr 2001 üblich waren.

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Die erfolgreichen Schweizer beim Orientierungslauf Weltcup am 25. Juni in Oslo
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