Schwingen
Dringend gesucht: neue Eidgenossen für die Nordwestschweiz

Das Nordwestschweizer Fest am Sonntag in Allschwil ist Hauptprobe für das Eidgenössische in Burgdorf. Dort haben auch die Nordwestschweizer ein paar heisse Eisen im Feuer. Nur sind diese alle schon um die 30 Jahre alt. Nur wenige Talente rücken nach.

Martin Probst
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Bruno Gisler besiegt im Schlussgang auf dem Weissenstein den Innerschweizer Benji von Ah.keystone

Bruno Gisler besiegt im Schlussgang auf dem Weissenstein den Innerschweizer Benji von Ah.keystone

KEYSTONE

Etwas unruhig rutscht Stefan Strebel auf seinem Stuhl vor und zurück. Es ist nicht der Sonntag, der ihn nervös macht. Für das Nordwestschweizer Schwingfest in Allschwil ist er bereit. Mit Bruno Gisler hat der Technische Leiter des Teilverbandes einen Mann in seinen Reihen, der gewinnen kann, auch wenn mit Matthias Sempach der wohl stärkste Schwinger der Saison als Berner Gast teilnimmt.

Tickets werden teurer

Die Tickets für das Nordwestschweizer Schwingfest am Sonntag in Allschwil kosten zwischen 12 und 38 Franken. Schwingen ist ein Volkssport mit Volkspreisen. Für das Eigenössische Schwingfest in Burgdorf Ende August gelangten 4000 Tickets in den freien Verkauf. Längst ist das Fest ausverkauft. Trotz Preisen von bis zu 225 Franken pro Person für zwei Tage. «Wir erreichen nun definitiv eine Schmerzensgrenze», sagt Stefan Strebel, Technischer Leiter der Nordwestschweiz. «Der Besuch des Festes für eine Familie mit zwei Kindern ist kaum mehr zu bezahlen.» Die zunehmende Beliebtheit und Vermarktung des Schwingens zeigt hier seine Schattenseiten. Strebel ist zwar grundsätzlich dafür, dass sich das Schwingen öffnet, doch dürfe die Identität nicht verloren gehen. Für Strebel gibt es darum auch keinen Platz für vollberufliche Schwinger. «Ein Schwinger sollte von Montag bis Freitag im Betrieb arbeiten. Einzig eine Reduktion des Arbeitspensums vor wichtigen Anlässen sieht er als eine Alternative. (mpr)

Und selbst Ende August in Burgdorf, wenn die Schwinger am Eidgenössischen ihren König küren, zählt Gisler zu den Topfavoriten. Näher als in diesem Jahr war der Nordwestschweizer Verband dem Königstitel schon lange nicht mehr. «Bruno Gisler steht in Burgdorf im Schlussgang, da bin ich mir sicher», sagt Strebel. Warum also die Unruhe?

Es ist die fehlende Breite im Verband, die Strebel Sorge bereitet. Er hat Gisler, den Solothurner, der in diesem Jahr die starken Berner fordert und fast jeden der Königsfavoriten schon einmal auf den Rücken gelegt hat. Er hat die Aargauer Christoph Bieri und die Brüder Guido und Mario Thürig. Bieri leidet noch an den Folgen einer Verletzung. Die Thürigs tun sich in dieser Saison bisher schwer.

«Mir gehen die Eidgenossen aus», sagt Strebel. Eidgenossen, das sind Schwinger, die ein Eigenössisches im Kranzrang beendet haben. Vier hat Strebel noch in seinen Reihen. Guido Thürig ist 33, Gisler wird bald 30, Bieri und Mario Thürig sind 28. «Ich brauche in Burgdorf darum dringend einen Neueidgenossen», sagt Strebel, der in seiner Aktivzeit drei eidgenössische Kränze gewann.

Weniger Nachwuchs als andere

Dass die Eidgenossen langsam in die Jahre kommen, das ist auch in den anderen Verbänden so. Einzige Ausnahme: der Berner Kilian Wenger. Der amtierende Schwingerkönig ist erst 23 Jahre alt. Sempach, Stucki, und viele andere Favoriten von Burgdorf werden in drei Jahren am Eidgenössischen in Estavayer bereits 30 Jahre und älter sein.

Doch anders als im Bernbiet, der Innerschweiz oder in der Nordostschweiz, ist es im Raum Aargau, Solothurn, Basel keine Selbstverständlichkeit, dass junge Talente nachrücken. Zwar gibt es auch hier Regionen, in denen das Schwingen stark verankert ist, zum Beispiel im Freiamt, im Fricktal oder in Solothurn. «Doch an einen Schnuppertag kommen bei uns vielleicht 100 Leute. In der Innerschweiz sind es hingegen 1000», erklärt Strebel.

Aus der Masse sticht immer mal wieder ein Talent hervor. Das liegt in der Natur der Sache. Fehlt die Masse, müssen andere Wege eingeschlagen werden. Zum Beispiel eine gezielte und gute Förderung. «Unsere Nachwuchsarbeit ist sehr gut», sagt Strebel und wird entspannter auf seinem Stuhl. Denn an Jungschwingerfesten überzeugen die Nordwestschweizer. Darum ist er zuversichtlich, dass ihm die Eigenossen auf lange Sicht nicht ausgehen werden. Doch die Jungen brauchen Zeit. Vorerst muss es also die zweite Garde der Aktiven richten. «Und hier sind wir im Moment etwas schwach aufgestellt», sagt Strebel und übt auch leise Kritik.

«Viele sind sich nicht bewusst, was sie erreichen könnten. Aber es reicht nicht, einmal in der Woche in den Schwingkeller zu gehen.» Schwingen wird je länger, je mehr zum Spitzensport. Eine Entwicklung, die nicht alle bereit sind, mitzumachen. Doch es gibt sie, die Ausnahmen – auch in der Nordwestschweiz. Strebel nennt den Aargauer David Schmid als Beispiel oder die Basler Michael Gschwind und Roger Erb. «Die haben das Zeug zum Kranz in Burgdorf», sagt er.

An diesem Sonntag kommt es in Allschwil aber vorerst zum grossen Duell zwischen Gisler und Sempach. Die Hauptprobe fürs Eigenössische kann mental viel bewirken. «Ein Sieg von Gisler über Sempach würde ihm nochmals viel Selbstvertrauen geben», sagt Strebel. Und wer weiss, vielleicht wird Gisler in Burgdorf sogar König. Es wäre der erste Titel für den Nordwestschweizer Verband seit 1958 und dem Sieg des verstorbenen Aargauers Max Widmer. Und ein neuer König, das ist sicher, würde auch neue Eidgenossen finden.