David Schmid lag in der Garderobe auf der Massagebank, als sein Bruder Samuel hereingestürzt kam und sagte: «Schnell! Du musst sofort wieder raus, du hast gewonnen!»
Wenig später steht der bald 28-jährige Fricktaler da – barfuss und mit Tränen in den Augen. Zeit, die Schuhe anzuziehen, blieb nicht. Auch nicht, um zu realisieren, was da gerade passiert war. «Es ist Wahnsinn.»

1.25 Punkte lag Schmid vor dem sechsten Gang hinter Mike Müllestein zurück. Dem Innerschweizer genügte im Schlussgang ein Unentschieden für den Festsieg. Und weil es im Schlussgang für ein gestelltes Resultat in gefühlt 99 Prozent aller Fälle 9.00 Punkte gibt, ging Schmid nach seinem Plattwurf gegen Johann Scherrer mit der Gewissheit in die Garderobe, das Fest mit Kranz und einer Spitzenklassierung abzuschliessen. «Nie hätte ich gedacht, dass mir meine 10.00 Punkte noch zum Sieg reichen.»

Der erste Dreifachsieg

Er irrte sich. Weil Müllestein für seinen passiven Auftritt gegen Simon Anderegg nur 8.75 Punkte erhielt, holte der Aargauer 1.25 Punkte auf und beendete das Fest punktgleich mit dem Innerschweizer und Samuel Giger, der im sechsten Gang ebenfalls 1.25 Punkte gutmachte. Einen Dreifachsieg gab es in der 111. Geschichte des Nordwestschweizer Schwingfestes zuvor noch nie.

Giger erfuhr von seinem fünften Sieg in seinem fünften Kranzfest der Saison (!) auf dem Nachhauseweg. Interviews, warum die Siegesserie riss, hatte er zuvor schon gegeben. So aber wurde es für den erst 20-Jährigen der 12. Kranzfestgewinn der Karriere.

Titelverteidigung zu Hause

Für David Schmid war es eine Premiere. Sein bisher grösster Erfolg war der Kranzgewinn am Eidgenössichen Schwingfest 2016 in Estavayer. «Mit diesem Sieg habe ich ein weiteres grosses Ziel erreicht», sagt er. «Aber weitere Sieg dürfen gerne folgen.» In seiner Heimatgemeinde Wittnau findet im nächsten Jahr das Nordwestschweizer Fest statt. Gestern sind darum etwas mehr als 100 Wittnauer nach Basel gereist, um die Fahnenübergabe zu erleben.

«Wir sind ein kleines Bauerndorf, das verrückt nach Schwingen ist», sagt David Schmid. Ziemlich verrückt: Die Muni-Taufe in der vergangenen Woche, ein Anlass, der ein Jahr vor einem Wettkampf meist nur wenige Zuschauer anlockt, wurde zum Volksfest. Kaum auszumalen, was 2019 los sein wird, wenn David Schmid zu Hause seinen Titel verteidigt.

Ein athletischer Schwinger

Helfen könnte dem Landwirt, dass er vor seinen Kämpfen komplett abschaltet. Zuerst allein etwas abseits, dann kniend am Rand des Rings. «Ich blende dann alles aus», sagt er. Es sind Momente der inneren Ruhe, wenn er mit der Hand ins Sägemehl greift und die Späne durch seine Finger rieseln lässt. «Es gibt dann nur noch mich und den Kampf.» Die Zuschauer, die TV-Kameras, die Fotografen – nichts ist mehr da, bis sich der Aargauer mit einem lauten Schrei selber weckt und in die Platzmitte marschiert.

Schmid ist ein athletischer Schwinger. Während viele seiner deutlich schwereren Konkurrenten bereits nach kurzer Wettkampfdauer schwer atmen, bleibt sein Puls tief. «Gerade in der Hitze ist das ein Vorteil.» 33,6 Grad waren es in Basel gestern gemäss Meteo Schweiz maximal. Messungen direkt über dem Sägemehl ergaben aber Spitzenwerte von bis zu 44 Grad. «Ich bin ein Schönwetterschwinger», sagt Schmid und lacht.

Ein Nordwestschweizer Neukranzer

Neben dem Fricktaler überzeugten bei diesen Extrembedingungen weitere Nordwestschweizer. Der Aargauer Nick Alpiger («Ich arbeite auf dem Bau und bin es gewöhnt, wenn die Sonne brennt») belegte Schlussrang zwei. Auf Rang drei folgten der Solothurner Marcel Kropf und Tobias Widmer. Der Aargauer arbeitet zwar im Büro. «Aber wir haben keine Klimaanlage. Das hat mir jetzt am Nordwestschweizer geholfen.»

Die ersten Teilverbandsfest-Kränze gab es für Reto Leuthard aus Merenschwand und Simon Stoll aus Mümliswil. Den ersten Kranz überhaupt gewann der Aargauer David Widmer aus Mönthal. Ein Schwinger aus der Stadt Basel schaffte es am Heimfest nicht auf einen Kranzrang. Mit Janic Voggensperger aus Schönenbuch konnte aber ein Schwinger aus Basel-Landschaft die begehrte Auszeichnung ergattern. Gleiches gelang auch dem Solothurner Urs Hauri. Eine Massage haben sich damit alle verdient. Zumindest bei David Schmid ist verbürgt, dass diese gestern ausfiel. Dafür gab es in Wittnau ein Fest, das sicher lange dauerte.

 Das sagt Kranzfestsieger David Schmid zu seinem Sieg

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