Base-Jumper
Die junge Frau, die ihre Flügel nach aussen stülpt

Wo sind eigentlich die Springerinnen? Wir trafen Melanie Goldoni einen Tag vor der WM in Lauterbrunnen

Max Dohner
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«Mit Todessehnsucht hat das nichts zu tun», sagt die junge Frau, «es ist das Leben, weshalb ich springe.»

Der Satz fällt nur einen Tag bevor das Wingsuit Base Race beginnt, die WM der Fledermausmänner in Lauterbrunnen an diesem Wochenende. Da ist Melanie Goldoni aus Binningen BL zum dritten Mal dabei, als Helferin. Aber selbstverständlich wird sie auch selber springen zwischendurch. Sie sagt das ruhig, ohne die üblichen Base-Jumper-Floskeln. Das Wort «Adrenalin-Kick» erwähnt sie nie. Völlig frei von diffusen Gedanken, findet sie ganz eigene Worte, um zu erklären, weshalb Base-Jumping für sie so viel Leben enthält – wenige Stunden nur, ehe im Berner Oberland ein weiterer Base-Jumper in den Tod stürzt, gestern in Kandersteg, diesmal ein 33-jähriger Deutscher.

Von kühnen Männern, die sich tausend Meter über dem Abgrund von einer Kante stürzen, ist oft die Rede, auch von den Opfern, die der Extremsport jede Saison fordert, zumal in Lauterbrunnen, wo Ortsansässige zunehmend gegen den – hierzulande nicht verbotenen – «Todestourismus» aufbegehren. Auf einschlägigen Sites findet man durchwegs nur Männer. Auch auf jener «dunklen Tafel», auf der die tödlich Verunglückten aufgelistet sind. Wo, fragten wir uns, sind eigentlich die Frauen? Spüren Frauen den «Kick» nicht? Können oder wollen sie darauf verzichten?

Dann fanden wir Melanie Goldoni. Die 32-Jährige war gerade unterwegs in Norwegen, wo sie, nach einem mehrstündigen anstrengenden Aufstieg, von hohen Wänden in tiefe Fjorde sprang und dabei, ehe sich der Fallschirm öffnete, zwanzig, dreissig Sekunden lang fliegen konnte. Aber sie kam kurz zurück nach Binningen, ehe sie weiterreiste nach Lauterbrunnen. Da stoppt sie an diesem Weekend nun die Zeit von Leuten im freien Fall und im Schirmflug. Oder sie hilft einem Fotografen, der von der Schilthornbahn aus die Springer fotografiert. Selbstverständlich sitzen die beiden auf dem Kabinendach, nicht profan in der Kabine selbst.

Rauf kraxeln, runter stürzen

Melanies wohl bester Satz fällt früh: «Wenn man mich suchen musste, musste man immer nach oben schauen.» Sie erzählt von ihrer Kindheit. Der Vater nahm sie mit auf Wanderungen, dann auf Klettertour. Er zeigte ihr die Tiere, lehrte sie die Blumen. Und Melanie kraxelte überall nach oben. Sie war nie am Meer, während der Ferien immer in den Bergen. Sie verlor den Schwindel, sollte sie Schwindelgefühle jemals gehabt haben. Und dann, irgendwann, nachdem sie stets nach oben geklettert war, packte sie die Lust, sich wieder hinunterzustürzen. Und erst das ist das eigentliche Rätsel.

Es begann mit Fallschirmspringen, setzte sich fort mit Base-Jumping, und nun nähert sich Melanie behutsam dem Springen mit dem Wingsuit an, jenem Anzug mit Stoffhaut zwischen den Gliedmassen, die noch mehr Flug erlaubt.

Was passiert eigentlich im Moment, wo man den Halt verliert, im Wissen, dass unter den Füssen nichts mehr ist als Luft?

Melanie Goldoni sagt: «Die Zeit steht still in den letzten Sekunden. Die Gedanken sind absolut in der Gegenwart.» Sie überlege indes nicht viel: «Ich mache einfach.» Melanie Goldoni wirkt so klar und fest in Bezug aufs eigene Gefühl, dass man nicht zweifelt daran, wie sie bei Unbehagen unverrichteter Dinge umkehren und wieder absteigen kann, auch wenn rund um sie alle Männer weitermachen und trotzdem springen. «Das Wetter muss stimmen», sagt sie, «aber auch das eigene Befinden. Wälze ich Probleme, oder bin ich mit dem falschen Bein aufgestanden, springe ich nicht.»

Der Baum mit einer Ohrfeige

Kann man sich das nicht auch vorstellen? Warum sich in die Wirklichkeit, also in Angst und Schrecken versetzen? «Wenn man einen mega-attraktiven Mann vor sich hat», antwortet Melanie, «will man von ihm auch nicht bloss träumen, oder?» Sie träume durchaus vom Fliegen, lieblich: Sie schwebt von Baum zu Baum.

Flügel hat sie sich nach Fallschirm-Sprüngen auf den Rücken tätowieren lassen – und ist dann gleichsam damit weitergeflogen. Im Traum hatte sie noch nie einen Angststurz erlebt. Und in Wirklichkeit? Einmal, sagt sie, als sie mit dem Fallschirm in einem Baum landete und ein Ast ihr eins schmierte: «Das war harmlos ausgegangen und trotzdem wie eine Ohrfeige. Danach wusste ich: nicht zu schnell! Respektiere die Limite! Wir gehen beim Base-Jumpen an eine Grenze, wo wir nicht hingehören. Darum springen wir mit Respekt, aber ohne Angst.»

140 Base-Jumps zwischen 45 und 1400 Meter Höhe hat Melanie bis-
her absolviert. Sie sprang von Brücken, Wolkenkratzern, Felsnasen, in Deutschland gar von einem Windrad. Haben Vater und Mutter Angst um sie? «Natürlich», sagt Melanie: «Ich habe die beiden heute wenigstens so weit, dass sie sich Videos von meinen Sprüngen anschauen können. Papa kommentiert das meist technisch. Aber mitkommen an einen Anlass wollen sie noch nicht.» Wir verstehen die Eltern voll und ganz: Melanie ist eine sehr gewinnende, junge Frau, vielleicht wegen ihres Sports. Aber eben drum: Wir klopfen auf Holz.

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