CSI Zürich
Die Tränen fliessen wohl erst in zwei Wochen

Springeiterin Jessica Kürten nimmt heute beim Mercedes-CSI im Zürcher Hallenstadion Abschied vom aktiven Sport.

Michael Wehrle
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Abschied im Hallenstadion: Jessica Kürten beendet ihre Karriere.

Abschied im Hallenstadion: Jessica Kürten beendet ihre Karriere.

KEYSTONE

Die Fans im Hallenstadion liegen ihr zu Füssen. Jessica Kürten begeistert die Pferdfreunde am Mercedes-CSI nicht nur mit ihren tollen Ritten, sie glänzt auch an der Seite von Dagobert Cahannes, wenn sie als Kommentatorin bei der Challenge den Schweizer Nachwuchs unter die Lupe nimmt. «Wenn sie mich dafür im nächsten Jahr noch wollen, mache ich das weiter», sagt sie. Aufs Pferd steigt sie aber heute zum letzten Mal.

Das Hallenstadion hat die 45-Jährige für ihren Abschied gewählt, weil der CSI für sie das schönste Turnier ist. «Es ist diese besondere Atmosphäre hier von den Helfern bis zu den Gebrüdern Theiler», schwärmt sie: «Es ist wie in einer grossen Familie und wir Reiter sind Teil der Riesenshow.»

Es gebe nichts Schöneres für einen Reiter, als vom Publikum zum Sieg getragen zu werden. «Und ich habe eine besondere Beziehung zu den Zuschauern, sie haben mich so unterstützt und gefeiert, dass jeder Ritt eine Freude ist und eine Herausforderung, die Fans nicht zu enttäuschen», sagt sie.

«Wir sind zweimal Feuer»

Noch halte sie die Emotionen tief: «Ich bin ja hier, um gut zu reiten, nicht um zu winken. Bisher liefs allerdings nicht sehr gut, Am Donnerstag flog sie gar vom Pferd. Abschiedstränen fliessen aber bestimmt noch, spätestens in zwei Wochen, wenn meine Pferde nach Holland zurückkehren.» Gerade zu Hengst Arezzo habe sie einen sehr engen Draht und jede Trennung sei schmerzlich.

Gut geritten ist sie oft, besonders 2006. Da verpasste sie im Stechen des letzten Springens die Sonderprämie von 300 000 Franken. Klar habe sie sich geärgert, sonst wäre sie ja keine Sportlerin. Lange nachgetrauert aber habe sie dem Geld nicht. «Das habe ich bei anderen Turnieren gewonnen», sagt die ehemalige Nummer zwei der Welt. Zum Beispiel als Zweite des Weltcupfinals vor neun Jahren.

Doch der Sport sei ihre Herausforderung, nicht das Geld. Und jetzt brauche sie eine neue Herausforderung: «Eine, die mich an meine Grenzen bringt.» Sie möge die Langeweile nicht, so wenig wie ihr Mann Eckard: «Wir sind zweimal Feuer». Seit 20 Jahren sind die beiden zusammen. Ihm folgte die gebürtige Nordirin nach Deutschland. Vor vier Jahren verkauften sie dort ihre Anlage, zogen nach Liechtenstein.

Nun in Liechtenstein

Sie liebe Liechtenstein und die Schweiz. Als 18-Jährige lernte sie ein halbes Jahr lang bei Max Hauri. «Er hat mich mit seiner Fairness und Disziplin geprägt», zollt sie dem Aargauer ein dickes Lob. Deshalb habe sie immer einmal zurück in die Schweiz gewollt.

Nun sei es halt Liechtenstein. Auch wenn sie wisse, dass ein Schweizer das nicht gerne höre, für sie sei es dasselbe: «Aber mir als Ausländerin verzeihen sie das wohl.» Zumal sie jetzt noch Schweizerdeutsch lerne. Heimweh habe sie nie gehabt. «Ich wollte als junges Mädchen Reiterin werden, in den grossen Sport, und da war mir die Insel zu klein», erzählt sie.

England wäre noch eine Möglichkeit gewesen, da leben ihre Schwestern, und sie möge das Land auch sehr. Doch es wurde halt Deutschland und nun Liechtenstein. Und da locken die Berge, die sie liebt. Oft seien sie und ihr Mann dort unterwegs, noch zu Fuss. «Aber jetzt möchte ich es mal auf den Brettern probieren, es kitzelt», verrät sie. Bisher habe ihr Manager, das ist ihr Mann, ihr das Skifahren verboten: zu gefährlich.

Auf den Spuren ihrer Mutter

Jessica Kürten aber bleibt dem Reitsport treu, als Trainerin. «Ich habe schnell einen neuen Anfang gefunden», sagt sie. Mit Iris Gautschi und Edwin Smits nutzen bereits Sportler die reichhaltige Erfahrung der Teameuropameisterin von 2001 mit Irland. «Andere halfen mir, meinen Traum zu verwirklichen, jetzt kann ich etwas für andere tun», sagt sie.

Ihre Mutter sei Lehrerin gewesen, lange sei dieser Beruf für sie abschreckend gewesen. «Aber offenbar liegt er mir doch etwas im Blut», sagt sie. Es mache ihr jedenfalls grossen Spass, zu helfen. «Ich bin überzeugt, mit Fleiss und viel Arbeit kann man im Reitsport weit kommen, wenn man dann noch die entsprechenden Spitzenpferde bekommt», sagt sie. Eine Spitzentrainerin wird sie ganz bestimmt.