Drei Schweizer Problemfälle

Gelson Fernandes vor Wechsel in die Ligue 1

Gelson Fernandes vor Wechsel in die Ligue 1

Das 0:0 gegen Italien ist primär der Torhüterkunst von Diego Benaglio zu verdanken. Andere Schweizer genügten den Anforderungen schlicht nicht. Der Weltmeister Italien deckte die Limiten von Fernandes, Senderos und Degen auf.

Sven Schoch

Die angenehmste Erkenntnis vorweg: Jene Kritiker, die an der internationalen Klasse von Benaglio noch immer gezweifelt haben, werden ihre Bedenken künftig etwas weniger laut äussern. Der Schweizer Goalie stoppte die hoch dekorierte Prominenz praktisch im Alleingang. Mit seinen fantastischen Paraden beeindruckte der 25- Jährige selbst den italienischen Star-Torhüter Gigi Buffon, der den «Wolfsburger» vor den italienischen Medien ausdrücklich lobte.

Auf Benaglios Niveau bewegte sich kein weiterer Schweizer mehr. Ottmar Hitzfeld teilte diese Einschätzung. Er beschönigte die Orientierungsprobleme seiner Equipe in der ersten halben Stunde gegen Italien nicht. Sie hätten den Gegner «nie in den Griff» bekommen und Glück gehabt. «Ein Fehlpass löste den anderen ab», nannte der Nationalcoach einen Grund für die erhebliche Instabilität. Die taktischen Mängel missfielen ihm. «Wir haben an der nächsten Teamsitzung einiges zu besprechen.»

Ein 0:0 gegen den Weltmeister ist im Prinzip für jede Mannschaft ein respektables Ergebnis. Die Schweizer dürfen für sich Anspruch nehmen, trotz einigen eklatanten Schwächen im Defensivbereich immerhin ein Remis erkämpft zu haben. Es gibt aber keinen Anlass, diesen «Punktgewinn» allzu hoch zu bewerten. Marcello Lippi verfälschte das Bild früh mit diversen Auswechslungen. Das ist dem smarten Chefstrategen Hitzfeld ohnehin klar.

Verloren haben die Schweizer im Kollektiv zwar nicht, aber einzelne Spieler sahen dennoch wie Verlierer aus. Fernandes beispielsweise trat den Beweis abermals nicht an, im zentralen Mittelfeld höheren Ansprüchen genügen zu können. Gewiss, der oft übereifrige Romand hat eine komplizierte Saison hinter sich. Der Transfer von Manchester City zu St-Etienne wird seine Situation entspannen.

Gegen Italien wirkte Gelson Fernandes indes wie ein Tourist, der mit seinem Mietauto in den Römer Stadtverkehr geraten ist - und ohne Navigationsgerät den Ausweg nicht mehr findet. Seine Laufwege waren wirr, die Pässe ungenau. Mit seiner chaotischen Spielweise verursachte Fernandes im Defensivkonzept der Schweizer gleich mehrere Zusammenbrüche.

Ähnlich unbeholfen wirkte Philippe Senderos. Der Stillstand im persönlichen Transferbereich - Arsenal und Everton haben sich noch immer nicht geeinigt - war spürbar. Von seiner Urkraft und dem einstigen Selbstvertrauen ist beim Genfer nichts mehr übrig. Das Timing beim Tackling fehlt, Gegner mit Speed drängen ihn sofort ans Limit.

Das Problem mit Fernandes ist derzeit relativ einfach zu beheben: Beni Huggel, der seit Hitzfelds Ankunft in der WM-Ausscheidung nur beim Debakel gegen Luxemburg (1:2) krank fehlte, wird in 22 Tagen im kapitalen Heimspiel gegen Leader Griechenland wieder an der Seite von Gökhan Inler spielen. Als Alternative stünde Blerim Dzemaili bereit, sofern er nach dem Abstieg mit Torino wieder einen Arbeitgeber in der Serie A findet. Oder Pirmin Schwegler, der in Frankfurt zum Stammspieler aufgestiegen ist und gegen Italien debütierte.

Der «Fall Senderos» hingegen ist nicht so elegant zu bewältigen. Sitzt der Innenverteidiger in London weiterhin fest, sinken seine Chancen auf einen Einsatz gegen die Griechen wohl markant. Hitzfeld fordert von seinen Nationalspielern ja immer wieder Spielpraxis. Und bei Arsenal ist Senderos' Lage mittlerweile fast aussichtslos. Eine Alternative wäre Steve von Bergen, der nach dem Abgang von Josip Simunic zum Stamm bei Hertha Berlin zählt. Unter Hitzfeld ist von Bergen aber noch nie eingesetzt worden.

Verschärfen wird sich wohl auch die Situation auf der rechten Abwehrseite. Philipp Degen kehrte zwar mit einer ordentlichen Leistung zurück, in den kommenden Wochen dürfte der Basler sein Wettkampfmanko in Liverpool kaum verringern. In defensiver Hinsicht hat Hitzfeld womöglich mindestens drei Personalfragen zu klären.
Wesentlich mehr Auswahl hat der Schweizer Selektionär im offensiven Mittelfeld und im Sturm. Eren Derdiyok ist in Leverkusen überzeugend zu seiner ersten Bundesligasaison gestartet. Dass der Joker wenige Minuten nach seinem Eintritt Gigi Buffon zu einer mirakulösen Parade zwang, ist unter Umständen kein Zufall. Der frühere FCB-Professional ist an vorderster Front der Mann der Zukunft.

Gleiches ist zu Johan Vonlanthen zu sagen. Beim FCZ wandelt er sich vom Sorgen- zum Wunschkind. Der jüngste Torschütze der EM-Geschichte ist mit wesentlich mehr spielerischen Qualitäten als Marco Padalino ausgestattet. Wenn Vonlanthen über Monate konstant - und womöglich in der Champions League - spielt, müsste er in Hitzfelds System wieder eine wichtigere Rolle erhalten.

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