Kessler
«Die Spieler brauchen Unterstützung»«Die Spieler brauchen Unterstützung»

Der langjährige Juniorentrainer und Bezirksamtmann Ambrosius Kessler über Fussball, die U17 und Straftäter. Im Schatten der U17-Weltmeister trainieren im Fricktal Hunderte von Fussballjunioren. Hier sieht das Bild nicht ganz so rosig aus wie bei der Nati.

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Ambrosius Kessler

Ambrosius Kessler

Aargauer Zeitung

Nadine Böni

Während die ganze Schweiz die jungen Fussballer der U17-Nationalmannschaft feiert, trainieren im Fricktal abseits des Rampenlichtes Hunderte von Junioren dafür, vielleicht auch einmal gross herauszukommen. Ambrosius Kessler kennt die Situation im regionalen Fussball und auch dessen Probleme. Der 61-jährige Bezirksamtmann war jahrelang erfolgreicher Juniorentrainer und weiss, was der Fuss-ball für die jungen Spieler bedeutet.

Ambrosius Kessler

1982 startete der Rheinfelder Bezirksamtmann Ambrosius Kessler seine Karriere als Juniorentrainer. Damals hatte er als Kantonspolizist von Brugg nach Spreitenbach gewechselt. Um seinen beiden Kindern - damals sieben- und vierjährig - eine gute Freizeitbeschäftigung zu bieten, übernahm Kessler eine Juniorenmannschaft des FC Spreitenbach.Nach einem berufsbedingten Wechsel ins Fricktal (Kessler wurde in Frick Postenchef) übernahm Kessler auch beim FC Frick einen Posten als Juniorentrainer. Schliesslich wechselte er gemeinsam mit seinem talentierten Sohn zum FC Aarau. Dort wurde Ambrosius Kessler mit seinen D-Junioren zweimal Aargauer Meister. Schliesslich übernahm der heute 61-jährige Kessler beim FC Aarau eine Talentmannschaft. Kessler amtete als Scout und suchte bei umliegenden Mannschaften nach talentierten Spielern. Unter anderem betreute er in dieser Zeit Sven König (heute Ersatztorhüter beim FC Luzern) und Sandro Burki (aktuell Captain des FC Aarau). Die beiden Spieler waren Teil der Schweizer U17-Nati, die 2002 U17-Europameister wurde. Vor sechs Jahren hat sich Ambrosius Kessler vom Juniorenfussball zurückgezogen. Aber auch heute noch verfolgt er den Sport aktiv. Seine Enkelkinder sind begeisterte Fussballer. (nbo)

Die U17 ist Weltmeister. Das wirft ein gutes Licht auf den Juniorenfussball in der Schweiz. Wie läufts mit den Junioren im Fricktal/Aargau?
Ambrosius Kessler: Wir haben sehr gute und engagierte Trainer, die jedoch meistens den Erfolg höher setzen als das Ziel ihrer Arbeit: die Ausbildung der jungen Spieler. Bei der U17 hat man jetzt gesehen, dass aber gerade diese Ausbildung das Wesentliche ist. Man darf den Erfolg nicht höher stellen. Sonst gibt es viele Spieler, die am entstehenden Erfolgsdruck scheitern.

Wie kann das verhindert werden?
Kessler: Im entscheidenden Alter haben die Spieler so viele Probleme, wo sie Unterstützung bräuchten. Druck in der Schule, Druck in der Familie, Druck im Fussball. Das kann nicht aufgehen. Wünschenswert wäre deshalb ein Umdenken bei den Vereinsverantwortlichen. Nicht der momentane Erfolg soll das primäre Ziel eines Juniorentrainers sein, sondern die Ausbildung des jungen Menschen zu einem Spieler, auf den man in allen Belangen - sowohl im spielerischen wie auch im charakterlichen Bereich - stolz sein kann.

Genau das hat Dany Ryser, Trainer der U17, bestätigt. Was erhoffen Sie sich davon?
Kessler: Leider wird schnell wieder vergessen, wie wichtig die persönliche Entwicklung der Spieler ist. Wenn es im nächsten Sommer wieder um die vorderen Plätze, um den Aufstieg oder den Abstieg geht, wird es wieder so sein wie immer. Leider. Das geht von den Vereinsverantwortlichen aus. Ein Beispiel aus meiner Vergangenheit: Ich habe für den FC Aarau talentierte Spieler gesucht. Ich habe mit vielen Vereinsverantwortlichen geredet, die ihre Spieler nicht hergeben wollten, weil so ihre Mannschaft geschwächt würde. Da wurde nicht an die Entwicklung des Spielers gedacht. Und das ist schlecht.

12 von 21 U17-Weltmeistern sind Secondos. Kennen Sie dieses Bild von Mannschaften aus der Region?
Kessler: Ja. Persönlich habe ich beim FC Frick vor Jahren eine Italiener-mannschaft gegründet und geleitet. Dabei haben neben den Italienern auch Jugoslawen und Türken gespielt. Diese Spieler waren absolut integriert und aufgrund ihres fussballerischen Talentes auch beliebt.

Wie haben Sie als Trainer Schweizer und ausländische Spieler oder Secondos zu einer Mannschaft vereint?
Kessler: Probleme treten meistens nur auf, wenn keine Disziplin und keine Achtung untereinander bestehen. Es ist sehr wichtig, dass der Trainer Vorbild für die jungen Spieler ist und bleibt. Ein Fussballlehrer muss seinen Spielern nicht nur Technik und Taktik beibringen. Respekt, Fairness und Charakterbildung sind wichtige Punkte. Beleidigungen oder abschätzige Bemerkungen sind sofort konsequent zu unterbinden und mit Sanktionen zu belegen.

Wie sahen diese Sanktionen bei Ihnen aus?
Kessler: Ich habe den Spielern klargemacht, dass sie nie mehr bei mir spielen werden, wenn sie Drogen nehmen, Schlägereien anfangen oder jemanden beleidigen. Da musste ich als Trainer aber auch konsequent sein: Ein Spieler hat Drogen genommen. Er hat nie mehr gespielt. Die Spieler wollen vor allem spielen und hüten sich davor, dieses Privileg durch interne Querelen aufs Spiel zu setzen.

Der Hobbyfussball darf auch nicht vergessen werden.
Kessler: Richtig, der Allgemeinsport ist wahnsinnig wichtig. Jeder Mensch, der sich mit Fussball oder einem anderen Sport intensiv beschäftigt, der hat eine Aufgabe. Wenn wir miteinander spielen - auch wenn es nur ein Hobby ist -, haben wir etwas gemeinsam. Wir reden vom Gleichen und befassen uns damit. Wir haben eine Aufgabe. Vielen Menschen, die straffällig werden, fehlt das. Darum habe ich immer schon gesagt, dass es Leute braucht, die diese jungen Menschen abholen, sie beschäftigen. Dann fehlt den Jugendlichen die Gelegenheit, straffällig zu werden. Jeder Mensch hat irgendwo ein Talent. Dieses Talent muss man erkennen, dann könnte man vieles verhindern.

Kann Fussball auch jungen Straftätern helfen?
Kessler: Ich habe den umgekehrten Weg schon erlebt. Nach der Auflösung der Italienermannschaft in Frick ist ein ehemaliger Spieler in die Drogenszene abgestürzt, ein weiterer hat Diebstähle begangen. Junge Leute, die mit Begeisterung einer Beschäftigung nachgehen - und da meine ich nicht nur Fussball -, sind weniger gefährdet, mit dem Gesetz in Konflikt zu kommen als andere, die aus Langeweile oder Frust Straftaten begehen.

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