Gestern traf es neben drei weiteren Athleten auch Russlands Volkshelden Alexander Subkow, der bei den Winterspielen 2014 in Sotschi zweimal Gold gewann. Den Olympiasieg im Zweier erbt Beat Hefti – zumindest vorläufig. Denn die endgültige Entscheidung, ob die IOC-Urteile juristisch standhalten, fällt der Internationale Sportgerichtshof (CAS) in Lausanne.

Das IOC wählte mit einer Ausnahme in allen 15 bisher kommunizierten Urteilen die Höchststrafe «lebenslänglich». Für die russischen Sportler soll es keine Auftritte mehr unter den fünf Ringen geben. Nur Eiskunstlauf-Olympiasiegerin Adelina Sotnikowa wurde vom Dopingverdacht freigesprochen. Auf der Basis welcher individueller Schuldbeweisen die Urteile gefällt wurden, hat das IOC bisher nicht kommunziert. Die ersten Begründungen sollen am Montag veröffentlicht werden. Bis spätestens am 5. Dezember wird Oswald alle 29 Angeklagten abgearbeitet haben. Dann trifft sich die Führung des Olympischen Komitees in Lausanne, um über Kollektivstrafen gegen den russischen Sport zu entscheiden.

Alexander Subkow (ganz rechts) werden die Olympiasiege von Sotschi aberkannt

Alexander Subkow (ganz rechts) werden die Olympiasiege von Sotschi aberkannt

Bisher zweifelten höchstens die Anwälte der angeklagten russischen Athleten die Rechtmässigkeit der Oswald-Urteile an. Für die breite Öffentlichkeit hingegen waren sie Genugtuung und Beleg dafür, dass der kanadische Jurist Richard McLaren mit seinen Anschuldigungen zur russischen Dopingpraxis richtig lag. Und nun dies! Der Skiverband FIS lässt Olympiasieger Legkow und fünf weitere vom IOC verurteilte Langläufer starten. Als totales Chaos werten Medien und Konkurrenten diesen Schritt. Beim IOC spricht man hinter vorgehaltener Hand von einem Schuss in den Rücken. IOC-Präsident Thomas Bach soll ausser sich gewesen sein vor Wut, berichtet ein Insider.

Gegensätzliche Entscheide

Tatsächlich präsentiert sich der internationale Sport in diesen Tagen wieder einmal in einem arg schiefen Licht. Da scheint jede Organisation ihr eigenes Süppchen zu kochen, das Timing könnte schlechter nicht sein und von einem koordinierten Vorgehen fehlt jede Spur. Noch mehr Konfusion erzeugte gestern der Bob- und Skeleton-Weltverband IBSF, der die vom IOC ausgeschlossenen vier russischen Skeleton-Piloten vorläufig sperrt. Die Entscheidung der FIS tanzt damit noch mehr aus der Reihe.

Aber sie ist logisch und juristisch ohne Alternative. «Hätten wir die Russen gesperrt, das CAS hätte den Entscheid innert 24 Stunden aufgehoben», prophezeit ein nicht genannt sein wollender Vertreter der FIS. Denn im Gegensatz zum Bobverband war die FIS bereits an ein Urteil des CAS gebunden. Die Lausanner Richter urteilten im ersten «McLaren-Fall» diesen Sommer über die Rechtmässigkeit der vorläufigen Sperre, welche die FIS im vergangenen Dezember gegen Legkow und Co. ausgesprochen hatte. Das CAS sah diese Suspendierung zwar als rechtmässig an, verpflichtete die FIS aber, sie per 30. Oktober aufzuheben – wenn nicht neue Beweise vorgelegt werden.

«Es gibt keine einheitliche Linie»

Die Oswald-Kommission hat nun zwar ein Urteil gesprochen, aber nicht mitgeteilt, auf welchen Beweisen es beruht. Die FIS hat vergeblich darauf gedrängt, neue Erkenntnisse vorzulegen. Kommt hinzu, dass die Urteilsbegründungen des IOC für mit den Fällen vertraute Juristen umstritten sind. «Es gibt keine einheitliche Linie, auf was die Urteile basieren», sagt ein Fachmann.

Entscheiden muss letztlich das CAS, ob diese Indizien für eine Bestrafung ausreichen. Bei der FIS ist man offensichtlich skeptisch. Helfen könnte die Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada), die mitten in den Athletenhearings der Oswald-Kommission bekannt gab, dass ihr «relevante neue Informationen» zugespielt wurden. Offenbar die Original-Protokolle des Moskauer Anti-Doping-Labors über Proben der russischen Sportler. Die FIS forderte die Unterlagen mehrmals vergeblich an und auch das IOC soll noch nicht im Besitz dieses vielleicht entscheidenden Puzzleteils sein.

Wieso man nun trotzdem auf Basis von juristisch unsicheren Belegen vorzeitig Urteile fällt und wieso die grossen Sportorganisationen nicht zum ersten Mal in der Causa McLaren aneinander vorbei agieren, mag ihr Geheimnis bleiben. Der Aufklärung des Dopingskandals förderlich ist dies allerdings nicht.